Madden NFL 2002: "Rasenschach mit Anfassen" - DER SPIEGEL
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Madden NFL 2002 "Rasenschach mit Anfassen"

Das Dutzend ist voll: Bereits zum zwölften Mal leiht Football-Star John Madden einem Computerspiel seinen Namen. Einen Gefallen tut sich die Graue Eminenz des US-Sports damit nur bedingt.
Von Alexander Stirn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Spielzug im Gegenlicht: Rasenschach mit Anfassen

Spielzug im Gegenlicht: Rasenschach mit Anfassen

Ja wo laufen sie denn: Relistische Spieler und beeindruckende Stadien prägen "Madden NFL"

Ja wo laufen sie denn: Relistische Spieler und beeindruckende Stadien prägen "Madden NFL"

Angriff in Florida: Gleich segelt der Ball durch die Luft

Angriff in Florida: Gleich segelt der Ball durch die Luft

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Sie denken bei "Blitz" lediglich an ein Gewitter? Sie fühlen sich beim Begriff "Shotgun" an Ihre Zeit in der Friedensbewegung erinnert und bringen "Quarterback" mit einem saftigen Steak in Verbindung? Dann ist "Madden NFL 2002" vielleicht nicht das Richtige für Sie. Schließlich richtet sich das aktuelle Game aus dem Hause EA Sports eher an die hartgesottenen Fans des American Footballs.

Deren Zahl, das ist unbestreitbar, nimmt auch in Deutschland stetig zu. Das Bild der Sportart ändert sich. Lange Zeit war der uramerikanische Kampf ums Lederei als planloses Wüten sinnloser Kräfte verschrien.

Dabei wäre Football viel treffender als "Rasenschach mit Anfassen" zu umschreiben: Die generalstabsmäßige Planung eines Angriffes, die Antizipation des nächsten gegnerischen Spielzuges, viel Theorie und mitunter auch eine blutige Nase - das macht die Faszination Football aus. Diese Komplexität, diesen Reiz und die Atmosphäre in den gewaltigen Stadien in einem Computerspiel unterzubringen ist nicht einfach. "Madden 2002" gelingt es, trotz einiger Schwächen, sehr gut.

Immerhin konnten die Entwickler, genauso wie die derzeitigen Top-Teams der National Football League (NFL), lange trainieren. "Madden", das sowohl Züge eines reinen Sportspiels als auch einer Liga-Simulation trägt, erscheint bereits in seiner zwölften Auflage. Für ein Computerspiel ist das eine extrem lange Zeit, für John Madden, den Namensgeber des Ganzen, eher ein Wimpernschlag. Seit mehr als 40 Jahren ist Madden schon im Geschäft - als erfolgreicher College-Spieler, schwergewichtiger Super-Bowl-Coach und in Ehren ergrauter Fernsehkommentator.

Während der Footballsaison tourt der Altstar mit einem 30-Meter-Komfortbus durch die Lande. Angeblich aus Flugangst. Doch der "Outback Steakhouse Madden Cruiser", wie das Ungetüm mit seinen drei Fernsehern heißt, ist auch ein gutes Vehikel für Eigen- und Fremd-PR. Da ist der Schritt zum Namenspatron für ein Computerspiel nur noch winzig. Madden, das ist so etwas wie der Günter Netzer des American Football: als Experte begehrt, nie um einen bedeutsamen Spruch verlegen, stets akkurat frisiert (was ihn deutlich von Netzer scheidet).

Welche Taste darf's denn sein?

Anpfiff. Das Leben eines Quarterbacks, eines Ballverteilers im Football, ist hart - nicht nur in der realen Liga. Einmal den Ball in der Hand geht der Stress los: Die Gegner stürmen auf einen zu, die eigenen Passempfänger müssen im Auge behalten werden, und im richtigen Moment gilt es, den Ball zielsicher zu werfen.

Die komplizierte Steuerung, ursprünglich für ein Gamepad entworfen, tut in punkto Stress ihr Übriges. Mit "A" wird das Publikum beruhigt, mit "D" der Spielzug begonnen, "G" täuscht einen Pass an, wierderum "D" zeigt die möglichen Ballfänger und "F" bis "W" lassen den Ball schließlich durch die Luft segeln. Für Fänger, Läufer und die Verteidigung existiert jeweils eine ebenso verwirrende Tastaturbelegung.

Trotzdem: Im Rookie-Modus, der Spielstufe für die blutigen Anfänger, ist es kein Problem, Pässe an den Mann zu bringen und Top-Mannschaften zu schlagen. Nach nur einer Saison kann sich der Spieler - etwas Geduld und schnelle Finger vorausgesetzt - einen Super-Bowl-Ring, die Krönung jeder Football-Karriere, an den Finger stecken.

Für Rookies in der Welt des amerikanischen Nationalsports ist "Madden NFL" dennoch nichts: Das US-Spiel vergibt die Chance, Anfänger mit den Regeln und der Taktik des Footballs vertraut zu machen. So sucht der Spieler vergebens eine Erklärung der verschiedenen Spielzüge - heißen sie nun "Monster Blitz", "Slot Z Chair" oder "Fake Punt Pass". Immerhin gibt Madden Tipps, welches Manöver in der augenblicklichen Angriffssituation denn am besten käme.

Grafik und Sound lassen dagegen wenig Raum für Kritik. Die Spieler sehen realistisch aus, agieren wirklichkeitsnah, Wetter, Tageszeit und die unterschiedlichen Stadien zaubern teils beeindruckende Grafiken auf den Bildschirm. Die Anfeuerungsrufe des Publikums und die aufpeitschende Musik erinnern an echte NFL-Stadien. Nur die Cheerleader fehlen.

Entsprechend hoch sind die Anforderungen an die Hardware: Auf einem 500 Megahertz-Pentium-Rechner ruckelt das Game trotz 32 Megabyte-Grafikkarte mitunter unspielbar über den Bildschirm. Noch ärgerlicher: Die Tastatureingaben werden äußerst schlampig abgefragt. Mal passiert auf unserem Testrechner beim Drücken einer Taste gar nichts, dann erzeugt ein Tastendruck plötzlich zwei Impulse. Der Ball fliegt in die falsche Richtung, der Spielzug ist verschenkt.

Zudem verhalten sich die Computerteams, gemessen an ihren realen Vorbildern, mitunter höchst unlogisch: Da lassen die rechnergesteuerten Gegner, obwohl sie nur ganz knapp zurückliegen, am Ende einfach die Uhr auslaufen, anstatt sie anzuhalten und einen neuen Versuch zu starten.

In anderen Fällen kämpfen die virtuellen Trainer trotz riesigen Rückstandes um jedes Pünktchen - ein Vorgehen, das in Realität verpönt ist. Ist die Lage aussichtslos, wird, ähnlich wie im Schach, auch nicht mehr gekämpft.

John Madden und seinen Kommentatorkollegen Pat Summerall, den Gerhard Delling des American Football, stört das nicht. Die beiden kommentieren während der Spiele munter drauflos. Am Anfang ist das amüsant, auf die Dauer einschläfernd. Wenn Madden zum x-ten Mal erklärt, Emmitt Smith, der alternde Ballträger der Dallas Cowboy, "ist nicht mehr so schnell wie früher, aber er kann sich noch immer gut durchsetzen", zeugt das vielleicht von einem gewissen Sachverstand, unterhalten kann es kaum. Einen Grimme-Preis bringen derartige Kommentare jedenfalls nicht. Netzer, übernehmen Sie!

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