Mein digitaler Alltag: "Interaktiviert die Bohnenkonserven!" - DER SPIEGEL
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Mein digitaler Alltag "Interaktiviert die Bohnenkonserven!"

Auch das ist Alltag: Die "Individual-Konfiguration" aller Informationen. Inhalt statt Werbung. Erfahrungsbericht statt Claim. Auf den Leser zugeschnittene "Zeitungen" - und "User", die der alten Informationswelt langsam entwöhnt werden.
Von Till Kammerer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aus der Morgenzeitung gleitet der Hochglanzprospekt eines örtlichen TV-HiFi-Marktes und klatscht auf die Dielen. Nicht, dass mich Prospekte, die gerade die Informationen "Bild" und "Preis" enthalten, je sonderlich angesprochen hätten. Doch es wird seit einiger Zeit schlimmer.

Während ich lustlos blättere, denke ich daran, welche Verbrauchertests im Web sich wohl mit den angeblichen "Qualitäts-Fernsehgeräten" (Prospekt) befassen. Stelle dem Prospekt innerlich die rhetorische Frage, ob mich wohl enttäuschte Anwender etwa bei Dooyoo, Konsumenten wie ich selber, oder aber die Lobpreisungen der Marketingabteilung des TV-Herstellers objektiver über die Geräte informieren.

Da das Studium heute ruht, überlege ich mir, einen Film auszuleihen, der mir schon seit längerem vorschwebt. Fehlanzeige im stationären Vorort-Videoverleih - "zu alt, zu selten ausgeliehen, aus dem Sortiment genommen". In einem leichten Anflug von Sorge, den Film überhaupt noch irgendwann einmal zu sehen, beschließe ich mögliche Kaufpreise für die Kassette zu ermitteln. Das setzt voraus, dass man weiß, wo man den - wie bereits erwähnt älteren - Film überhaupt bekommt.

Ich lasse mir bei Wer-weiss-was.de eine Liste von Kino- beziehungsweise Filmexperten übermitteln und wähle. Nach wenigen Stunden habe ich sieben Mailantworten in der Box. Eine enthält den persönlichen Rat eines Community-Mitgliedes, es doch einmal bei einer bestimmten Website zu versuchen. Dort gibt es alte Filme bestimmter Genres - und meinen.

Zwischenstop in punkto Allgemeinbildung. Das US-Unternehmen Infogate.com bietet mir die Negroponte-Vision der "Daily Me"-Nachrichten, die nur ich wähle, aus Themenkategorien, die ich markiere. Auch diese Möglichkeit, endlich einmal auf ein mediales Format interaktiv Einfluss nehmen zu können, habe ich bereits genutzt, als ich das erste Mal davon hörte.

Seitdem ist mein persönliches Interessenprofil bei Infogate gespeichert. Jedes Mal, wenn ich erneut online bin, erhalte ich meine Online-Postille. Auf Laufbändern am unteren Monitorrand tickern "News" etwa über "US Top Stories" oder "Books" (Buchrezensionen der "New York Times") vorbei. Mein "News alert" warnt mich, wenn Stichworte wie "Germany", "Berlin" oder "Schroeder" (mit "oe", sonst funktionierts nicht) in einem aktuellen Artikel vorkommen.

"Mass Customization" heißt das Infogate-Konzept in der Theorie, standardisierte Komponenten (hier: Artikel) werden zu persönlichen Online-Zeitungen zusammengesetzt ("massenhafte Individualkonfiguration").

Von mir aus kann es heißen, wie es will.

Mir geht es um etwas anderes

Nie wieder Medien, deren höchstes an interaktivem Gefühl sich "Leserbrief" nennt. Die mich zwingen, einen "Sportteil" mitzukaufen, der mich nicht ansatzweise interessiert.

Gegen Abend gehe ich in den Supermarkt. Das hätte auch ganz entspannt abgehen können, wäre mir nicht die Existenz des US-Online-Lebensmittelhändlers Peapod.com bewußt. Bei Peapod könnte ich mir vor dem Einkauf von jedem Marshmallow den Gehalt an Zucker, Kohlenhydraten unter anderem in einer Dialogbox anzeigen zu lassen. Oder aber, welches Produkt sich besonders gut verkauft ("most popular").

Für mich nicht ganz bedeutungslos, denn all die anderen müssen sich ja was dabei gedacht haben, nur Marshmallows der Marke "President's Choice" so gern zu kaufen. Ich könnte gleichsam die Schwarmintelligenz meiner Konsumenten-Community anzapfen.

Nicht in meinem Supermarkt

Die Konserve mit dem Bohneneintopf, vor der ich zu stehen komme, sieht nicht allzu wissensgesättigt aus. Die Mikrowelle aus der aktuellen Sonderverkaufsaktion (Kassennähe) soll laut Plakat großartig sein. Nur, dass die Chance, jemanden zu finden, der sie schon ausprobiert hat, und mir wie etwa bei Dooyoo davon erzählen könnte, an diesem Abend enorm gering erscheint.

Interaktiviert endlich die Bohnenkonserven. Bitte ...