Libyen Rebellen bauen eigenes Handy-Netz auf
Libyscher Rebell: Ein unabhängiges Mobilfunknetz für den Ostteil Libyens
Foto: John Moore/ Getty ImagesSolche Bilder passen eigentlich nicht in unsere Zeit: "Wir sind mit Flaggen in den Kampf gezogen. Gelb bedeutete Rückzug, grün Angriff. Gaddafi hatte uns zurück in die Steinzeit gezwungen." So schildert der Rebellengeneral Ahmed al-Ghatrani im " Wall Street Journal " das Vorgehen seiner Truppen, nachdem der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi das Mobilfunknetz in den von Rebellen kontrollierten Ostteil des Landes abschalten ließ. Doch davon ist heute nicht mehr die Rede: In einer großangelegten Aktion haben die Aufständischen das Handy-Netz unter ihre Kontrolle gebracht.
Dass das Gaddafi-Regime das Netz überhaupt so weitreichend kontrollieren konnten, liege an der zentralisierten Struktur des Netzes des staatlich kontrollierten Mobilfunkanbieters Libyana, erklärt die Zeitung. Alle Gespräche würden über einen Netzknoten in der Hauptstadt Tripolis geleitet. Deshalb hätten die Machthaber Gespräche nach Belieben abhören oder eben auch unterbinden können. Nicht einmal Satellitentelefone sollen in der umkämpften Region mehr funktioniert haben, nachdem das Militär die Verbindungen durch Störsignale unterbunden hatte.
Genau diese Malaise war es, die Ousama Abushagur zu denken gab. Der 31-Jährige Libyer ist in Alabama aufgewachsen, lebt in Abu Dhabi und begann nach dem Aufflammen der Proteste in Libyen gemeinsam mit Freunden Spenden zu sammeln. Ende Februar brachte er mit einem Konvoi Hilfsmittel nach Ost-Libyen und stellte dabei verwundert fest, dass weder sein Handy noch sein Satellitentelefon funktionierte. Sein Entschluss war schnell gefasst: Das wollte er ändern. Abushagurs Version der Geschichte: Auf dem Rückflug nach Hause habe er auf einer Serviette skizziert, wie man das Libyana-Netzwerk infiltrieren, die Signale abgreifen und ein eigenes Netz aufbauen könnte. Abushagur arbeitet seit Jahren in der Telekommunikationsbranche.
Die Vernetzung kommt nur langsam in Gang
Ganz so einfach wie diese Skizze war es dann aber wohl nicht, den Plan umzusetzen. Den ersten Stein legte der chinesischen Telekom-Ausrüster Huawei Abushagur in den Weg. Das Unternehmen, dessen Technik das Libyana-Netz antreibt, weigerte sich, ihm die benötigte Hardware zu verkaufen. Huawei wollte sein Handeln im Nachhinein nicht gegenüber dem "Wall Street Journal" kommentieren.
Wie es dann genau weiterging, ist unklar. Das "Wall Street Journal" zitiert einen Beamten aus Bengasi mit der Aussage, die Vereinigten Arabischen Emirate und deren Mobilfunkunternehmen Etisalat hätten den Aktivisten geholfen, die nötige Ausrüstung zu beschaffen. Abushagur widerspricht dem allerdings via Twitter . Er teilt mit, keiner von beiden sei in die Beschaffung der Ausrüstung involviert gewesen.
Aber auch ohne deren Hilfe gelang es dem Telekommunikationsspezialisten, sich das nötige Hightech-Equipment zu organisieren. Als Abushagur am 21. März endlich in die Rebellen-Hauptstadt Bengasi aufbrechen wollte, war eine Landung auf deren Flughafen wegen der Kämpfe nicht möglich. Deshalb ließ er seine Ladung zunächst auf einen ägyptischen Militärflugplatz einfliegen. Das Resultat: eine Woche Verzögerung, um das Material durch den Zoll zu bekommen.
Dann aber ging alles recht schnell. Unterstützt von sieben Ingenieuren und einigen Bodyguards gelang es Abushagur, eine Datenbank libyscher Telefonanschlüsse zu übernehmen und in das neue Mobilfunknetz einzuspeisen. Sogar Techniker von Libyana halfen dabei, die neue Hardware in das Netz des Staatskonzerns zu integrieren. Am Ende verkündeten die Beteiligten stolz die Inbetriebnahme von Libyana Al Hura, dem Mobilfunknetz der Rebellen.
Vollkommen reibungslos läuft der Betrieb nicht. Während Telefonate innerhalb des Landes offenbar problemlos möglich sind, hapert es derzeit noch bei Verbindungen in und aus dem Ausland. Die simple Erklärung hierfür ist, dass bisher nur wenige ausländischen Provider das neue Mobilfunknetz in ihre Datenbanken eingespeist haben.
Ein Baustein fehlt noch
Vorläufig, so erklären die Betreiber des neuen, unabhängigen Netzes auf einer Info-Seite , solle man bestimmte Prepaid-Karten nutzen, um Anschlüsse im Netz von Libyana Al Hura anzurufen - und seinen lokalen Anbieter auffordern, das neue Netzwerk in sein System einzubinden.
Für die Rebellen dürfte das von nachrangiger Bedeutung sein. Sie können sich über das neue Mobilnetz koordinieren und das sogar kostenlos, wie das "Wall Street Journal" ausführt. Denn ein Abrechnungssystem gibt es bei Libyana Al Hura noch nicht - derzeit hat die Technik Vorrang.