Mein digitaler Alltag how.to/come through?
Ich stehe bei Fisch Gosch in List auf Sylt und trinke ein Jever aus der Flasche. Am Tisch nebenan steht jemand und isst ein Fischbrötchen. Er sieht aus wie Marcel Reif, aber mein Freund sagt, dass er das nicht ist, und mein Freund ist im Fußballverein.
Fällt im Stadion ein Tor oder passiert ein Foul warte ich immer auf die Zeitlupe oder suche links oben in meinem Blickfeld nach dem Spielstand und bleibe dabei erfolglos.
Ich schreibe eine Postkarte an meinen Professor. Dabei erzähle ich meinem Freund, dass ich beim Kauf von Postkarten aus den 70er und 80er Jahren an den Hamburger Landungsbrücken kürzlich festgestellt habe, dass auf diversen Karten exakt die gleiche Wolkenformation am Himmel zu sehen ist, egal, ob die Karte die Landungsbrücken, den Elbtunnel oder den Michel zeigt.
Später stehen wir draußen. Es ist sehr windig, die Fähre auf die dänische Insel Romo legt gerade ab. Mit dem Handy rufe ich meinen Bruder an und sage ihm, er solle sich bei www.sylt-wetter.de einloggen und dort auf "List" klicken. Ich winke und beschreibe, welche Kleidung ich trage. Er sagt, dass er mich sehen kann. Gegenüber von Fisch Gosch ist eine Webcam angebracht. "Ganz schönes Scheisswetter habt Ihr da", sagt mein Bruder. In Hessen scheint - wie eigentlich immer - die Sonne.
Auf dem Rückweg von Sylt nach Hamburg halten wir in Büsum. Es ist Februar und menschenleer. Ich erinnere mich an die Bücherei, die Seehundaufzuchtstation, das Kurzentrum mit den großen nebligen Inhalationsräumen, in denen ich mit elf Jahren zwischen lauter alten, röchelnden Menschen saß und dachte, dass ich da irgendwie falsch bin, und ich erinnere mich an den "Wienerwald" in der Fußgängerzone. Mit elf Jahren liebt man Hähnchen.
Ungefähr mit elf war ich auch fest davon überzeugt, dass Digitaluhren "Berg- und Tal-Uhren" heißen, weil sie ungeachtet ihres Einsatzortes und sicher auch unter Extrembedingungen immer gleichermaßen präzise funktionieren.
Zurück in Hamburg mache ich abends an den Landungsbrücken einen Spaziergang. Über jeder Würstchenbude hängt eine Webcam oder sonst irgendeine Überwachungskamera.
Am nächsten Abend ist eine Geburtstags-Party in einem ehemaligen LKW-Fahrer-Imbiss im Freihafen. "Schick mal eine SMS, damit ich Dich überwachen kann," sagt mein Freund. "Du kannst mich nicht überwachen", antworte ich. "Doch, ich habe Dir letzte Nacht einen GPS-Chip eingebaut."
Ich fahre mit dem Fahrrad durch die Speicherstadt und stehe plötzlich inmitten von LKWs, in deren Fahrerhäuschen finster dreinblickende Kerle bei laufendem Motor ihren Sonntagabend verbringen. Ich hoffe, dass wenn ich jetzt gleich überfallen werde, derjenige, der das über seine Webcam mitverfolgt, nicht vor dem Bildschirm sitzen bleibt, sondern aufsteht und mich rettet.
Später auf der Party erzählt mir Mirek aus Prag, dass es dort keine Wohngemeinschaften gibt, weil im Sozialismus die Leute immer so lange bei ihren Eltern wohnen geblieben sind bis sie geheiratet haben. Ich sage, dass das hier nicht so ist, und wir schauen auf die Menschen in den Plastikjacken mit dem Dithmarscher Bier in der Hand und müssen lachen.
Ich erzähle vom Wochenende auf Sylt und von der Rückfahrt und dass ich damals in Büsum eine Flaschenpost in die Nordsee geworfen habe und einige Wochen später einen Brief bekam von Ute aus Marne. Sie war drei oder vier Jahre älter als ich und nachdem wir uns ein paar Jahre geschrieben hatten, erzählte sie mir, dass sie ihrem Freund immer das Spritgeld für seinen Opel geben musste, weil er nichts arbeitete und andere traurige Geschichten aus Dithmarschen und dann habe ich ihr irgendwann nicht mehr geschrieben.
Damals waren die Postleitzahlen noch vierstellig.
Mirek teilt einen Einkaufsbon von Pro-Markt Ost/Berlin Wedding und wir schreiben uns gegenseitig unsere E-Mail-Adressen auf.
Meine Berg- und Tal-Uhr sagt "2:47", und ich überlege heimzufahren. Die Angst vor den LKW-Fahrern hat der Dithmarscher Urtyp mir längst genommen. Doch dann treffe ich noch Jonas und wir unterhalten uns und stellen fest, dass unsere Mütter beide gerade dabei sind, ein Buch zu schreiben. Wir tauschen unsere Handynummern aus unter dem Vorwand, unsere Autoren-Mütter miteinander bekannt machen zu wollen.
Zu Hause eine E-Mail von Juli, sie schreibt: "Gestern Nacht kam mir in der Max-Brauer-Allee ein leerer Bus entgegen. Vorne auf der Digitalanzeige stand die Nummer '666' und als Zielort 'nach Hause'. Da bekam ich's echt mit der Angst zu tun."
Ich schalte den Computer und mein Handy aus und lege meine Kleider über den Stuhl. Ich ziehe meinen Aluminiumhelm über, damit der BND, mein Freund und die "Hamburger Morgenpost" meine Gedanken nicht lesen können und lege mich schlafen.