Mein digitaler Alltag: A Beautiful World - DER SPIEGEL
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Mein digitaler Alltag A Beautiful World

Weit über der Erde ist mein Platz, über mir habe ich nur die Schrägen meiner Dachwohnung. Hier, im vierten Stock im Oberbergischen, ist nichts als Ruhe. Ruhe und Abgeschiedenheit von der Welt.
Von Anna Marxen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn ich über die Teppiche laufe, höre ich meine Füße über die Fasern streifen. Gegenüber, sehe ich durch mein Fenster, schüttelt eine Mutter Bettwäsche aus. Wer hat mich nur hierher geschickt? Ich war es nicht.

FIIIEEEEEP! RRRRRRRRSP!

Die Abende sind lang. Wenn ich nicht arbeite, telefoniere ich oder lese oder sehe fern. Und ich höre Musik. Die neue Platte von Coldplay ist schön. "We live in a beautiful world", singt der Sänger im ersten Lied. Und ich glaube es ihm. Er muss schließlich nicht im Oberbergischen wohnen, er sitzt irgendwo in London und hat keine Ahnung, wie es mir hier geht. Die Menschen in dieser Umgebung leben in einer eigenen Welt, in die man mich einfach hineingeworfen hat, gegen meinen Willen. Die Leute hier vergraben sich in ihren Wohnungen. Und das Schlimmste ist: Sie halten das für völlig normal.

FIIIEEEEEP! RRRRRRRRSP!

Es ist nicht so, dass ich keine Freunde hätte. Sie kommen nur nicht hierher. Verständlich, denn was sollen wir hier tun? Auch mein Freund wohnt woanders. Ich rede mit allen am Telefon, aus meiner Abgeschiedenheit nehme ich den Kontakt zu ihnen auf und sie zu mir. Wenn ich das Telefon zurück an seinen Platz gestellt habe, liege ich im Dunkeln im Bett und höre, wie der Kühlschrank leise in der Küche vor sich hin brummt. Manchmal bellt auch ein Schäferhund.

Sicher, da sind meine Kollegen. Doch ich liebe meine Arbeit nicht genug, um dort glücklich zu sein. Ich muss mein Glück woanders suchen. Sicher, da sind all die Einkaufszentren. Doch man kann nur Lebensmittel ersteigern, sonst nichts. Und so setze ich mich einfach wieder in mein kleines Auto und fahre nach Hause. Mein Glück ist nicht hier. Es ist an einem anderen Ort, das weiß ich.

FIIIEEEEEP! RRRRRRRRSP! FIIIEEEEEP! RRRRRRRRSP!

Das ist der Ton, das ist mein Ton, um in die Welt zu treten. Dabei klingt es überhaupt nicht schön, mein Modem. Aber es ist das, was mir die Sicherheit gibt. Da draußen, das weiß ich dann, gibt es mehr als Berge, Kuhmist und Kegelabende. Ich lebe in den Bergen und blicke aus meinen Fenstern auf große Wälder und große Felder. Doch das interessiert mich nicht. Dem kann ich nichts abgewinnen. Ich bin kein Bauer. Ich bin kein Ferkelproduzent. Das Kabel, das zu meinem Computer führt, ist mir lieber. Ebenso mein Bildschirm, denn hier bekomme ich Post. Aus Frankfurt, Malmö, Kopenhagen, Münster und all diesen Orten, die sich zur Welt dazugehörig zählen dürfen.

Und so sitze ich dann ganz entspannt auf meinem gepolsterten Schreibtischstuhl, trinke einen heißen Kakao und freue mich, weil ich mir in einem solchen Moment wieder ganz bewusst bin, dass es nur noch wenige Monate sind, die ich durchhalten muss, bis ich hier endlich wieder verschwinden kann und dem Sänger von Coldplay keine Vorwürfe mehr machen muss.

Vielleicht brauche ich mein Modem dann nicht mehr so sehr. Das wäre ein gutes Zeichen.
Ein sehr gutes.