Mein digitaler Alltag: Zweite Chance - DER SPIEGEL
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Mein digitaler Alltag Zweite Chance

"Vor einigen Tagen publizierte SPIEGEL ONLINE eine Geschichte über Obdachlose im Silicon Valley, die zu Systemadministratoren umgeschult werden. 'Keine Bilder bitte', bat eine Teilnehmerin. Ich habe mich in Deutschland aus einer ähnlichen Lage herausgearbeitet, und möchte ebenfalls anonym bleiben..."
Von Anonymus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor fünf Jahren war ich vollkommen pleite, meine Frau trennte sich von mir, meinen Sohn durfte ich nicht mehr sehen.

Mitte Dreißig, ich dachte, ich bin verloren.

Dann begann in kleinen Schritten der Aufstieg: Ich trank keinen Alkohol mehr, hielt Diät.

Eines Tages, ich hatte etwas Geld, kaufte ich einen kleinen Organizer, der eine Datenbank und ein Tabellenkalkulationsprogramm besaß. Ich arbeitete damit, kaufte mir eine größere Version.

Anfang 1998 wollte ein Freund von mir einen Computer mit Internetanschluss kaufen. Ich folgte ihm in die Läden, er war unentschlossen, ich kaufte den Computer.

Nach drei Stunden hatte ich die Maschine "gecrasht", sie ließ sich nicht mehr starten. Ratlos überlegte ich, was zu tun sei. Ich sah die CD "Windows 95". Ich legte sie ein, nichts geschah. Ich fand eine Floppy, "Startdiskette". Ich legte sie ein. Nach einem Tag hatte ich den Computer wieder aufgebaut.

Dieser Vorgang wiederholte sich etwa 30-mal.

Ich begann im Internet zu surfen. Dabei entdeckte ich die technischen Fragebögen großer Computerfirmen, die den Wissensstand der Einstellungskandidaten abfragten. Ich bewarb mich, nur um diese Kataloge zu bekommen, eine Anstellung hielt ich für unerreichbar.

Ich tippte die Fragen in Suchmaschinen ein: "How to make domain a trust domain b", usw.

Nach sieben Monaten rief IBM an. Interview über Videokonferenz. Sie boten mir eine Stelle an, 35.000 Mark im Jahr.

Kurz darauf meldete sich ein anderer Konzern. Server migrieren. Desktop Support. 15.000 Mark im Monat. Ich dachte "Schwerer Irrtum". Ich dachte, ich fliege nach einer Woche raus.

Ich arbeite immer noch für diese Firma.

Im September 1999 arbeitete ich für einige Wochen im Silicon Valley.

Inzwischen bin ich eine gesuchte Kraft mit Netzwerk- und Telefonkenntnissen. Ich lebe in Frankreich, fliege in Europa herum und verdiene etwa so viel wie ein Bundesminister. Meine Kleidung kaufe ich bei Armani. Ich habe wieder geheiratet. Ich bin glücklich.

Der Herausgeber vom "Stern" schrieb vor einigen Monaten, die neuen Technologien böten nur den unter Dreißigjährigen eine Chance.

Den Anruf für meinen ersten IT Job bekam ich an meinem 40. Geburtstag.