Lan-Generation Kurklinik wird zum Partyraum
Bad Dürrheim - Erstmals wurde eine solche Party medizinisch überwacht: Der ärztliche Direktor der Waldeck-Klinik, Carl-Arthur Hartwig, nutzte die Chance für eine Feldstudie über die Auswirkungen des 48 Stunden dauernden Spektakels auf die Jugendlichen.
Das Innere des geräumigen Konferenzsaales der Klinik glich einer Einsatzzentrale: Schwere Vorhänge dunkelten die Räumlichkeit ab, fingerstarke Kabel querten in dicken Bündeln den Saal. Auf und unter den Tischen standen Computeranlagen, über hundert Bildschirme flimmerten. Die Jugendlichen starrten mit Kopfhörern und Mikrofonen ausgestattet auf die Mattscheiben.
Auf über 40.000 Spieler schätzen Insider die Anhängerschar allein in Deutschland. "Weltweit gibt es inzwischen mehr Computernetzwerkspieler als Handballspieler", berichtet Tobias Beck, einer der Initiatoren des Treffens in Bad Dürrheim. Ähnlich wie in echten Sportarten gibt es auch beim virtuellen Zusammentreffen mittlerweile so etwas wie eine Bundesliga. Dabei treten Einzelspieler oder Gruppen, die Clans genannt werden, gegeneinander an. Soziologen sprechen dabei bereits von einer speziellen Lan-Jugendkultur mit eigener Sprache und besonderem Codex. Es tritt niemand unter seinem richtigen Namen an, möglichst martialische Spitznamen sind an der Tagesordnung.
Dass bei den Lan-Partys oft blutige Spiele über die Bildschirme flimmern, stört die zumeist jugendlichen Spieler nicht. Sie geben immer wieder an, sehr wohl zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden zu können. Auch die Organisatoren in Bad Dürrheim heben ausdrücklich den Spaß-Charakter ihres Treffens hervor. Dazu komme, dass die Spieler gleichzeitig zu Computerspezialisten würden, meist selbst an ihren Rechnern herumbastelten.
Sorgen bereiten den Eltern von Lan-Spielern jedoch mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit ihrer Kinder: 48 Stunden beinahe nonstop vor dem Bildschirm zu sitzen und nur wenige Minuten Schlaf auf der Tastatur oder unterm Tisch gehen nicht spurlos an den Jugendlichen vorüber.
Dieser Fragestellung ging Mediziner Carl-Arthur Hartwig in einer bisher in Deutschland seiner Einschätzung nach einmaligen Feldstudie nach. Der ärztliche Direktor nutzte die Möglichkeiten der Kurklinik und machte mit 20 Jugendlichen während der 48 Stunden mehrmals medizinische Untersuchungen. Dabei wurde der Blutdruck genauso gemessen wie die Sauerstoffsättigung im Blut oder die Sehkraft der Augen getestet. Auch Langzeit-EKG fertigte der Mediziner an. Dabei will er vor allem nach Ermüdungserscheinungen fahnden und nach den Veränderungen im Laufe der "Lan" forschen.
Nach Fastnacht will Hartwig Ergebnisse vorlegen: "Wenn sich dabei etwas Merkwürdiges ergibt, bin ich bei der nächsten Lan-Party wieder dabei und forsche weiter", versichert der Mediziner.