Läster-App Whisper soll heimlich Nutzerdaten sammeln - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Verräterische Läster-App Whisper speichert offenbar heimlich Geodaten der Nutzer

Lästern, tratschen, verraten: Die Nutzer der Whisper-App verbreiten Geheimnisse im Netz, weil sie glauben, anonym zu bleiben. Doch laut einem Medienbericht sammelt der App-Anbieter etliche Informationen über die Mitglieder - und gibt sie weiter.
Whisper-Screenshot mit Geständnis: Geodaten werden auch dann gespeichert, wenn der Nutzer die Funktion abgeschaltet hat
Whisper-Screenshot mit Geständnis: Geodaten werden auch dann gespeichert, wenn der Nutzer die Funktion abgeschaltet hat

Whisper-Screenshot mit Geständnis: Geodaten werden auch dann gespeichert, wenn der Nutzer die Funktion abgeschaltet hat

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Tratschnetzwerk Whisper lebt davon, dass die Nutzer anonym bleiben. Schließlich lästern die Mitglieder über Mitmenschen, plaudern private und geschäftliche Geheimnisse aus. Whisper verspricht den Nutzern im Gegenzug, dass sich die Botschaft nicht zurückverfolgen lässt. Doch genau diese sensiblen Daten werden offenbar bei Whisper jahrelang gespeichert. Laut einem Bericht des "Guardian"  sammelt der App-Anbieter die Geodaten der Whistleblower, auch wenn die Nutzer die Angabe des Orts ausdrücklich in den Einstellungen verweigern. In dem Fall wird der Ort dann nicht über die GPS-Daten, sondern über die IP-Adresse des Smartphones ausgelesen.

Whisper soll es seinen Nutzern möglich machen, der Welt ein Geheimnis mitzuteilen, ohne dass die Welt herausfindet, wer es verraten hat. Oft kommen dabei banale Dinge heraus, kleine Alltagsbeichten wie diese: "Meine Ex-Freundin hat mir ein Foto geschickt, wie sie mit ihrem neuen Freund schläft. Ich hab es ihrem Vater geschickt." (siehe Fotostrecke) Trotzdem wollen den Dienst viele nutzen und lesen: Genaue Nutzerzahlen gibt es zwar nicht, doch nach Angaben der Betreiber  kam der Beichtdienst - von dem es auch eine Webversion  gibt - im Jahr 2013 auf 2,5 Milliarden Seitenaufrufe pro Monat.

Auf die enorme Geodatensammlung  seien die Reporter des "Guardian" jetzt bei einer Führung durch das Unternehmen gestoßen. Sie seien mit einem Passwort ausgerüstet worden, das Zugriff auf eine riesige Bibliothek an Texten und Bildern gewährte - und in vielen Fällen auch auf den Standort der Nachrichtenurheber. "Die Entwickler des Unternehmens haben ein Back-End-Analyseprogramm erstellt, um noch genauere Suchanfragen an die Datenbank stellen zu können, die mächtigste davon ist die Bestimmung von Standorten", heißt es in dem Bericht. Mit dieser Suchfunktion sollen die Entwickler den Ursprungsort der Nachricht auf bis zu 500 Meter genau eingrenzen können.

Fotostrecke

Apps Whisper und Secret: Dunkle Geheimnisse, flotte Märchen

Das widerspricht den ursprünglichen Nutzungsbedingungen der App. Darin steht, es sei "völlig freiwillig, die Erlaubnis für den Zugriff und die Bestimmung der Standortinformationen zu erteilen". Mittlerweile hat das Unternehmen allerdings in aller Stille reagiert. Nachdem der "Guardian" dem Unternehmen mitgeteilt hatte, dass Reporter einen Artikel über die gespeicherten Standortdaten veröffentlichen würden, hat Whisper die Privatsphärerichtlinien  zu Beginn dieser Woche geändert. Nun heißt es darin, dass die Nutzer daran denken sollen, dass "wir auch dann deine Stadt, deinen Bundesstaat und dein Land bestimmen können, wenn du die Standortdaten deaktiviert hast".

Daten sollen ans Verteidigungsministerium weitergegeben werden

Der Ort wird laut dem "Guardian"-Bericht selbst dann gespeichert, wenn der Absender davon ausgeht, dass seine Nachricht gelöscht worden ist. Zwar seien keine Namen oder Telefonnummern in der Datenbank hinterlegt, aber sowohl die Zeit als auch der ungefähre Ort aller Nachrichten, die seit der Veröffentlichung der App im Jahr 2012 verschickt worden sind. Der Konzern gibt hingegen an, die Nachrichten nur "kurze Zeit zu speichern". Über die Geodaten lässt sich ziemlich genau nachvollziehen, ob die geheimen Botschaften etwa aus einem Regierungsgebäude wie dem Weißen Haus gesendet worden sind. Auch lässt sich nachvollziehen, ob der App-Anwender in der Zwischenzeit an einem anderen Ort lebt oder Nachrichten aus einem neuen Unternehmen sendet.

Diese gespeicherten Daten stellt Whisper laut dem Bericht auch dem Verteidigungsministerium zur Verfügung. Beispielsweise sollen Botschaften an Ermittler weitergeleitet werden, die von Selbstmord und Selbstverletzungen handeln und von Smartphones innerhalb einer US-Militärbasis versendet worden sind.

Whisper-Chef droht dem "Guardian"

Auch einige Nachrichtenportale haben in den vergangenen Jahren auf die Dienste von Whisper zurückgegriffen, darunter etwa "Mashable", "Buzzfeed" und auch der "Guardian". Nach den Vorwürfen haben sich sowohl "Buzzfeed" als auch der "Guardian" dazu entschlossen, vorerst nicht mehr mit dem App-Anbieter zusammenzuarbeiten.

Der Whisper-"Chefredakteur" Neetzan Zimmerman  zeigte sich empört über die Vorwürfe. Bei Twitter schreibt er, das "Guardian"-Stück sei "mies und voller Lügen. Wir werden sie alle entlarven." In einem weiteren Tweet droht Zimmerman  den Reportern sogar: Der "Guardian" habe einen Fehler begangen, den Bericht zu veröffentlichen, "und sie werden es bereuen."

jbr/juh