Mein digitaler Alltag: Spätsommer - DER SPIEGEL
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Mein digitaler Alltag Spätsommer

Wolfgang und Katrin sind ein Paar. Ihre Romanze begann im Web, ganz "kitschig", wie Katrin schreibt, mit Liebesbriefen in E-Mail-Form. In Auszügen: Der Beginn einer "elektronisch vermittelten" Beziehung.
Von Katrin Wiest
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Spätsommer
Date: Thu, 10 Aug 2000 16:44:33


Woooooolfgaaaaaang!!!!!

Bist Du Dir bewusst, was Du mit mir anrichtest, wenn Du Sätze wie diese hier schreibst:

Ach Katrin, fühle mich mehr und mehr stark zu dir hingezogen - heute, als die Benachrichtigung deiner E-Mail auf dem Handy kam - war am Strand, nochmals einen langen Spaziergang am Strand in der Brandung hin und über das Kliff zurück... - da bekam ich richtiges Herzklopfen, so hoch gehen die Stimmungen schon... - das Pubertäre feiert fröhliche Urstände und lässt sich nicht verleugnen... - ich lese, dass du ab Freitag wegfährst und fühle mich jetzt schon irgendwie einsam oder verlassen... - spüre die Unvernunft und weiß genau, dass ich mich weiter treiben lassen möchte...

Dir dürfte nicht entgangen sein, dass ich eine sehr sensible Frau bin. Mich machen Sätze wie diese äußerst nervös, weil ich eigentlich nicht will, dass Du auch so empfindest, weil ich nicht wirklich weiß, damit umzugehen... Ich steigere mich in so etwas sehr schnell hinein und ich will das nicht, weil ich weiß, dass das nur vergeudete Energie ist, weil Du nicht der Mann sein kannst, nach dem ich suche!!!
...
Wolfgang, gerade jetzt, wo ich soviel Zeit habe, über viele Dinge nachzudenken, verbringe ich gedanklich so viel mit Dir und frage mich schon ernsthaft, was das ist, was mich so fesselt und nicht loslassen will. Draußen lässt sich der Sommer blicken und ich sitze vor meinem Rechner......??!!?!
...
Ich glaube, ich muss mich wirklich ein bisschen beruhigen, gib mir etwas Zeit das Ganze hier neu zu überdenken. Ich weiß nicht, wohin das noch führen soll, ohne dabei wirklich jemanden zu verletzen. Vielleicht habe ich meine Aufgabe schon erfüllt, habe Dir das auf Deinen Lebensweg mitgegeben, was ich konnte und ich sollte mich bei Dir heute schon verabschieden...ich weiß es nicht!
...

Re: Spätsommer Fri, 11 Aug 2000 04:20:32

Liebe Katrin,

"Don't worry, be crazy!" - das beschreibt eines der wenigen Dinge, die ich noch befolgen kann, ja...
Katrin, ich kann dir nur sagen, ich treibe keine Spielchen. Ansonsten weiss ich weniger denn je, wer ich zur Zeit wirklich bin und wohin genau die Reise geht - ich weiss aber, dass ich die Chance auf Veränderung nutzen muss, auch bar jeglicher Erfolgsgarantie, sonst werde ich es ewig bereuen, den Versuch niemals gewagt zu haben, zu feige gewesen zu sein... scheitern dürfen wir, nur nie aufhören es überhaupt zu versuchen....

Ich weiss, dass ich meinen Gefühlen nachgeben und folgen muss... ich weiss, dass ich ein Gefühl der Verliebtheit erfahre, mit all dem üblichen Leid darum, und ich leide und geniesse dieses wiederentdeckte Gefühl letztlich auch ungemein... ich weiss aus der Erinnerung, aus der Erfahrung, dass die Sachen mit besonders intensiven Gefühl der Verliebtheit nicht gerade die sind, die gut ausgehen... ich versuche die Vernunft nicht gänzlich auszublenden, obgleich sie schon zuvor recht weit zurückgedrängt war, ich weiss um die Gefahr am Ende als Narr dazustehen, ich weiss um die 1000 Gründe, warum es nicht funktionieren kann und die dagegen sprechen, und doch: ich habe das Gefühl, dass ich jetzt genau in diese Richtung muss... bis zum Ende - bis hin zu einem bitteren oder süssem Ende...

Am frühen Abend heute bin ich mit dem Rad rüber nach Kampen gefahren, oben ans Kliffende, an die Abbruchkante des Kliffs - es war bedeckt und stürmisch, Regen hatte eingesetzt - der stürmische und böige Wind vom Meer her, der besonders stark über diese Abbruchkante am Kliffs drückt, stemmte sich gegen mich, peitschte mir die Regentropfen ins Gesicht, die niedrigen dichten Wolken waren teilweise dunkler als das graue aufgewühlte Meer... - dieses Gefühl der Einsamkeit wird da durch die spürbare Gewalt der Elemente erzeugt, und vor allem durch den alles übertönenden "Lärm", dem Brausen des ständigen starken Winds, dem Tosen der Brandung... gerade du selber hörst dich da noch schreien: "Ja, ich lebe... noch lebe ich!"... und gerade dies nimmst du da so deutlich wahr, durch die all Elemente, die da so stark auf dich einwirken: die nadelspitzen Stiche und die kühle Nässe der Regentropfen, die ins Gesicht peitschen, der Wind, der an dir rüttelt und zerrt, die Jacke aufbläst und flattern lässt, der Lärm, die merkwürdigen Spiele des Lichts...

Da hatte ich deine Mail zuvor gelesen, und in diesem Gefühl bin ich da rüber gefahren, und suchte nach Antworten... - lange stand ich da an der Kliffkante, schaute aufs aufgewühlte Meer hinaus, das unter mir lag und sich bis an den Horizont erstreckte... lange stand ich da und versuchte klare Gedanken zu fassen, in mir war es so wie um mich herum, wo die dunklen und aufgewühlten Elemente sich austobten...es vor allem sich wiederholende Formeln, die mir durch den Kopf gingen... "du musst..." und "gib mir Zeit" und "was, wenn nicht dies.." und sowas... Nein, ich will nicht davor zurückschrecken, ich will keine Angst haben... dessen bin ich sicher. ...

Keine Web-Legende: Katrin und Wolfgang lernten sich ab Sommer 2000 in "über 150 E-Mails" kennen. Nach vier Monaten trafen sie sich erstmals, fünf Monate später zogen sie zusammen.