Mein digitaler Alltag "Ich bin Programmierer"
Manchmal denke ich an die Zeiten vor fast 30 Jahren zurück, als wir unsere Programme noch in Lochkarten gestanzt haben und beinahe den ganzen Tag auf eine einzige Umwandlung warten mussten.
Ja, ich weiß, ich bin hoffnungslos altmodisch, ein Dinosaurier der EDV. Früher nannte man Leute wie mich Organisationsprogrammierer. Heute müssen wir uns als IT-Spezialisten bezeichnen, um noch etwas zu gelten. Am Inhalt unserer Arbeit ändert das gar nichts.
Gestern wie heute schaufeln meine Kollegen und ich viele Millionen Datensätze per Programm und Utility durch den Großrechner, und morgen werden wir das Gleiche tun, ganz gleich, ob wir Lochkarten, unintelligente Terminals oder Workstations mit 512 Megabyte eigenem Leistungsvermögen für die Kommunikation mit dem guten alten Host benutzen.
Zugegeben, mit so einem Spielzeug von PC, wie es jetzt auf meinem Firmenschreibtisch steht, kann man einiges mehr anfangen als mit den alten Host-Bildschirmen. Dafür waren deren Eingabemasken aber in einem halben Tag programmiert. Für eine Java-Oberfläche mit gleichem Sinngehalt braucht man mindestens eine Woche, die Verbindung zum Host eingerechnet. Dafür müssen die Server-Programme, die dahinter stecken, wegen des technischen Overheads beinahe doppelt so groß sein wie früher.
Das schafft natürlich Arbeitsplätze. Nur schade, dass es auf dem Markt kaum Leute für die sich vermehrenden Jobs gibt. Das bekommen wir hart zu spüren.
Natürlich will ich nicht zurück in die EDV-Steinzeit. Ich sehe ja ein, dass die Sachbearbeiter ein Anrecht auf die Segnungen einer grafischen Oberfläche haben. Mit deren Hilfe könnte man ihnen ausgefeilte Hilfen und praktische Unterstützung anbieten, wenn da nicht die vielen, neuen Vorschriften wären, die besagen, was wir Programmierer nicht tun dürfen. So frage ich mich, warum wir uns so viel Mühe mit diesem Java geben müssen, wenn doch nur ein Abklatsch der althergebrachten Host-Bildschirmoberfläche dabei herauskommt.
Sogar das firmeneigene Intranet ist an Langeweile kaum zu überbieten. Auch dort herrscht ein kreativitätstötendes Regelwerk, das mit Corporate Identity und Corporate Design ummantelt wird.
Da ist das Internet natürlich lustiger. Zugegeben, seit ich über meinen Firmen-PC einen Zugang dazu habe und ins Extranet wechseln darf, schaue ich hie und da mal neugierig hinein. Natürlich nur streng im Rahmen der Vorschriften, die da besagen, dass das Internet nur für Firmenzwecke benutzt werden darf. Aber man klickt ja so schnell irgendwo hin und kommt dann ganz woanders heraus.
Zugegeben, es ist schon etwas peinlich, wenn der Chef plötzlich hinter einem steht, auf den Bildschirm deutet, auf dem gerade die unverwechselbare Physiognomie eines gewissen, "Kaiser" genannten Fußballgurus zu sehen ist, und süffisant fragt, ob der auch zu meinem Projekt gehört. Dabei hatte ich doch nur das mir entgangene Ergebnis meines Lieblingsvereins anschauen wollen. Darf denn ein schwer arbeitender Mensch nicht einmal ein klein wenig im World Wide Web surfen gehen? Schließlich gehöre ich zu den bedauernswerten Kreaturen, die von den wirklich wichtigen Informationen abgeschnitten sind, weil sie keinen eigenen Internetanschluss besitzen.
Ich bin halt altmodisch und will mir kein Internet anschaffen. Aber ich werde heute Abend mal schauen, in welche Ecke meines trauten Heims ein Netz-PC passen würde.