Kurioses Geschäftsmodell Das Handy als SARS-Detektor
Hongkong - Eine SMS erreicht eines der 5,2 Millionen Handys in Hongkong. Auf dem Display erscheint eine Liste aller als SARS-verseucht bekannten Gebäude im Umkreis. Schnell ändert der Handy-Kunde seine Marschroute, um einem Wolkenkratzer auszuweichen, in dem mehrere SARS-Fälle registriert wurden.
Dieses neue mobile Virus-Warnsystem hat in Hongkong einen vielversprechenden Absatzmarkt gefunden. Immerhin gehören in der Stadt Handys - und schon vor Ausbruch der Lungenseuche SARS - auch Mundschutz zum Straßenbild.
Entdeckt hat die Marktlücke das Hongkonger Mobilfunkunternehmen Sunday Communications. Während die asiatische Wirtschaft unter den Folgen von SARS ächzt, versucht Sunday, die allgegenwärtige Angst fürs Geschäft zu nutzen. Rund 1458 Menschen sollen in Hongkong bereits am Schweren Akuten Atemwegssyndrom erkrankt sein, von rund 105 Todesfällen ist die Rede.
Das SARS-Warnsystem funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie andere Location-Based Services (LBS), die auch schon in Europa zum Einsatz kommen. Werden dort Kinos, Tankstellen oder Restaurants geortet, spürt Sunday Gebäude auf, in denen infizierte Menschen gerarbeitet haben. Kunden werden seit Mitte April über ihr Handy automatisch lokalisiert und nötigenfalls gewarnt. Die SMS-Informationen stützen sich auf die von den Behörden veröffentlichte Warnliste.
Darauf sind alle Gebäude zu finden, in denen sich in den letzten zehn Tagen SARS-Patienten aufgehalten haben. Momentan sind 119 Adressen in Hongkong vermerkt. "Mit dem Wählen von ein paar Ziffern, erhält der Telefonteilnehmer rasch den seelischen Frieden, den er braucht, um seinen Alltag zu bewältigen", schreibt Sunday-Chef Hicks in einer Pressemitteilung. Seine Kunden zahlen für den Service sechs bis 16 US-Cents pro Minute. Die hoffentlich "virenfreien" Routen können indes auch in diversen Zeitungen nachgelesen werden.
Angaben darüber, wie viele Menschen den mobilen Warndienst bisher in Anspruch nehmen, macht Sunday bisher nicht. Die Reaktionen der Nutzer sind unterschiedlich. "Es ist sehr nützlich wenn ich in stark betroffene Gegenden gehe", sagte etwa Vivian Ho, ein 27-jähriger Anwalt und Sunday-Kunde, gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Anderer Meinung ist Lee Kam-hung, 42-jähriger Angestellter in einem Elektrizitätswerk. Er ist zwar Sunday-Kunde, befürchtet aber, dass der Service noch mehr Panik erzeugt: "Wenn die Leute von diesen verseuchten Gebäuden weglaufen, werden wir einfach noch mehr Chaos haben."
Genau solch eine Panik versuchen die Behörden zu verhindern. Auch sie verschicken SMS, jedoch nicht zur Warnung, sondern zur Beruhigung. Mit rund sechs Millionen Textmitteilungen wurde Anfang des Monats das von einem Teenager im Internet lancierte Gerücht dementiert, Hongkong sei von den Gesundheitsbehörden offiziell zur "infizierten Stadt" erklärt worden. Jeder Hongkonger, der ein Handy besitzt, erhielt die Entwarnung auf sein Telefon - eine Premiere in der Geschichte der Metropole.
Sunday Communications möchte mit seinem neuen Service keine Zielgruppe verärgern, auch nicht die Erkrankten. "Wir müssen auch an die Menschen denken, die immer noch mit dem Virus kämpfen", schreibt Hicks. In einer Marketing-Aktion wurden daher rund 1000 SIM-Karten an SARS-Patienten gespendet - laut Firmenmitteilung, um ihnen "den Kontakt zur Außenwelt" zu ermöglichen.