Mein digitaler Alltag: Mein Aldi-PC - DER SPIEGEL
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Mein digitaler Alltag Mein Aldi-PC

Verdammt, ich stehe im Aldi und ich fühle mich alt - mit gerade mal 30 Jahren. Zumindest so alt, dass mich diese Horde pubertierender Teens doch arg verunsichert: "Ey Scheiße, die Kiste ist doch völlig lahm und total überholt." Die reden von meinem zukünftigen PC.
Von Torsten Maier
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Ey Alter, meinste echt?" "Ja sicher ey, biste etwa dumm im Kopp?"...

Gelächter, Hohn, Spott.

Wem das gilt? - Der Kiste. Genauer, meiner baldigen Kiste. Noch genauer, der Kiste mit dem schlichten Namen Aldi-PC.

Da stehe ich also. Gerade im Begriff, mir für lockere - geliehene!!! - 2300 Mark den Stolz meiner zukünftigen Wochen und Monate zu erwerben. Jeden Tag bin ich hierher gekommen, habe mich langsam mit ihm angefreundet, ihm verschüchtert über seine papperne Umhüllung gestrichen.

Und nun? Soll ich wieder gehen? Ohne ihn? - Nein, wäre auch ehrlich gesagt ziemlich dämlich. Denn bezahlt habe ich blöderweise schon gestern, war schließlich einer der Letzten. Lediglich abholen will ich ihn jetzt - eigentlich - Verflucht...

Endlich einen brandneuen Rechner besitzen. Es soll mein erster sein, mein erster wirklich neuer Computer.

Bisher war ich gern gesehene Recyclingstation meiner Freunde und Bekannten. Wann immer es galt, einen ausgemusterten Rechengefährten an den Mann zu bringen, war ich zur Stelle. So hortete ich im Laufe der Jahre einen beträchtlichen Bestand museumsreifer Tastaturwerkzeuge: ZX-Spectrum, Schneider 664, Commodores Amiga bis hin zum Pentium I. Natürlich nicht, ohne all die anderen 86'er-PC's mit irgendeiner Zahl davor auszulassen.

Allerdings währte die Freude über die jeweils bei mir dauergeparkten Altlasten nie besonders lang. Schon bald spähte ich den Vorbesitzern neidisch über ihre Schultern. In deren Neuerwerbungen schlummerten Fähigkeiten, die mich naturgemäß erst Jahre später erreichen sollten. Bis dahin erntete ich mitleidiges Schulterklopfen und wurde vertröstet - auf später.

Damit soll nun Schluss sein, ER das Glanzstück meiner Sammlung werden. Statt Hall Of Fame für alternde Rechenkünstler der Eintritt ins Reich schier unbegrenzter Möglichkeiten.

Unbegrenzter Möglichkeiten?

"Na junger Mann, woll'n Sie Ihren Computer abholen?" schallte mir die Stimme der Filialleiterin um die Ohren.

'Junger Mann?' - Okay, die Jugend von heute hört HipHop, Techno oder die Backstreet Boys, schaut "Big Brother", trägt Buchsen mit Schritt in der Kniekehle und freiem Blick auf die Ritze des Allerwertesten und ist cool. Ich ertrage mindestens zehn Minuten "Eins Live" am Stück, weiß, wer Zlatko ist und meine schon etwas angegraute Levis-Jeans hat einen Riss am Hintern. Cool? Cool!

Also, Kopf hoch, hin zu meinem digitalen Freund, rein mit ihm in den Einkaufswagen, einmal quer durch den Laden und ab damit in den Kofferraum. War gar nicht schwer.

Zu Hause angekommen zerre ich ihm seinen Kartonmantel vom Leib und stelle ihn, wie Aldi ihn schuf, unter meinen Schreibtisch. Nur noch schnell die Monitorverbindung herstellen und endlich CD-Roms brennen, bis das Laufwerk schreit. - Doch er tut es nicht!

Stattdessen denke ich einen Augenblick, dass meine Optik einen Schaden genommen hat. Flimmern, nichts als Flimmern springt mir ins Gesicht. Nach anfänglicher Kopfleere erklimmt mein Denkapparat gemächlich die Höhe der Tücke: Antiquierter 14-Zoll-Monitor versus höchstmodernes Digitalgehirn. Das kann nicht gut gehen!

Bevor das Flackern und Blitzen meinen Geist in hypnotische Ferne entführen kann, schnappe ich mir die Computeranleitung und suche nach der Pannenhotline. Unzählige Telefoneinheiten später ist es dann soweit: Ich kneife die Augen zusammen, beuge mich vor, starre zum Bildschirm: Endlich, mein neuer Spielgefährte schickt die ersten verwertbaren Bilder.

Ich bin selig und fühle mich wie ein Nasa-Techniker, dem die ersten Fotos vom Mars durch die Weite des Universums gesendet werden.

Mittlerweile sind zwei Wochen vergangen. Ich trage inzwischen eine Brille, stehe im Aldi und beobachte eine Horde Teens: "Ey, die Horizontalfrequenz ist volle Scheiße!" "Ey Alter, meinste echt?" "Ja sicher ey, biste etwa dumm im Kopp?" beleidigen sie einen 19-Zoll-Monitor. Verdammt...