Le Mans 24 Stunden am Limit
Wir treffen den gebürtigen Kufsteiner in Südfrankreich, im Oreca-Hauptquartier direkt neben der Rennstrecke von Le Castellet. Oreca, das ist der neue Arbeitgeber des ehemaligen Formel 1-Piloten, der 1994 beim Training zum Grand Prix von Monaco schwer verunglückte und ein Jahr später seinen Dienst beim Schweizer Formel-1-Team Sauber quittieren musste. "Ich kann mich nur noch an das Abendessen am Tag zuvor erinnern, vom Unfall selber weiß ich nichts mehr", schildert Wendlinger den Ausgangspunkt 13 Tage im Koma.
Seitdem hat er sich durchgebissen, die Angst überwunden und neue Motivation gefunden. Das Ergebnis: Zweimaliger Sieger des Le-Mans-Marathons. Allerdings startete die bissige Viper der Oreca-Truppe "nur" in der GT2-Kategorie, also sozusagen in der Zweiten Liga.
Erstklassig soll's in diesem Jahr werden, wenn Wendlinger sich das Cockpit seines extra für die 24 Stunden von Le Mans gebauten Chrysler-Prototypen mit Olivier Beretta und Pedro Lamy teilt. Der einer Flunder gleichende Flitzer fährt unter der Flagge des Hauptsponsors: PlayStation. Doch ein Experte in diesen Dingen ist Wendlinger nicht: "Ehrlich gesagt bin ich kein Fan von Videospielen. Wenn ich eine Rennstrecke kennen lernen will, laufe ich sie lieber ab, als sie auf der PlayStation kennen zu lernen, wie das ein paar andere Piloten tun".
Obwohl er mitten in den Vorbereitungen für den 16. Juni steckt, nahm Wendlinger sich die Zeit für ein paar Runden mit Infogrames' brandneuer Simulation der 24 Stunden von Le Mans. Hier stehen 70 rassige Prototypen und GT-Boliden am Start. Allerdings im Outfit des vergangenen Jahres, da die lange Entwicklungsdauer offenbar den Einbau der aktuellen Modelle unmöglich machte.
Top-Modelle nur für qualifizierte Piloten
Die ganz schnellen GT-Pfeile dürfen zunächst nicht bewegt werden. Nicht bevor in den unteren GT3- und GT2-Klassen Leistung gezeigt wurde und man mehrere Rennen unter den Top Drei beendet hat. Das ist nicht leicht, denn die Computergegner fahren mit Können und Köpfchen. Dabei ergänzen elf zum Teil fiktive Pisten den 13,6 Kilometer langen Le-Mans-Rundkurs. Beispielsweise die "Petit Le Mans" genannte Essenz des Marathon-Geläufs, oder die spektakuläre Berg- und Talbahn namens "Road Atlanta".
Wer sich der 24 Stunden-Königsdisziplin in Echtzeit stellen mag, kann tatsächlich einen ganzen Tag vor dem Fernseher ausharren, in den Sonnenuntergang hinein driften und frühmorgens gegen schwere Augenlider kämpfen. Wenn bei den Boxenstops virtuelle Mechaniker Slicks wechseln oder Sprit tanken, ist das nicht die einzige Chance auf eine Ruhepause: Der Spielstand kann gespeichert und nach einer Weile wiederhergestellt werden.
Wendlingers Eindruck: "Ich kenne bisher nur Rennspiele für die alte PlayStation. Das hier sieht schon viel realistischer aus. Besonders die Straße. Erstaunlich, sogar die leichte Erhöhung in der Rechtskurve nach den Boxen ist drin". Dass sich das Rennen aus allen möglichen Perspektiven, jedoch nicht vom Cockpit aus betrachten lässt, stört ihn weniger als das diffizile Handling. "In Wirklichkeit kann ich Kurven viel exakter ansteuern als hier. Hier treffe ich die Kurvenmitte nie ganz genau, weil das Auto plötzlich zu stark einlenkt".
Nach einigen Eingewöhnungsrunden legt sich das Problem zwar, doch ein vollwertiger Ersatz für ein richtiges Lenkrad kann der kleine Hebel auf dem Joypad der PlayStation 2 niemals sein. "Aber Spaß hat's g'macht", findet Wendlinger. Und das ist schließlich die Hauptsache.
Den Kauf des Spiels sollte allerdings überdenken, wer bereits bei der älteren Dreamcast-Version der 24 Stunden von Le Mans Gas gibt. Die wurde ebenfalls vom australischen Melbourne House-Team zusammengeschraubt und ist in den wesentlichen Eckpunkten identisch, Unterschiede sind überhaupt erst auf den zweiten Blick zu erkennen.
Beispielsweise spiegelt neuerdings der Autolack die Umgebung wider. Dass bei Boxenstops eine fleißige Crew das Auto umschwärmt wie Bienen ihren Stock, das gab's bei der Dreamcast nicht. Und auch der wirklich praktische Rückspiegel fehlte dort. Genau wie die zwei Bonus-Kurse der PlayStation-2-Version. Gerade die rasante Berg- und Talbahn "Road Atlanta" ist eine echte Herausforderung auch für geübte Piloten.
Also: Spaß macht sie, die Simulation der 24 Stunden von Le Mans. Und gut sieht sie außerdem aus. Aber eben "nur" gut, nicht atemberaubend.