Liebe Not Partnersuche in Zeiten des Internets
Kontaktanzeigen aufzugeben, um einen Partner zu finden, ist von alters her ein peinliches Geschäft. Wer so was macht, der hat es wohl nötig. Erzähl bloß niemandem, wie wir uns kennen gelernt haben - so oder drastischer denkt das deutsche Volk, und vor hundert Jahren mag es vielleicht Recht gehabt haben.
Im Gegensatz zu früher, als Ehen und Möbel noch Jahrzehnte gehalten haben, muss ein moderner Mensch sehr viel häufiger damit rechnen, wieder allein dazustehen, auch im gestiegenen Alter. Verläuft ein Leben jedoch erst einmal in einigermaßen festen Bahnen, ist es nicht mehr so leicht, potenzielle Geliebte kennen zu lernen. Sei es, weil die allein stehende Mutter abends nicht aus dem Haus kommt, oder der Manager nach einem Sechzehn-Stundentag keinen Barhocker-Balztanz mehr aufführen will.
Und dann fangen sie doch an, sich in irgendeine Web-Partnerbörse einzuloggen, denn dies kann still und heimlich geschehen, vorläufig anonym, oft kostet es nicht einmal etwas, und es gibt für jeden Geschmack, jedes Vermögen ein Angebot.
Neulich unterhielt ich mich mit einem 24-jährigen Studenten darüber. Er sagte: "Für mich ist es etwas anderes als für Dich. Du willst einen Mann fürs Leben. Ich will nur flirten."
Das ist die Bandbreite. Junge Leute haben sowieso kein Problem. Die sind schon mit Flirtlines per SMS sozialisiert worden und können das mühelos auf Partnerbörsen übertragen. Sie kommen gar nicht auf die Idee, sich zweitklassig zu fühlen oder etwa nicht zu wissen, wie man aus einem E-Mail-Kontakt eine Beziehung aus Fleisch und Blut macht. Für sie ist es ein Gesellschaftsspiel, für ältere Singles wird es erst langsam dazu.
Denen erscheint der Vorgang zunächst sehr, sehr technisch. Sie hängen Vorstellungen nach, wonach sich Liebe von selbst einstellt und man einen Partner nur auf sich zukommen lassen muss. Meine höchst unwissenschaftliche Prognose ist aber, dass in Zukunft noch mehr zarte Bande per E-Mail geknüpft werden, als es ohnehin schon geschieht, selbst wenn wenige darüber reden. Das war zwar von Natur aus nicht vorgesehen, doch der Mensch hat sich ja auch in anderer Hinsicht über sie erhoben.
Anuschka: (k)ein einsamer Fall
Anuschka ist so ein Fall. Sie ist Krankenschwester, Anfang vierzig. Ihr Leben spielt sich zwischen Kiez und Krankenhaus ab. Die allein lebenden Männer und Frauen in ihrer Alltagswelt hatten einander längst abgegrast und so häufig kam kein "Frischfleisch" dazu. Anuschka war nun auch nicht die, die Tanz- oder Volkshochschulkurse ansteuerte, und wer von uns spricht ein Objekt der Begierde auf offener Straße an? Sie blieb einfach einsam.
Bis eine Freundin ihr dringend riet, sich bei einer Partnerbörse anzumelden. Das koste nicht einmal einen Gang aus dem Haus. Anuschka stellte ein hübsches Foto von sich zu ihrer Kurz-Beschreibung. Es dauerte keinen Tag, da war ihr Online-Briefkasten voller Zuschriften. Das sagt zwar erst mal nichts, aber regt entschieden die Lebensgeister an.
Statt fernzusehen und Chips zu knabbern studierte Anuschka Zuschriften und die dazugehörigen männlichen Steckbriefe, fühlte sich begehrt wie lange nicht und in der Lage, auszuwählen. Auf einmal stellte sie fest, dass es einen großen - sagen wir mal - Schwarzmarkt gab, auf dem sie einen gewissen Wert hatte, und dass die Welt von Männern wimmelte, die etwas Ähnliches suchten wie sie.
Das ist die schöne Theorie
Die Praxis ist das echte Leben und das steckt nun mal hinter jedem im Internet hinterlegten Partner-Profil. Leider erkennt man es nicht gleich, denn schlechte Privat-Fotos und E-Mails ungeübter Schreiber können die Wirklichkeit nicht präzise wiedergeben. Die Lücken füllt jeder Bindungswillige, ob er will oder nicht, zunächst mit Fantasie und macht sich wunder was für Illusionen über den Traumpartner, den er da aus dem Netz gefischt hat.
So beging auch Anuschka alle Anfängerfehler, die man begehen kann. Verliebte sich in dürre Sätze, bis der dazugehörige Schreiber sie abrupt aus seiner Liste löschte. Ließ sich von Formbriefen täuschen, die gewisse Herren in Serie anfertigen. Plauderte alle ihre Geheimnisse einer sympathischen Telefonstimme aus, deren Eigentümer sich als fettes, draufgängerisches Männlein entpuppte, das allen Ernstes glaubte, sie ginge gleich nach dem ersten Kaffee mit ihm ins Bett.
Im zweiten Teil: Was nun, Anuschka? Worauf kommt es an in Online-Partnerbörsen? Weiter...
Es ist leider so, dass sich da, wo Anonymität herrscht, auch lichtscheues Gesindel tummelt, also Beziehungsunfähige, Versager oder Persönlichkeitsgestörte beiderlei Geschlechts. Selbst wenn dies nicht die Masse ist, sollte man mit Adresse und Telefonnummer anfangs sehr sparsam umgehen. Auch bedeutet nicht jedes "Du" gleich tiefste Vertrautheit.
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Solange sich die Kommunikation auf den Austausch von Online-Nachrichten beschränkt, fehlt - und dessen sollte man sich stets bewusst sein - der persönliche, dreidimensionale Eindruck. Man bleibt im Ton besser unverbindlich, auch wenn das Medium zu monologisierenden Selbstoffenbarungen verleitet. Liebe entsteht auch in Zeiten des Internets nicht durch den Austausch von Kilobytes, sondern von Blicken.
Vorauswahl per Datenbank: Wer passt zu wem?
So nüchtern ist es also: Die Partnerbörsen im Internet sind keine Liebesproduzenten, sondern nichts anderes als schlichte Kontaktanbahnungs-Institute, die sich allerlei unterhaltsamer Spielchen oder Persönlichkeitstests bedienen, um Paarungswillige zusammen zu würfeln. Das gelingt ihnen gut genug, dass schon mancher vor dem Überangebot kapituliert hat.
Nein, die meisten, die in Partnerbörse registriert sind, haben "es" nicht nötig, aber gleichzeitig eben doch. Es sind Menschen wie Anuschka (Krankenschwester), oder Friedrich (Generalkonsul) oder Gudrun (Lehrerin) oder Johannes (Philosophie-Professor) oder Margit (Chemikerin) oder Jens (Tischler).
Je älter sie sind, desto fester stehen ihre Vorstellungen vom Leben. Gleich und Gleich gesellt sich gern, sagt der Volksmund. Solche grundsätzlichen Gemeinsamkeiten lassen sich mittels unsentimentaler Datenbanken aber feststellen. Es geht los bei Alter, Größe, Beruf, setzt sich bei Charaktereigenschaften fort, reicht vielleicht sogar in sexuelle Vorlieben hinein. Das Internet hat für alle was: Masochisten suchen treue Sadisten, Bauern eine Bäuerin, Lesben eine Frau, Kegelbrüder Kegelschwestern. Man möchte diese Tatsache nur nicht zur Kenntnis nehmen, weil man selbst so einzigartig ist und der Partner, nach dem man sucht, es selbstverständlich auch sein muss.
Ob es wirklich zu Liebe kommt, hängt dann wieder von analogen, also menschlichen Dingen ab. Die Bindungsängste, die jemand sonst im Leben hat, kann er durch das Internet nicht überwinden, bestenfalls wird er dort zu einem, der von Anfang zu Anfang baumelt, in dem tiefen Glauben, dass es beim nächsten Mal bestimmt klappt. Ich möchte schwören, dass ein gewisser Prozentsatz Nutzer registriert ist, seit sich die ersten Partnerbörsen im Netz etablierten. Das sind die, die aus der Suche nach Liebe ein Hobby gemacht haben oder sich deren digitale Reinheit bewahren wollen, ohne dass sie von der analogen Wirklichkeit beschmutzt wird.
Die anderen werden ähnliche Mühe haben, auf Anhieb den Richtigen zu finden, obwohl auch das geschieht. Nach den ersten zwei, drei ergebnislosen Dates folgt meistens Ernüchterung.
So war es auch bei Anuschka: Früher oder später tritt jeder online geknüpfte Kontakt in die Wirklichkeit ein wie eine rückkehrende Rakete in die Erdatmosphäre. Und alles, was man sich anhand von Steckbriefen, E-Mails, Telefonaten zusammengereimt hat, verglüht, wenn man schließlich auf einen leibhaftigen Menschen trifft, mit dem man auf eine Tasse Kaffee verabredet ist. Und man schaut auf seine Lippen und denkt: "Nein, beim besten Willen nicht."
Anuschka begriff, dass sie angesichts der Fülle des männlichen Angebotes ein klares Bild von ihrem Zukünftigen brauchte und gab es auf, jeden treffen zu wollen, der Interesse an ihr zeigte. Sie begriff aber auch, dass es vielleicht doch nicht ergebnislos zu nennen ist, Menschen kennen zu lernen, denen sie auf ihren ausgelatschten Alltagstrampelpfaden nie begegnet wäre. Mit zwei Männern schloss sie echte Freundschaft. Denn auch das ist wahr: Partnersuchende im Netz sind eine unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft und haben daher schon mal mindestens ein verbindendes Thema.
Nein, die Paare, die das Internet zusammengebracht hat, sind nicht zweite Wahl und auch nicht peinlich. Es sind Menschen, die ihr Glück in die Hand genommen haben, anstatt darauf zu warten, dass sie in ihren Wohnungen auf dem Sofa gefunden werden. Sie sind außerdem klug genug gewesen, sich mit einem realistischen, will sagen: mit Fehlern behafteten Partner zu begnügen, anstatt den Rest ihres Lebens das Internet nach dem noch besseren, noch schöneren, noch reicheren zu durchforsten. Diese Gefahr besteht nämlich, davor sei gewarnt.