Lara Croft ist zurück Der gefallene Engel
Engel fallen tief. Das musste Lara Croft vor drei Jahren in "Angel of Darkness" feststellen: Einem halbfertigen Spiel, das es fast geschafft hat, eine Legende der Videospiele zu zerstören. Eine Legende, weil sie die erste Frau war, die erfolgreich in die Männerdomäne der Videospiele eingebrochen ist, die Frau, die mit britischem Charme und erstaunlicher Oberweite Höhlen erforschte und von der Zeit vergessene Paläste durchstreifte. Und nebenbei auch noch Karriere machte: Als Model, das von fast jedem Magazin der Welt auf den Titel gehoben wurde, als Schauspielerin in Musikvideos von U2 oder den Ärzten und als Forscherin über deren Abenteuer zwei Filme mit Angelina Jolie in der Hauptrolle gedreht wurden.
Was dabei fast in Vergessenheit geriet: Lara Croft ist eine Spielfigur - und auch deshalb berühmt geworden, weil die ersten beiden "Tomb Raider"-Games sehr gute Spiele waren. Spiele, um die man sich mit seinem Freunden zankte, weil man unbedingt weiterspielen musste, untergegangene Schiffe durchtauchen wollte, Venedig per Boot unsicher machen und tibetanische Klöster von Banditen säubern musste.
Schade nur, dass sich bei den Entwicklern Routine einzustellen schien. Denn die folgenden Teile zeigten kaum neue Ideen: Immer wieder waren Höhlen, Tempel und Pyramiden die Spielplätze der Lara Croft und ihre Tätigkeiten beschränkten sich dabei auf klettern, Kisten verschieben und ballern. Dass sich dabei die Grafik nicht wesentlich verbesserte, gab wahrscheinlich den Ausschlag dafür, dass die gute Dame in Hardcore-Gamer-Kreisen spätestens beim vierten Teil der Serie unten durch war.
Verzweifelte Versuche, eine Halbtote wiederzubeleben
Dabei ahnte man zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, was Lara Croft noch alles durchleiden müsste, bis sie jetzt mit "Tomb Raider: Legend" ein respektables Comeback feiern konnte. Schon der fünfte Teil, "Tomb Raider: Die Chronik" war ein unzusammenhängendes Werk, das durch Einfallslosigkeit glänzte. Und damit etwas war, das Hersteller gerne mit den Worten "ein Geschenk für die Fans" kennzeichnen und was übersetzt heißt: "Uns ist nichts mehr eingefallen, aber vielleicht kaufen es ja noch ein paar Leute".
Richtig schlimm wurde es aber erst bei "Angel of Darkness". Denn das sollte einen Neubeginn darstellen, zeigen, dass "Tomb Raider" keine tote Serie war und Lara Croft in ein ganz neues Licht rücken. Es sollte alles anders machen - und das tat es auch. Aber nicht so, wie man sich das als Freund der Serie erhofft hatte. Auf einmal war die Leichtigkeit weg, mit der Lara Croft fremde Welten erforschte. Sie war in einen Krimi geraten, zog durch Städte - wo doch ihr eigentliches Zuhause alte Ruinen waren.
Und sie hatte neue Eigenschaften bekommen, musste trainieren, damit sie Aufgaben erledigen konnte. Was ungefähr so aussah: Lara steht vor einer Dachrinne und soll sich daran entlang hangeln. Sie weigert sich, weil sie sich nicht stark genug fühlt. Deshalb sucht sie nach einer Tür, die sie mit der Schulter aufbrechen kann. Nachdem sie das getan hat, hat sie keineswegs ein gebrochenes Schulterblatt, sondern genug Kraft, um sich an die Dachrinne zu schwingen. Sollten jemals die zehn lächerlichsten Momente in Spielen gekürt werden: Dieser gehört ganz oben hin. Das Spiel bereitete körperliche Pein, weshalb man mit stiller Genugtuung das entsetzte Echo auf dieses Spiel verfolgte.
Kleinere Oberweite, größerer Spielspaß
Das ließ nämlich nicht lang auf sich warten: die Entwicklung wurde aus England nach San Francisco verlegt. Und dort mit Hilfe von Toby Gard, einem der Erfinder der Serie, ein klassisches "Tomb Raider"-Game entwickelt. Ein Spiel, in dem Eidos auf Sicherheit setzt. Keine Experimente sind hier angesagt.
Das Spiel beschränkt sich auf das, was man in "Tomb Raider" schon immer gemacht hat: Höhlen erforschen, Ruinen durchsuchen und Rätsel lösen. "Tomb Raider: Legend" weckt sentimentale Erinnerungen an die ersten Spiele - und ist mit neuer, schöner Grafik, einer deutlich vereinfachten Steuerung und einer Lara Croft, die eine leichte Verkleinerung der Oberweite hinter sich hat, einer der besten Teile der Serie geworden. Manchmal muss man tief fallen, um wiederzukommen. Ob das als Legende geschieht, wird sich noch zeigen.
"Tomb Raider: Legend" von Eidos, für Playstation 2, Xbox, Xbox 360, PC, ca. 40-50 Euro; USK: Freigegeben ab 16 Jahren
"Tomb Raider: Legend" von Eidos, für Playstation 2, Xbox, Xbox 360, PC, ca. 40-50 Euro; USK: Freigegeben ab 16 Jahren