Mein digitaler Alltag: Das Geschenk - DER SPIEGEL
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Mein digitaler Alltag Das Geschenk

Mutters Stimme verfolgte sie noch, als sie durch die stillen Straßen lief. Hannaaa? Willst du noch mal weg, Kind? Ja, weg, nur weg!
Von Judith Ott
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nur ein bisschen spazieren, Mama.Sie ließ das Wohnviertel hinter sich.Aber du kommst doch bald wieder, Kind?Sie überquerte die Brücke. Sicher, Mama.Von weitem sah sie den Bus um die Ecke biegen.Bleib nicht so lange!Sie rannte das letzte Stück und sprang in den Bus.Nein, Mama, nicht lange.Hanna ließ sich auf einen Sitz fallen und schloss die Augen.Hannaaa?Nein!!! Schluss jetzt! Am Markt stieg sie aus und wurde durch die schmale Gasse zwischen einem Bauzaun und der Fahrbahn gedrängt. "Vorsicht mal bitte, Vorsicht!" Die Menge geriet ins Stocken. Hanna schluckte, als der Blick des entgegenkommenden Rollstuhlfahrers sie traf. "Ach, junge Frau, könnten sie wohl mal ein Stück..." Hannaaa? Ach Hanna, Kind, hilf mir doch mal eben ...

"Natürlich", murmelte sie und presste sich gegen den Zaun. Willenlos überließ sie sich dann wieder dem Strom der Menge und betrat das Kaufhaus. Gedankenlos fuhr sie mit der Rolltreppe ins letzte Obergeschoss, wo sie sich vor einem überdimensionalen Fernsehbildschirm wiederfand. Mr. Beans Grinsen flimmerte über die Mattscheibe; gerade war er dabei, mit der Fernbedienung eines Spielzeugautos eine alte Dame im elektrischen Rollstuhl direkt auf einen See zuzusteuern. Ein paar Kinder, die sich auf den Sesseln vor dem Fernseher lümmelten, lachten. "Was gibt's da zu lachen!" fuhr Hanna sie an. Die Kinder verstummten, warfen sich Blicke zu, grinsten und kicherten. Hanna presste die Lippen zusammen und wandte sich ab. "Kann ich Ihnen helfen?" Hanna starrte den Verkäufer einen Moment an. Mir ist nicht zu helfen, dachte sie, und wollte weitergehen, als ihr Blick auf das fiel, was direkt vor ihr im Regal stand. Ha, warum eigentlich nicht? Jetzt würde sie sich einmal selbst verwöhnen! "Ich nehme den da!", sagte sie energisch. "Äh... einfach so?""Wieso nicht?""Ich meine, soll ich Ihnen nicht vielleicht erst mal erklären...?""Halten Sie mich für zu blöd, das Ding zu bedienen, oder was?""Nein, sicher nicht", beeilte sich der Verkäufer, "Augenblick bitte, ich hole Ihnen einen aus dem Lager." Eine halbe Stunde später blitzte das rote Licht des Scanners über den Strichcode der Verpackung. "Dreitausendvierhundertneunundneunzig", sagte die Kassiererin, und Hanna zückte ihre EC-Karte. "Hannaaa? Bist du das?" Hanna stellte ihr Paket im Flur ab und seufzte heimlich. Wer außer ihr sollte es wohl sonst sein? Ihre Mutter kam mit dem Rollstuhl aus der Küche gefahren. "Hanna, Kind, ich hab ein Glas Wasser verschüttet..." Hanna trat zu ihr und strich ihr übers Haar. "Nicht so schlimm, Mama, ich mach's schnell weg."Später betrachtete sie ihren Frustkauf. Was zum Teufel wollte sie eigentlich mit dem Ding? Sich noch fester ans Haus binden? Dafür sorgte doch Mutter bereits! Doch plötzlich kam ihr eine Idee... Drei Monate später verließ Hanna zusammen mit Karin die Arztpraxis, in der sie arbeiteten. "Lass uns noch ein Eis essen gehen", schlug Hanna vor. "Musst du nicht schnell nach Hause zu deiner Mutter?" fragte Karin erstaunt. "Nö", Hanna lächelte verschmitzt, "die ist gut beschäftigt." Und dann bummelten die beiden Frauen gemütlich den Boulevard entlang.Hanna hörte schon im Flur das herzliche Lachen ihrer Mutter. "Ach, du bist schon da." Ihre Mutter sah nur kurz hoch, als Hanna eintrat, und konzentrierte sich dann wieder auf den Bildschirm. "Gibt's was Neues?" fragte Hanna. "Und ob!" lachte die alte Dame. "Armin leitet in diesem Monat die Schreibwerkstatt, Babsi fliegt nach Ibiza, und Anne muss zu einer todlangweiligen Vernissage, die Ärmste...""Mama?""Hm?""Karin und ich wollten heute Abend ins Kino...""Ja, ja, geh nur, Kind. Aber tu mir einen Gefallen, mach mir vorher noch eine Flasche Wein auf - gegen ein, zwei Gläschen hat der Doktor sicher nichts."Während Hanna alles zurechtstellte, kicherte ihre Mutter unentwegt vergnügt. "Ach übrigens, Kind, sei doch so lieb und besorge mir in den nächsten Tagen ein Englisch-Wörterbuch. Und sag mal, was ist eigentlich ein Provider? - Na, egal, man muss nicht alles wissen. Immerhin habe ich schon verstanden, wie diese Diskussionsliste im Internet funktioniert, und heute Abend gibt es eine virtuelle Party!" Ihre Augen glänzten, als sie plötzlich Hannas Hand ergriff." Ach Kind, als du dieses Gerät hier angeschleppt hast, wollte ich gar nicht begreifen, wofür du dein gutes Geld hinauswirfst. Aber inzwischen... also dieser Laptop ist wirklich das beste Geschenk, das du mir jemals gemacht hast!"