"Majestic": Realitätsverlust gefällig? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

"Majestic" Realitätsverlust gefällig?

Es ist Montag, Sie sind im Büro. Mitten in der Sitzung schrillt Ihr Handy. Am Telefon werden Sie Zeuge eines Mordes. Jetzt unternehmen Sie mal was - wenn Ihr Chef Sie lässt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist Montagmorgen, 10 Uhr, die Sitzung hat gerade begonnen. Mitten ins morgendliche Briefing Ihres Chefs schrillt Ihr Handy. Hastig gehen sie ran. Sie hören eine hysterische Frauenstimme, die um Hilfe fleht. Dann ertönt ein Schuss - und das Gespräch wird unterbrochen.

Verstört stecken Sie das Handy weg. "Ist was?", fragt Ihr Chef. "Nein, nein", antworten Sie schnell und machen sich klein. Wie zum Teufel kommen Sie jetzt raus aus der Sitzung?

In knapp vier Wochen könnte sich so eine Szene direkt in Ihrem Leben abspielen.

Mit einem Mal erhalten Sie seltsame Telefonanrufe. Geheimnisvolle Faxe quellen aus der Maschine, E-Mails fluten in Ihr Postfach und selbst die Nachrichten auf diversen News-Websites haben plötzlich weit mehr Bedeutung für Sie, als Ihnen lieb ist - zumindest während der Arbeitszeit.

Nach Dienstschluss mag das anders sein, denn dann gehören Sie vielleicht zu den ungezählten Legionen der "Majestic"-Agenten. Doch der geheime Dienst, Ihr Doppelleben, nimmt keine Rücksicht auf Dienst- oder Freizeit. Zu jedem gegebenen Augenblick mag "Majestic" sich in Ihr Leben drängen, nach Lösungen, schnellen Reaktionen verlangen. Die Grenze zwischen dem Ernst des Lebens und dem Spiel beginnt zu verwischen.

Denn "Majestic" ist ein Spiel. 

Oder vielmehr: Ein Konzept. Letztlich überträgt Majestic die düster-geheimnisvolle Welt der Conspiracy-Serien nach dem Muster "Akte X" auf die Welt des Webs - aber macht da nicht halt. Per Telefon, Instant Messenger, Fax, E-Mail drängt es sich ins Leben der Spieler. Und "verfälscht" sogar das Web selbst zu einer Grauzone, in der die Sicherheit der Quellen weniger gewährleistet ist als je zuvor.

Denn nichts garantiert dem Majestic-Spieler, dass die bekannte News-Seite, die er sich gerade ansieht, wirklich echt ist: Sie mag "gewürzt" sein mit versteckten Hinweisen und Falschmeldungen.

Möglich macht all das eine "Blase im Web", für die man Eintritt zahlen muss.

Mit dem "Episoden-Spiel" Majestic betritt der Spieleentwickler Electronic Arts tatsächlich Neuland. Für knapp 10 Dollar im Monat wird man Abonnent des Premium Service - und erhält die Lizenz, Majestic-Agent zu werden.

Das Spiel ist nicht mehr als ein Multi-User-Dungeon, ein online zu spielendes Rollenspiel für viele Spieler in einem Netzwerk - aber es ist der bisherige Gipfelpunkt der Entwicklung solcher Konzepte. Möglich, dass so mancher "Ultima"-Spieler, der zu viel Zeit mit dem Schwert in der Hand verbringt, leichte Probleme mit seiner Doppelidentität entwickelt. Bei Majestic, so will das Electronic Arts, kommt es erst gar nicht zur Persönlichkeitsspaltung. Man wird Agent, spielt das Spiel und - so lautet der Werbe-Claim der Macher - "das Spiel spielt mit dem Spieler".

Und das geht so:

Majestic ist zunächst einmal eine Geschichte, ein verworrenes Plot geheimnisvoller Vorgänge, die es aufzuklären gilt. Und wie in jedem guten Krimi gibt es Hauptpersonen, Agenten, deren Schritte man verfolgt: Das erleichtert auch die Portierung des Web-Serienkonzeptes auf die gute alte Glotzkiste - und tatsächlich verhandelt Electronic Arts schon fleißig über eine TV-Umsetzung.

Doch zunächst einmal wird es völlig interaktiv, denn natürlich - wo bliebe sonst der Spaß? - ist Majestic nicht Film, sondern gerade einmal Atmosphäre und Rahmenhandlung für das eigentliche Wichtige: die Erlebnisse des Spielers.

Und der bekommt so einiges geboten. Klar, dass man ihn mit Dokumenten beschickt, mit dem State of the Art des derzeit im Web Möglichen, mit Video-Streams , Audiofiles, flash-animierten, interaktiven Zonen. Rätsel gilt es da zu lösen - Riven lässt grüßen - aber auch eine Menge Action zu durchstehen.

Und dann gibt es diese Ebene der Kommunikation, mit dem Spiel, mit anderen Spielern. Chats, in denen Theorien und Gerüchte ausgetauscht werden, Instant Messenges, von denen man nicht wirklich weiß, kommen sie aus dem Spiel - oder von einem Mitspieler? Telefonanrufe und Faxe, E-Mails und... - siehe oben.

Das alles soll den Spieler in eine wahrhaft virtuelle Realität hineinziehen, die eine Menge von ihm verlangt.

Selbst das Surfen im Internet ist aus dem Spiel heraus eine andere Sache: Zu den Aufgaben für den Spieler gehört auch die Suche im Web, über eine Majestic-Suchmaschine, die erheblichen Einfluss auf die Suchergebnisse nehmen mag - oder auch nicht. Teils lässt sie den User ganz frei im Web recherchieren, teils serviert sie ihm "frisierte" Websites. Schon jetzt, behaupten die Macher, hätten sie "mehrere Hundert" Partner gefunden, die ihre Webseiten mit Majestic-Informationen und -Spuren "würzen" werden.

Doch so richtig seltsam wird es wohl dann, wenn der Spieler "draußen", im "echten" Web fündig wird und Beweise  findet für Dinge, die er bis dahin für Spiel hielt - und das ist Konzept.

Majestic spielt gekonnt mit der Dynamik von Konspirationstheorien - bis hin zum Namen des Spiels. Denn tatsächlich ist "Majestic" Mittelpunkt einer seit den Siebziger Jahren kursierenden Konspirationstheorie rund um das Thema "Geheime Weltregierung". Majestic oder "MJ 12" ist in diesem Universum für Voll-Paranoiker ein supergeheimer Geheimdienst, der - oft als "Männer in Schwarz" - eingesetzt wird, Menschen zu kidnappen oder zu ermorden - oder ihnen die Erinnerung an eine UFO-Begegnung zu nehmen.

Als vor Jahren der Film "Men in Black" in die Kinos kam, wurde in der Conspiracy-Szene ernsthaft diskutiert, ob die geheime Weltregierung den Film finanziert habe, um die Theorien um Majestic und die Men in Black zu diskreditieren.

Abgefahrene, leicht neben der Realität angesiedelte Konspirationstheorien sind also eine kraftvolle Sache, und auch Electronic Arts setzt darauf. Schon im Vorfeld laufen die Chats und Foren, in denen bereits jetzt - wahrscheinlich mit leicht schubsender Hilfe anonymisierter Majestic-Mitarbeiter - die Diskussion in die richtigen, unsicheren Bahnen gelenkt wird.

"Poc571" etwa fragt im "Regierungsgeheimnisse"-Forum der Majestic-Website: "Wäre es möglich, dass die CIA hinter diesem Majestic-Spiel steckt? Ist das vielleicht eine neue Methode, Agenten anzuwerben und sie vorher ohne ihr Wissen ausgiebig zu testen?"

Guter Versuch, liebe Organisatoren, aber nicht gut genug. Denn Web-Surfer wissen mehr: "Die CIA braucht keine Spiele", antwortet "Diz Rally", "Die NSA überwacht schon jetzt jedes einzelne Telefon in aller Welt und den Informationsfluss hin zu jeder lebenden Seele auf diesem Planeten".

Gut möglich, dass das wahr ist. Oder etwa nicht?

Man darf jedenfalls gespannt sein, wie gut das alles wirklich wird. Das Konzept fußt letztlich darauf, dass der Spieler zu keinem Zeitpunkt die Kontrolle über das Spiel erlangen soll. Ja, das Spiel soll dem Spieler Vorgaben machen, wann er zu spielen hat. Das mag dann durchaus irgendwann auf Kosten des Realitätsbezuges gehen, und Electronic Arts gibt vor, dass Majestic darum erst "ab 18 Jahren" gespielt werden sollte. Doch kontrolliert wird das nicht - in keiner Weise.

Um die liebe Zockerschaft anzufixen, gönnt Electronic Arts den Usern natürlich eine "Freiepisode" - erst danach kommt der Klingelbeutel. Der Betatest läuft derzeit, allerdings nur in Kanada und den Vereinigten Staaten. Der Spielstart ist auf "das Frühjahr" angesetzt.

Ob und wann das Spiel über den Atlantik schwappt, ist noch nicht raus. Die volle Einbindung von Europäern in das Spiel wäre auf jeden Fall erstens nicht kostendeckend, zweitens scheidungsfördernd: Realistischer als das Büro-Szenario zum Beginn dieses Artikels wäre nämlich eine Bett-Szene. Dann käme der weibliche Hilferuf um 2 Uhr morgens. Da kann man ja nur noch viel Glück wünschen, dass die Person an Ihrer Seite die Erklärung für den seltsamen Anruf glaubt. So richtig wahrscheinlich ist das nicht.

Verwandte Artikel