Medizinforschung im Silicon Valley Morgen ist besser als heute
DNA-Analyse
Foto: Mike Segar / REUTERSAuf dem Highway 101, der ewig verstopften Hauptschlagader des Silicon Valley, geht es zur Rushhour nur im Schritttempo voran, selbst auf zehn Spuren. So bleibt Zeit, die zahllosen Billboards am Straßenrand zu studieren.
"Code to fight cancer" konnte man da zuletzt oft lesen: Programmieren, um Krebs zu bekämpfen. Die Aufforderung richtet sich an Softwareentwickler, die für eine neue Mission begeistert werden sollen - eine edlere, als Facebook, Twitter oder Google sie bieten können. Menschenleben retten, statt Klicks, Likes und Werbegelder zu optimieren - das ist das Versprechen, das hinter der Botschaft steckt.
Der Kampf um IT-Fachleute ist knallhart, und mit Geld allein lassen sich die Besten längst nicht mehr locken. Schon das Durchschnittsgehalt im Hightech-Tal südlich von San Francisco liegt bei mehr als 110.000 Dollar. Wer Topleute sucht, muss ihnen Spitzengehälter bieten und zugleich die Aussicht, dass ihre Arbeit auch die Welt verbessern wird.
Die jüngste Welle der Digitalisierung gilt der Verschmelzung von Biologie und Datenverarbeitung, um Menschen länger und gesünder leben zu lassen. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich Technologiefirmen vornehmen, mal eben die Medizin zu revolutionieren, hat Symbolkraft: Sich gleichermaßen furchtlos wie arrogant auf Bereiche zu stürzen, die ihnen eigentlich völlig fremd sind, liegt im Wesen der kalifornischen Vordenker.
Wahre Revolutionäre geben sich nicht mit Banalitäten ab; nur das scheinbar Aussichtslose verdient ihre Aufmerksamkeit. Und Risikoinvestoren zucken vor Waghalsigkeit nicht zurück, sondern stellen Schecks aus: 2017 sammelten Start-ups in den USA mehr als 84 Milliarden Dollar ein - die höchste Summe seit dem Dotcom-Boom.
Hoffnungslos verschnarcht wirkt da der mitteleuropäische Ansatz, erst einmal in Ruhe einen Businessplan auszuarbeiten, eine neue Idee dann vorsichtig auszuprobieren und möglichst wenig Geld dafür einzusetzen.
Mutige und Visionäre aus aller Welt drängen deshalb weiterhin ins Silicon Valley - unter ihnen auch immer mehr Mediziner und Biologen. Alexander Schuth, ausgebildet an der Berliner Charité, gründete in San Francisco seine eigene Firma für Alzheimerforschung: Denali Therapeutics. Mithilfe von Genanalysen und computergestützten Bildgebungsverfahren will das Team aus Medizinern und Informatikern Funktionsstörungen von Nervenzellen erforschen und die genetischen Wurzeln von Demenz finden - mit dem Ziel, neue Therapien zu entwickeln.
Als Partner gewann Schuth den Präsidenten der Stanford Universität, einen bekannten Neurologen. Gemeinsam sammelten sie rund 200 Millionen Dollar Startkapital ein, unter anderem von Bill Gates. Im Frühjahr 2018 folgte der Börsengang, den Wert von einer Milliarde Dollar erreichte Denali Therapeutics schneller als seinerzeit Facebook.
Warum gründete Schuth seine Firma in Kalifornien statt in Deutschland? Eine Flucht sei es nicht gewesen, sagt Schuth, aber der "Silicon-Valley-Faktor" habe eine große Rolle gespielt, diese besondere Weltsicht hier: "Fortschritt ist immer gut", sagt er. "Morgen ist immer besser als heute."
Es sind kulturellen Differenzen, aber genau die machen den Unterschied: In Deutschland kratzen Gründer oft mühsam ein, zwei Millionen Euro zusammen, in Kalifornien gibt es schnell 50 Millionen oder 100 Millionen Dollar, weil die Geldgeber sagen: "Let's just do it."
Man merkt es überall als Europäer im Silicon Valley: Alles ist hier mindestens zwei Nummern größer. Die Ambitionen, die Mittel, das Tempo. Schwer zu kopieren. Und bedrohlich für die deutsche Wirtschaft, die immer noch viel zu oft gemächlich vor sich hinwurschtelt. Eine riesige Innovationslücke zu den kalifornischen Tech-Konzernen hat sich aufgetan: Allein Apple ist nun so viel wert wie alle Dax-Unternehmen zusammen.
Natürlich hat die kalifornische Hauruck-mentalität auch Schattenseiten. Wer ungestüm losrennt, macht Fehler, stolpert, fällt auf die Nase. Bei Apps und Dienstleistungen beschränkt sich das Risiko vorwiegend auf finanzielle Schäden; im hochsensiblen Feld der Gesundheit jedoch steht weit mehr auf dem Spiel.
Der Fall Theranos ist eine Warnung: Das Start-up aus Palo Alto - der Heimat der Stanford Universität - wollte Bluttests einfacher, billiger und schneller machen. Angeführt von einer smarten und charmanten Gründerin, Elizabeth Holmes, stieg das Unternehmen schnell auf zum vermeintlichen Vorzeigeunternehmen der neuen digitalen Gesundheitswelt und fand Gesundheitskonzerne als Partner.
"Digitale Datenmedizin"
Zeitweilig war die Jungfirma neun Milliarden Dollar wert - bis Recherchen des "Wall Street Journals" aufdeckten, dass die angeblich revolutionäre Technologie des Unternehmens gar nicht existierte. Nach weiteren Enthüllungen wurde die Firma liquidiert, Elizabeth Holmes kämpft mit Betrugsvorwürfen und der Börsenaufsicht; ihr droht eine Gefängnisstrafe.
Auch auf dem neuen Forschungscampus von Google in San Francisco, wenige Hundert Meter vom Start-up des deutschen Arztes Alexander Schuth entfernt, geht es um Medizin, eine neue "digitale Datenmedizin". Der Konzern will eine medizinische Plattform schaffen, Menschen mit Sensoren ausstatten, um sie früher vor drohenden Krankheiten zu warnen und individuelle Therapien zu entwickeln.
Für diese Vision einer vorausschauenden Medizin muss der Nutzer enorme Mengen an präzisen und sehr intimen Daten preisgeben. Lohnt sich dieser Tausch, Privatsphäre und sensible Informationen gegen die Chance auf eine bessere Gesundheitsversorgung?
Die notorischen Zukunftsoptimisten in Kalifornien neigen dazu, die ethischen Fallstricke ihres Fortschrittsdrangs zu ignorieren. Doch gerade auf einem so heiklen Gebiet wie Gesundheit drängt sich für einen Europäer die Frage auf, ob etwas weniger Sturm und Drang vielleicht gar nicht schlecht wären.
Mag sein, dass in diesem Fall unsere Neigung zu Vorsicht und langsamem Herantasten zum Vorteil wird.