Mein digitaler Alltag: NATALIE.JPG - DER SPIEGEL
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Mein digitaler Alltag NATALIE.JPG

Ich kenne ihr Zimmer, ihren Kleiderschrank, Erlebnisse ihrer Kindheit, die sie niemandem sonst erzählt. Ich habe mich in sie verliebt. Soll ich das Bild öffnen?
Von Jona deVries
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jeden Meter der endlosen Autobahn zwischen unseren Städten erleide ich in dem Magneten, der einmal mein Herz war. Ihre E-Mails sind mein Tagesinhalt geworden, es sind längst mehrere tausend. Bald kann ich nicht mehr unterscheiden, ob ich mir nur eingeredet habe, dass wir als Kinder zusammen im Sandkasten gespielt haben, oder ob es Wirklichkeit ist. Ich kenne sie verdammt gut.

Dann kommt die Frage, die ich immer heruntergebissen habe. Wie siehst du aus? Es macht Freude, sich endlich einmal ohne die kleinen Schwächen zu beschreiben, mit knappen Stichpunkten, die viel Raum für Fantasien lassen. Groß, schlank. Waschbrettbauch. Graublaue Augen; sie ändern ihre Farbe je nach Kleidung - das habe ich mal in einem Roman gelesen, es klingt gut. Und du?

Es gefällt mir, wie sie sich beschreibt. Ich will sie sehen. Nein, möchte ich nicht. Ich habe furchtbare Angst davor, sie zu sehen. Das Äußere ist nicht entscheidend, und ich liebe alles, was ich aus ihrem Inneren bisher kennen gelernt habe. Es soll nicht bei den vergangenen Monaten bleiben, ich will Jahre mit ihr verbringen. Irgendwie ahne ich, dass die E-Mail-Welt verletzlich wie eine zarte Kristallfigur ist. Wir dürfen uns nicht sehen.

Sollen wir ... ein Foto einscannen? Nein. Doch. Warte, ich will überlegen.

Ja. Egal, was passiert, wir reden weiter, okay? Meine Hand liegt zitternd auf der Maus. NATALIE.JPG. Schau es dir nicht an, sagt meine innere Stimme. Tu es nicht, du machst alles kaputt, was dich in den letzten Monaten glücklich gemacht hat. Widerstehe. Ich klicke doch, und starre endlose Minuten auf das Foto.

Sie ist nicht hässlich, lächelt mich schüchtern an. Gleichzeitig ist sie nicht die, der ich E-Mails geschrieben habe. Ich schließe das Bild. Wenn ich es mir einfach nicht mehr anschaue, wird alles sein wie immer.

Ich lege mich auf mein Bett, schließe die Augen unter der zerfurchten Stirn und versuche, NATALIE.JPG mit den Tausenden von Mails zusammenzubringen. Es geht nicht. Das sind verschiedene Personen. Ich setze mich an den Computer und lüge eine E-Mail zusammen.

Sie setzt sich in den Zug. Beim Abholen auf dem Bahnsteig fällt mir das Lächeln schon leichter, das falsche, oberflächliche. Wir gehen Hand in Hand, küssen uns. Es ist alles nicht schwer, läuft wie selbstverständlich, schließlich kennen wir uns gut. Jetzt sind wir offiziell zusammen. Ich stelle Natalie meinen Freunden vor, meiner Familie. Sie freuen sich für uns.

Nachts liege ich lange wach.

Ich weiß, ich küsse die falsche Frau. Die, mit der ich *kiss* in E-Mails austauschte, ist eine andere. Und gleichzeitig weiß ich, dass ich sie nicht suchen kann, auch wenn ich nichts lieber täte. Sie ist verschwunden, in dem Moment, als ich NATALIE.JPG öffnete. Meinen Fehler bereue ich bitter.