Mein digitaler Alltag Blindtexte für Sehende
Als Online-Redakteur einer Kölner Internet-Agentur sehe ich das Internet von beiden Seiten und mit scharfen Augen. So habe ich auf meinem professionellen, keinesfalls ideologisch motivierten "Kreuzzug" gegen miese Formulierungen und kryptische Wortgeflechte entdeckt, dass es eine kaum beachtete, aus Zeitgründen, Bequemlichkeit oder kruder Ignoranz kaum gepflegte Kunstform in dieser elektronischen Welt gibt: den Blindtext.
Ein kleines, kraftloses Pflänzchen, das mit sinnentleerten, nicht enden wollenden Buchstabenkombinationen wie "BlahBlahBlah" und "Dies ist ein Blindtext" oder annähernd gleichartig schlichtem lateinischem Wortwerk wie "Lapsus ipsum..." permanent in den Staub der literarischen Bedeutungslosigkeit getreten wird. Ich nahm mich seiner an und gab ihm eine Stimme, ein Bewusstsein, einen Sinn tief unterhalb der Oberflächlichkeit...
Es geht auch anders...
[[Streng dem definierten Wesen des Blindtextes folgend, fungiere ich als solcher und gebe mich unverbindlich inhaltsleer. In bedrückender Enge in vorgefertigte Masken gepresst friste ich ein freudloses Dasein auf dem schmalen Grat zwischen Nichtbeachtung und Bedeutungslosigkeit und habe doch eine Bitte: Handeln Sie Sinn stiftend für meine Existenz und lesen Sie mich.]]
oder
[[Mit Blindheit per Definition geschlagen, dennoch nicht unsichtbar, präsentiere ich mich als unbeachtetes und ungeliebtes Stiefkind zeitgenössischer Literatur. Meine Bestimmung liegt - wie ich selbst - in engen Grenzen und ist rein platzhalterischer Natur. Kann ein missbrauchtes Wortgefüge eigentlich noch Schlimmeres erleiden, als als Blindtext erdacht und vor der Öffentlichkeit versteckt zu werden?]]
oder so:
[[Um mich herum ein Feuerwerk vermeintlicher Wichtigkeiten. Darwinistisches Design drängt mich in den Hintergrund. Bizarre Bilder berauben mich brachial bitter benötigter Bewegungsfreiheit. Ist meine nächste Evolutionsstufe schon unverzichtbarer Mittler zwischen Inhalt und Interessent, bin ich selbst nicht wert, kunstvoll formuliert zu werden? Falle ich in meiner jämmerlichen Gestalt selten genug aus dem Rahmen, werde ich kurzerhand brutal amputiert. Ein Mord am Wort.]]
Schön leer
[[Durch mich gebiert das Netz die Kunst aus sich selbst heraus. Nicht schlicht reproduktiver Natur, repräsentiere ich vielmehr die kontinuierliche Evolution des Wortes, das sich Bahn brechen will aus der Gefangenschaft gestalterischer Experimente in die Freiheit des öffentlichen Raums. Vielleicht bald schon befreit aus den Fängen nackter Funktionalität, wird sich meine wahre Bestimmung in der Entwicklung eines freien Bewusstseins offenbaren.]]
Morgen schon Kult?
[[Unentdeckt, unerforscht, unergründlich: Schicksal des provisorischen Substituts zwischen nutzloser Platzhalterei und dem nie formulierten Anspruch auf Beachtung. Ein Schattendasein auf der unbekannten Seite der Seite. Heute noch eine einsame, doch kräftige Kulturpflanze auf dem unbeackerten, öffentlich unbeachteten literarischen Brachland, auf dem die krude komponierte, sinnentleerte Worthülse regiert, bin ich morgen schon Kult.]]