Mein digitaler Alltag Der PC spielt Eisenbahn
Gestern:
Meine erste Modelleisenbahn bekam ich mit fünf. Die war aus der Kaufhalle und aus Metall, zum Aufziehen und hopste höchst ungelenk über ihre Schienen. Das war Weihnachten 1967, und im Frühjahr 1968 war sie bereits kaputt.
Der Begriff "Modelleisenbahn" traf auf das, was dann 1969 unterm Weihnachtsbaum lag, nur sehr eingeschränkt zu. "Faller Hit Train" hieß das Vollplastik-Erzeugnis, in dessen Lok immerhin schon ein Batterie getriebener Elektro-Motor steckte, der für eine surrende Fortbewegung des knallbunten Fantasie-Zuges über die Plastik-Schienen sorgte.
Die Steuerungsmöglichkeiten waren nicht allzu üppig: Vorwärts, Stopp, rückwärts. Zum Glück nutzte meine Schwester die Bahn schnell als Transportmittel für Barbie, Skipper und Ken, so dass ich mir eine "richtige" Modellbahn zu Weihnachten wünschen konnte. Die lag dann allerdings erst ein paar Jahre später unter der Edelfichte: Auf den ersten Blick sah man der "Trix Express"-Startpackung nicht an, wie dürftig ihr Inhalt doch eigentlich war. In aufgebautem Zustand flitzte eine kleine, schwarze Dampflok mit nur drei Güterwaggons über einen winzigen Schienenkreis, an den ein hässlicher, blauer Trafo angeschlossen war. Da gab es nicht allzu viel zu erleben.
Vom zusammen gesparten Taschengeld kaufte ich mir daher schnell ein paar Weichen und zusätzliche Gleise. Eine weitere Diesellok mit zwei Personen-Waggons steuerten liebe Verwandte bei. Das zu befahrende Streckennetz war nun zwar groß genug - es gab nur ein Problem: Drehte ich den Fahrregler am Trafo auf, setzten sich beide Loks gleichermaßen in Bewegung und ich hatte Mühe, die Unfallbilanz auf meiner Spanplatte in vertretbaren Grenzen zu halten. Denn je stärker man den Drehknopf in eine Richtung bewegte, desto stärker war der Strom und desto schneller fuhr die Lok. Floss kein Strom, blieb die Lok stehen. Befanden sich zwei oder drei Loks auf dem selben Gleis, reagierten alle gleich auf die Veränderung der Stromstärke: Alle fuhren los oder alle blieben stehen.
Was soll ich lange darum herumreden: Irgendwann verlor ich einfach den Spaß daran, ständig die schnellere rote Diesellok manuell daran zu hindern, sich mit einem Satz auf die nur im Schneckentempo fliehende, kleine Dampflok zu stürzen. Denn um mehrere Züge unabhängig auf meiner Anlage steuern zu können, hätte es unvorstellbarer Frickel- und Lötarbeiten bedurft, die alle mehr oder weniger darauf hinaus liefen, das Schienennetz elektrisch in einzelne Abschnitte aufzuteilen. Wahlweise hätte man dann in bestimmten Teilen den Strom ein- und in anderen ausschalten müssen, um auf diese Weise mehrere Loks unfallfrei steuern zu können.
Das war mir nun wirklich zu umständlich. Die kommenden 25 Jahre lang fand ich Modellbahnen daher dann langweilig. Die Erzeugnisse der heftig in Fahrt kommenden Computerbranche interessierten mich einfach mehr. Umso erfreuter war ich, als die vergleichsweise träge Modellbahn-Industrie vor ein paar Jahren entdeckte, dass Bits und Bytes auch Loks und Waggons wieder in Fahrt bringen könnte. Denn nur auf ganz wenigen Wunschzetteln waren in den vergangenen Jahren Modellbahnen zu finden gewesen.
Heute
Das wichtigste Steuergerät bei einer digitalen Modellbahn ist die so genannte "Zentrale" - ein Kästchen, in dem ein kleiner Rechner arbeitet. Der Strom gelangt jetzt also aus der Zentrale in die Gleise. Erstaunlich ist, dass dieser "Digitalstrom" immer gleich stark ist, ganz gleich ob die Züge nun schnell fahren, langsam fahren oder sogar stehen. Und in diesem Digitalstrom versteckt die Zentrale außerdem ihre Steuerbefehle.
Im Inneren jeder "digitalisierten" Lokomotive steckt ein Decoder, eine kleine Platine, die diese Daten empfängt und die Befehle an den Motor der Lok weitergibt. Wenn der Zentrale zum Beispiel der Wunsch des Benutzers Befehl ist, die rote Diesellok in einer bestimmten Geschwindigkeit vorwärts fahren zu lassen, speist sie diesen Befehl in die Gleise ein. Der Decoder in der Lok empfängt ihn und gibt entsprechend viel Strom an den Motor weiter. Damit auch nur der Dekoder reagiert, der gemeint ist, besitzt jedes der kleinen Platinchen eine eigene Nummer, die Adresse. Mehrere Loks können so auf dem gleichen Gleis völlig unterschiedliche Aktionen ausführen. "Digitaler Mehrzugbetrieb" nennen das die Hersteller.
Da der Mensch von Natur aus jedoch eigentlich nicht mehrzugfähig ist, kommt es auch hier schnell zu Unfällen inmitten von Streugras und Pappmaché. Denn schließlich kann man einfach nicht mehrere Züge gleichzeitig im Auge behalten.
Hilfestellung leistet aber der Computer. An die schon erwähnte Zentrale wird hierfür über die vorhandene serielle Schnittstelle ein PC angeschlossen, der auch gerne schon etwas betagter sein darf. Die Steuerbefehle bekommen die Loks ab sofort nicht mehr durch das Drehen der Regler an der Zentrale sondern vom PC, genauer gesagt: Von der Steuersoftware.
Auf dem Bildschirm des PC ist nämlich ein Bild der Anlage zu sehen. Per Maus legt man zunächst fest, welche Wege eine bestimmte Lok fahren darf, welche Weichen und Signale geschaltet werden müssen. Per Mausklick startet man schließlich den Fahrbetrieb, der sogar nach einem vorher ausgearbeiteten Fahrplan ablaufen kann. Der Mensch wird als Spieler nun eigentlich nicht mehr gebraucht und kann sich anderen Dingen zuwenden. Natürlich kann er aber auch gegen den Computer spielen und eine beliebige Anzahl von Zügen selber steuern.
Morgen
Klingt das nicht spannend? Nur Zeit müsste man für all die beschaulichen Bastelarbeiten haben. Für den PDA-gelenkten Menschen von heute fast undenkbar. Aber es aber einen Ausweg. Und mit Lötzinn und Holzleim bekleckert man sich so auch nicht mehr: Bei den englischen Spiele-Machern von Kuju Entertainment lässt Microsoft nämlich gerade das Programm "Train Simulator" entwickeln.
Ein Computerspiel, mit dem man selber zum Lokführer auf dem Bildschirm wird. Im nächsten Jahr soll es zu haben sein. Dann kann ich endlich auch am Schreibtisch mit meiner Modelleisenbahn spielen. In meinem Palm Vx habe ich jedenfalls unter "Wunschzettel" schon einen entsprechenden Eintrag eingefügt.