Mein digitaler Alltag: "Mein digitaler Julius" - oder: "Halbnackt im Internet" - DER SPIEGEL
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Mein digitaler Alltag "Mein digitaler Julius" - oder: "Halbnackt im Internet"

Vieles verändert sich, doch die grundlegenden Dinge bleiben, wie sie sind. Außer, dass vielleicht jemand zusieht - und man weiß es nicht.
Von Anette Breindl
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lieber ......,
Mein kleines Bündel Glück schnarcht und ich habe beide Hände zum Tippen frei. Wahrscheinlich sollte ich lieber was gegen den Dreck tun, der dreikäsehoch in der Wohnung liegt, aber...

Angefügt sind (wieder mal) Bilder von Julius. Wir haben uns als neuestes Spielzeug eine digitale Kamera zugelegt, also kannst Du damit rechnen, dass wir in nächster Zeit unseren Teil zur permanenten Verstopfung des Internets beitragen werden, da wir natürlich die Überzeugung aller jungen Eltern teilen, dass jedes Haar auf seinem Kopf auch für andere Leute hochinteressant ist.

Ich bin allerdings mal gespannt, was meine Mutter dazu sagt - den ersten Satz JPGs, der noch auf die altmodische Art fotografiert und dann gescannt worden ist, wollte sie ja unbedingt abgezogen haben, weil das sonst keine richtigen Bilder sind. Ob ich jetzt die digitalen Bilder mit meiner guten alten Minolta abfotografieren muss, um sie zufrieden zu stellen?

Ich selbst finde die digitale Kamera ja super. Erstens hat man die Bilder sofort und kann den üblichen Ausschuss gleich löschen, und zweitens würdet Ihr Julchen wahrscheinlich bis zur Einschulung nicht mehr sehen, wenn ich jedes mal erst zum Fotogeschäft und dann zur Post dackeln müsste, um Euch Bilder zu schicken.

Jede hundert Meter, die ich momentan für die Ausführung einer Handlung zurücklegen muss, halbiert die Chance, dass es jemals zu besagter Handlung kommt. Da ist das Internet natürlich eine nützliche Sache. Bislang habe ich noch nicht der Versuchung nachgegeben, Lebensmittel online einzukaufen; aber nächste Woche ist Alexander auf Dienstreise, da wird sich das sofort ändern. Und zum Spielen hätte das Kind wohl auch nur meine alten Disketten, wenn es Amazon nicht gäbe.

Berichtete ich eigentlich bei unserem letzten Telefonat, das ich unlängst nackt im Internet zu bewundern war? Naja, halbnackt jedenfalls. Ich war bei einem Freund im Büro, um mit Julchen anzugeben; Letzterer fing (natürlich) an zu brüllen, sobald wir uns hingesetzt hatten, und wollte gestillt werden, was ich (natürlich) auch getan habe.

Im Verlauf meines Besuchs kamen wir darauf zu sprechen, das es für Eltern grässlich ist, wenn ihre Kinder weit weg sind, und Avi, der Brite ist, meinte "Ja, ich habe hier eine Webcam, damit meine Mutter immer nach mir gucken kann, das freut sie so."

Ich weiß, ich bin eine prüde Amerikanerin und außerdem guckt eh kein Mensch auf diese Seite außer Avis Mutter, aber wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich mich doch fürs Stillen außerhalb des Kamerabereichs postiert...

Diese verdammten neuen Technologien sind aber auch überall da, wo man sie nicht erwartet. Und irgendwie hatte ich immer gedacht, wenn man sich im Internet auszieht, ist das irgendwie....- glamouröser? Verruchter? Jedenfalls anders.

Tja, das war's, was die Mutterschaft in letzter Zeit an Neuigkeiten gebracht hat. Im Grunde genommen ist sie natürlich, wie sie schon immer war: Ich stehe dreimal die Nacht auf, um mich aussaugen zu lassen, wechsele ein dutzend Mal am Tag vollgekackte Windeln, habe keine zehn ruhige Minuten am Stück mehr und finde das alles ganz unbeschreiblich wunderbar.

Trotzdem freue ich mich jetzt schon drauf, später einmal SEINE Kinder mit Kriegsgeschichten über meine niedertechnologische Kindheit quälen zu können, wenn sie nicht artig sind. "Als Oma klein war, da gab es noch gar kein Internet! Oma hatte ihren ersten Rechner erst, als sie an der Uni war, und der hatte einen schwarzweißen Bildschirm! Und dankbar war die Oma, dass sie überhaupt..."

"Jaaa, Oma. Dürfen wir jetzt spielen gehen?"

The more things change, the more they stay the same