Mein digitaler Alltag Castaway
1. Tag, 25. Oktober
Ich erwachte von einem jähen Schmerz in meiner linken Hand. Als ich abrupt hochfuhr, brachten die feinen Sandkörnchen meine sonnenverbrannte Haut zum Glühen. Ein Schmerzensschrei entfuhr mir, zerriss die unbeschreibliche Stille um mich herum und verscheuchte den Seevogel, der eben noch versuchte, das Fleisch von meinen Fingern zu reißen.
Ein Vogel. Geflügel. Nahrung. Nun, da ich offensichtlich überlebt hatte, galt es, diesen kläglichen Rest Leben so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Ich musste Trinkwasser finden, mehr noch als etwas Essbares brauchte ich Wasser. Meine Zunge schien auf ihre doppelte Größe angeschwollen, und die unbarmherzige Sonne setzte meiner Haut so zu, dass ich sie dringend kühlen musste.
Welche Ironie! Umgeben von Wasser und doch dem Verdursten so nah. Wie durch ein Wunder konnte ich mich nach dem Untergang der "Dove" auf diese Insel retten, mit nichts als dem, was ich am Leibe trug. Bis zuletzt sandten wir verzweifelt auf allen Frequenzen SOS, doch niemand schien uns zu hören. Nachdem ich mich an Land geschleppt hatte, fiel ich in einen langen, todähnlichen Schlaf, der dann durch die Möwe sein plötzliches Ende fand.
3. Tag, 27. Oktober
Einen kleinen Wasserfall habe ich überraschend schnell gefunden, außerdem mangoähnliche Früchte, sodass mein Überleben für eine Zeitlang gesichert scheint. Den gestrigen Tag verbrachte ich in einer Art verzweifeltem Dämmerzustand und versuchte, das Unfassbare zu akzeptieren. Die Insel war klein, ich konnte sie innerhalb von zwei Stunden - oder was ich dafür hielt, denn meine Armbanduhr hatte ich verloren - umrunden. Nach meinem ersten Erkundungsgang war klar: Ich war allein. Tom, Lilly und Carla, meine geliebte Ehefrau ... sie alle waren beim Untergang des Segelbootes, das wir für einen dreiwöchigen Törn im südchinesischen Meer gechartert hatten, ums Leben gekommen. Nur ich war an diesen Strand gespült worden, der alle Attribute einer Postkartenidylle aufweist, mir jedoch wie der Vorhof zur Hölle vorkommt. Warum kann ich nicht auch tot sein? Mein von jeher zäher Lebenswille hält mich davon ab, einfach zurück ins Meer zu gehen und meinen Freunden und meiner Frau zu folgen. Noch.
4. Tag, 28. Oktober
Heute habe ich - recht erfolgreich sogar - versucht, aus den großen, harten Blättern der Palmen um mich herum einen provisorischen Schutz vor der erbarmungslosen Sonne und den heftigen täglichen Regengüssen zu bauen. Tagsüber herrscht eine fast unerträgliche Hitze, nach dem Regen fällt das Atmen schwer und von überall her tauchen diese schrecklichen, nahezu handtellergroßen Spinnen auf. In den Nächten finde ich vor Kälte kaum Schlaf und die ständigen Schleif- und Scharrgeräusche um mich herum bieten Nahrung für meine Fantasie, deren umfangreiches Potenzial an Horrorszenarien ich bislang nicht kannte. Bevor gestern die Nacht hereinbrach, habe ich aus meinen Shorts Fäden herausgezogen, die ich heute zu einer Art Angelschnur verzwirbelt habe. Mein kleiner goldener Ohrring, den Carla immer so unmöglich fand, liefert einen ziemlich guten Haken, und morgen werde ich mein Glück im Fischfang versuchen, um auf diese Weise meinen Eiweißbedarf zumindest halbwegs zu decken.
15. Tag, 8. November
Mein Speisezettel ist in den letzten Tagen etwas abwechslungsreicher geworden. Ich habe entdeckt, dass ich an die Kokosnüsse auf den Palmen gelangen kann, indem ich meinen Gürtel als Steighilfe benutze. Bei meinen erfolglosen Angelversuchen entdeckte ich, dass Seeschildkröten ihre Gelege im Sand versteckt haben. Die Eier sind zwar roh, aber durch die sich entwickelnde Hitze warm und halbwegs genießbar.
Ich habe angefangen, in den frühen Morgenstunden und in der Zeit kurz vor dem Sonnenuntergang die Insel im Laufschritt zu umrunden und anschließend ungefähr eine halbe Stunde so schnell ich kann im Meer zu schwimmen, um mich so fit zu halten. Körperlich bin ich in einigermaßen guter Verfassung, meine Einsamkeit und Verzweiflung jedoch wächst von Tag zu Tag. Meine Pläne, meinem grauenvollen Dasein hier ein Ende zu bereiten, nehmen immer konkretere Formen an.
20. Tag, 13. November
Als ich heute am Strand nach frischen Schildkrötennestern suchte, glaubte ich, in der Ferne ein Schiff zu erkennen. Ich starrte den Horizont minutenlang so intensiv an, bis meine Augen tränten und ich nichts mehr erkennen konnte. Ein Schiff konnte ich aber nicht mehr ausmachen. Ich muss befürchten, dass ich wohl langsam dem Wahnsinn verfalle. Abends zwinge ich mich, Lieder zu singen oder Gedichte zu rezitieren, damit mir meine eigene Stimme nicht fremd wird, damit etwas Menschliches die verlassene Welt rings umher erfüllt.
Was ich jedoch vor zwei Tagen im Wasser direkt vor meiner Laubhütte bemerkte, war keine Fata Morgana, sondern grausige Realität: Haie. Ich erkannte mühelos drei große, dreieckige Flossen, die in bedrohlicher Ruhe immer hin und her schwammen. Mehrere Stunden zogen die Tiere ihre Bahnen, bis sie dann von der Nacht verschluckt wurden. Eine meiner favorisierten Selbstmordvarianten war ja "Ins-Wasser-gehen"; diese Spielart gewinnt nun durch das Auftauchen der Haie eine ganz andere Dimension. Vermutlich wäre es sogar eine weniger unangenehme Art zu sterben als das Ertrinken. Auf jeden Fall werde ich erst einmal mein Fitnesstraining auf die Inselumrundung zu Fuß beschränken.
117. Tag, 19. Februar
Es ist wieder soweit! Wie so oft in den letzten Wochen nähert sich langsam ein großes Containerschiff meiner Insel. In etwas weniger als einer Stunde wird der Frachter im tieferen Wasser vor Anker gehen und die Besatzung wird mit ihren Beibooten zu meiner Insel übersetzen, um sich hier ein paar schöne Stunden am Strand zu machen. Heute muss es klappen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es dieses Mal anders sein wird. In den letzten Monaten stand ich mindestens ein Dutzend Mal am Strand und winkte den herannahenden Seeleuten zu. Einmal war eines der Boote sogar bis auf Rufweite herangekommen und die Tränen der Erleichterung, dass mein Martyrium nun endlich zu Ende sein würde, rannen über mein Gesicht.
Doch nicht ein einziges Mal gelang es mir, den Matrosen auf ihr Schiff zu folgen. Ich bete zu allen Heiligen, dass es mir dieses Mal glücken möge. Dass Er nicht wieder alles zunichte macht und mich für immer auf diesen trostlosen Flecken Erde verbannt. Ich werde nicht mehr lange durchhalten. Eine kleine Bewegung Seiner Hand genügt, und meine Zukunft stürzt erneut in ein bodenloses, dunkles Nichts.
Die Boote kommen immer näher, einer der Seemänner scheint mich durch sein Fernglas entdeckt zu haben und macht seine Kameraden auf mich aufmerksam. Ich ziehe mein zerschlissenes Hemd aus und beginne hektisch damit zu winken. Sie haben mich gesehen! Der Mann, der mich zuerst entdeckt hat, weist den Matrosen am Außenborder an, schneller zu fahren. Kein Zweifel: Sie haben mich gesehen, und dieses Mal wird es wahr. Ich werde gerettet werden. Der Mann mit dem Fernglas winkt mir zu und schreit über das Motorenger-...
13.30 Uhr:
Die Mittagspause von Dietmar W., Networkdesigner beim Solution-Provider SolveSystems ist zu Ende. Er zündet sich eine Zigarette an und stöhnt. Die Doppelportion Pommes zum Grillhähnchen war wohl doch etwas zuviel des Guten und würde nicht gerade dazu beitragen, seine ohnehin miese Stimmung zu verbessern. Keine Motivation, vor allem keine Inspiration. Und diese Präsentationsfolien müssen unbedingt heute noch fertig werden. Es verspricht wieder mal ein Abend im Büro zu werden. Was solls? Er wird ohnehin von niemandem erwartet, und in der Glotze gibts garantiert wieder nichts als niveaulose Krimiserien oder "Geschichten, die das Leben schrieb".
Gedankenverloren starrt Dietmar W. auf seinen Computermonitor und sieht eine kurze Weile seinem Bildschirmschoner zu. Johnny Castaway, der gestrandete Schiffbrüchige, springt wieder mal hektisch auf und ab, um den Frachter, der soeben am linken Bildschirmrand aufgetaucht ist, auf sich aufmerksam zu machen. "Du hast es gut, kleiner Mann", denkt W. "Ich würde auch gerne mal ein paar Monate auf einer einsamen Insel ausspannen, den ganzen Tag in der Sonne liegen und Gott 'nen guten Mann sein lassen." Er drückt seine Zigarette aus, greift zur Maus, und statt des bärtigen kleinen Männleins in den zerlumpten Kleidern zeigt sein Bildschirm wieder unbarmherzig seine noch lange nicht präsentationsreife Folienserie.