Lesermeinung Wir sind keine "Billigheimer"
Ganz so dramatisch ist es ja nicht. Die Lese-Gewohnheiten verschieben sich eben - und was ist schon dabei? Fernsehen - und hier vor allem das das gebührenfreie Kommerzfernsehen - und Internet haben in der täglichen Medien-Verbrauchszeit eben ihren Marktanteil erobert. "Früher" gab es eben keine 30 TV-Programme, mal ganz abgesehen von den zig Websites. Sowohl Zeitungen als auch Zeitschriften - vielleicht diese noch viel mehr! - haben eben verloren. Ich weiss von einer Untersuchung in den Niederlanden, wonach Zeitschriften nur noch um die 4 Prozent Anteil am täglichen Medien-Kuchen der Leser haben.
Der Ausdruck "skandinavische Billigheimer" ist unpassend. Das sage ich mal als derjenige, der die niederländische Ausgabe der Metro-Zeitung initiert hat. Die Idee von Metro hatten u.a. ehemalige Mitarbeiter der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter. Das Modell Metro funktioniert verlagstechnisch auch deshalb, weil die Produktionsabläufe und Vertriebswege optimiert sind. Anders gesagt, es arbeiten eben bei Metro genau so viele Leute wie nötig, und nicht wie bei der FR viel mehr als nötig. Metro musste sich in den Niederlanden zunächst der geballten Arroganz der herkömmlichen Zeitungs-Journalisten erwehren, die mit ähnlichen Begriffen wie "Billigheimer" gegen Metro polterten. Heute werden in den Niederlanden Metro sowie die (etwas weniger gut gemachte, aber keineswegs schlechte Kopie) Spits von insgesamt 2,5 Millionen Menschen gelesen. Die Auflagenverluste der großen traditionellen Zeitungen halten sich in Grenzen, denn die meisten der Metro- und Spits-Leser haben bis dahin gar keine Zeitung gelesen.
Übrigens hat Internet bei den Metro-Ausgaben in inzwischen 17 Ländern keine besonders große Rolle gespielt. Das soll sich nach jüngsten Berichten in der schwedischen Presse jetzt wohl ändern.
Die Sache mit dem Plastik-Papier ist übrigens auch schon weiter gediehen als Sie vielleicht denken. Ich habe vor einem Jahr eine Vorführung von Philips gesehen, der Prototyp sah viel versprechend aus. Als erste dürften vielleicht Außenwerbe-Firmen auf den Geschmack kommen, die könnten nämlich mit dem Plastik-Papier die Werbung in ihren Bushaltestellen zig mal am Tag anpassen - was heute kaum möglich ist.
Was mit dem Plastik-Papier auch möglich ist: dass immer neue Zeitungen gegründet werden. Denken wir an das Modell "die tageszeitung". Mit Plastik-Papier könnten Hunderte neue Tageszeitungen alle möglichen Nischen füllen - der für eine Neu-Gründung nötige Kapitalbedarf sinkt wegen des Wegfalls von Papier, Druck und Vertrieb um vielleicht 90 %. Bei Philips war damals von einem Zeitraum von 3 bis 5 Jahren die Rede, bis das Plastik-Papier in großen Mengen verfügbar sei. Das ist also nicht mehr lang hin.
Vielleicht sollten die Zeitungen in Deutschland auch ganz einfach etwas professioneller werden. Warum nicht neue Abo-Formen bedenken? Ich kenne eine Zeitung in Skandinavien, die 5 Online-Abo-Clubs in den Markt gesetzt hat und die damit sehr ordentliche neue Einkünfte erzielt.