Lecker Alter Käse kostet mehr
Zu den verheißungsvollsten Versprechungen der E-Welt gehörte Mitte der Neunziger die Aussicht, nie wieder an einer Supermarktkasse anstehen zu müssen. Doch die dürftigen Erfahrungen mit den Frischlebensmitteln online führten zum völligen Flopp: Selbst die größten Player hauchten bald ihre Seele aus.
Kein Wunder: Irgendwie sah die vor der Haustür deponierte Gurke immer anders aus als die auf der Website, und zur Pizza-Bestellung gibt es nun einmal ein Alt-Medium, das weit besser geeignet ist: "Ja? Was willse?" brüllt sich nun einmal schnell in einen Hörknochen. Die wenigsten Bäcker waschen sich übrigens im Fünf-Minuten-Takt die Hände, um mal eben die E-Mails abzurufen.
Doch "Food im Web" steht vor dem Comeback, schrieb uns dieser Woche eine PR-Agentur aus dem Norddeutschen: "Das Thema Lebensmittel-Online ist seit einiger Zeit totgeredet worden".
Das stimmt. Jetzt aber soll es richtig losgehen: Mit regionalen statt weltweiten Konzepten. Alles im Web dreht sich halt im Kreis - denn natürlich machte die überregionale Pizza-Bestellung nie besonders viel Sinn. Nun aber, schreibt uns die Agentur, die wir hier gern anonym belassen, gehe es mit der lokalen und regionalen Food-im-Web-Präsenz gerade darum los, weil es mit den Großen zuende gegangen sei: "Interessanterweise entsteht damit der Markt für die 'Kleinen', die selbständigen Händler, die sich schon von jeher durch ihr Engagement und individuelles Markenbild abheben".
Einkauf bei Tante E-Emma?
Ah, jetzt, ja: Klar, bei Tante Emma, die ich seit vierzig Jahren kenne, kaufe ich meinen Käse natürlich lieber als bei WebVan. Nur leider hat die Sache einen Haken: Das Web ist nun mal ein ziemlich überregionales Medium. Gerade das macht es ja attraktiv: Will ich was von Tante Emma, dann gehe ich kurz ums Eck.
Denn auf diese Weise lassen sich gleich mehrere, gar nicht unerhebliche Dinge sicherstellen: a) Tante Emma lebt noch; b) der Käse ist frisch.
Denn sonst sind wir ja wieder beim "abgelegte-Gurken-Effekt" (siehe oben): Das muss in diesen Tagen auch "e-Nike" feststellen. Er oder sie versteigert bei eBay gerade ein Käsebrötchen, was eigentlich keine schlechte Idee ist. Lecker sieht es aus, das halbe "Geschmierte", mit frischem Käse belegt. Emmentaler oder junger Gouda könnte das sein. Feine Sache.
Noch ist das Ding - regionales Konzept: Versteigerungsort ist Hamburg - für hanseatische Verhältnisse billig zu haben: Ein Euro soll es kosten.
Aber es bietet niemand. Seit dem 11. März, 11.09 Uhr interessiert sich niemand für das leckere Brötchen, obwohl es werbewirksam gleich in zwei Kategorien parallel angeboten wird: "Lifestyle & Genuss: Nahrungsmittel & Spezialitäten: Spezialitäten: Sonstige" und - man staune - "Kunst & Antiquitäten: Plastik & Skulptur: Zeitgenössisch (ab 1950): Verschiedene Materialien".
Die Kategorisierung ist deshalb konsequent und richtig, weil sich das Brötchen, ausgehend vom 11. März, von der Kategorie "Nahrungsmittel & Spezialitäten" bis zum Versteigerungsende am 21. März sukzessive zur Kategorie "Kunst & Antiquitäten" hin entwickelt.
Oder zu gut Deutsch: Der Käse wird alt. Ob das allerdings eine Wertsteigerung rechtfertigt, finden offensichtlich auch die Bietwütigen bei eBay fraglich - und ob man nun geistige oder körperliche Nahrung kauft, das will man in der Regel doch vorher wissen. Genau hier liegt das Problem des Foodhandels im Web: Kunst hat da bessere Chancen. Brötchen gefällig?
Frank Patalong
P.S.: Knapp zwei Stunden nach Veröffentlichung dieses Artikels war der Brötchen-Preis um 827 Prozent gestiegen. Muss wohl doch Kunst sein.