Mein digitaler Alltag "Sie haben Post"
Erinnern Sie sich noch? Vor zwei Jahren flimmerte die Liebeskomödie "E-Mail für dich" über die Kinoleinwände. Tom Hanks und die bezaubernde Meg Ryan in einer modernen Liebesgeschichte, die gegenseitigen Geständnisse der Gefühle wurden zunächst per multimedialem Datenhighway übermittelt. Ein Satz, in der großangelegten Werbekampagne oft genug wiederholt, setzte sich damals in den Köpfen fest: "Sie haben Post!"
Dies war die erleichternde Botschaft, diese einfachen Worte. "Sie haben Post!" vermittelten Meg oder Tom: Dein Schatz hat geschrieben, er hat an dich gedacht, dir wird nun etwas Nettes mitgeteilt.
Wie viele Menschen werden damals gedacht haben: "Ich will auch Post"?
Ich habe mich jedenfalls anstecken lassen - damals gerade Neuling auf dem Gebiet - wollte Post, viel Post! Ich wollte vor meinem Bildschirm sitzen, meinen Computer anwerfen, mein Postfach aktivieren, diese kurzen drei Worte hören und den gleichen erfreuten Gesichtsausdruck wie Meg Ryan machen.
Doch wo sollte die viele Post herkommen? Kein Problem - ich surfte stundenlang durchs Netz, bestellte interessante Newsletter, machte einfach bei Gewinnspielen mit, chattete in den unterschiedlichsten Interessensforen und schrieb Mails an meinen kompletten Bekannten- und Freundeskreis.
Schnell erzielte ich erste Ergebnisse, Antworten von Freunden, Absagen nicht gewonnener Gewinnspiele, ein nur mal aus Spaß angefragter Expertenrat - alles prasselte in mein Postfach.
Ich setzte mich vor meinen Bildschirm, aktivierte mein Postfach, hörte die angestrebten drei Worte "Sie haben Post!" und fühlte mich wie im Film.
Ziemlich blöd, werden Sie jetzt denken, oder?
Ich denke das auch. Wenn ich geahnt hätte, was ich da losgetreten habe, dann hätte ich auf meine Kino-Träume verzichtet, wäre vielleicht doch mal zu meinem realen Briefkasten getrottet und hätte mich über die Tageszeitung gefreut. Aber so?
Drei Monate nach meiner großen Post-Anschiebe-Aktion traute ich mich nicht mehr, meine Post abzufragen. Nach Aktivierung meines Mailfaches lief der Zähler der eingehenden Nachrichten wie der eines Stromzählers: Gewinnspielerinnerungen, Newsletter, Post von irgendwelchen fremden Menschen mit irgendwelchen merkwürdigen Verdauungsproblemen und von meiner kompletten Verwandtschaft.
Und irgendwo dazwischen der wichtige Auftrag aus meiner Redaktion.
Es war einfach furchtbar. Nach dem sonoren Ertönen des bekannten und gar nicht mehr so beliebten "Sie haben Post!" brauchte ich Stunden, um alles zu sortieren, zu beantworten und auch einfach zu löschen.
Löschen allein reicht leider nicht - die E-Mail-Mafia ist äußerst hartnäckig. Nach einem Monat Post-Terror ging ich zur Gegenwehr über: Ich suchte in den Newslettern nach der Adresse zum (meist ganz unten im Kleingedruckten) und bestellte die Informationsflut ab. Im Anschluss schickte ich eine Mail an alle: "Jeden Tag erreichen über 100 Mails meine Adresse. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass es nicht mehr möglich ist, alles zu lesen und zu beantworten."
Das half gegen den Rest und vor allem: Meine Verwandten schrieben mir wieder Briefe. Da das viel lästiger ist und länger dauert, habe ich mittlerweile wieder meine Ruhe.
Heute habe ich wieder ein ganz normales Verhältnis zu meinem Postfach. Ein paar Mails jeden Tag, die ich neugierig abrufe und auch alle beantworte. Ohne Stress, versteht sich! Nur meine Account-Einstellungen habe ich geändert. Die Stimme "Sie haben Post!" ist bei mir nicht mehr zu hören...