Michael Moore: Der genarrte Narr - DER SPIEGEL
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Michael Moore Der genarrte Narr

Skandal-Regisseur Michael Moore hielt sich für schlau: Um einer Zensur seiner neuen Dokumentation "Sicko" vorzubeugen, bunkerte er die Masterkopie in Kanada. Kurz darauf tauchte der Film in illegalen Tauschbörsen auf - in DVD-Qualität.
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Vor einigen Tagen berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, Michael Moore wolle eine Sicherheitskopie seines neusten Films "Sicko" in Kanada bunkern. Moore fürchte, die US-Regierung könnte "Sicko" beschlagnahmen, weil ein Teil des Films auf Kuba gedreht wurde – ohne die dafür erforderliche Genehmigung des US-Finanzministeriums.

US-Bürgern ist es aufgrund eines Handelsembargos seit 1962 verboten, nach Kuba einzureisen. Moore ist der Meinung, er habe kein Gesetz gebrochen. Er beharrt darauf, dass seine Kuba-Reise aus "journalistischen Motiven" erfolgte. Nach Angaben des Regisseurs setzt sich "Sicko" kritisch mit dem US-Gesundheits-System auseinander.

Um etwaigen Zensoren ein Schnippchen zu schlagen, bunkerte Moore eine Masterkopie seines Neun-Millionen-Dollar-Films in Kanada. "So hätten wir im Falle des Falles ein Duplikat – falls uns die Regierung die Negative wegnimmt."

Premiere auf P2P und YouTube

Es sieht so aus, als habe zumindest diese Sorge ein Ende: Kurz nachdem Moore die Masterkopie nach Kanada brachte, tauchten die ersten illegalen Kopien davon auf. Diese stoßen bei der Internet-Gemeinde auf reges Interesse: Der BitTorrent-Tracker-Aggregator XTorrent verzeichnete laut "Futurezone" am Sonntag bereits mehrere tausend Downloads des Films. Auch in anderen Netzwerken wird der Dokumentarfilm munter hin- und hergetauscht.

Moores neue Dokumentation, die am 29. Juni in die US-Kinos kommt, hat damit im Internet Premiere: In Tauschbörsen ist "Sicko" seit vergangenem Donnerstag verfügbar – und zwar als qualitativ hochwertige DVD-Kopie.

Wenig später tauchte diese High-End-Raubkopie auch auf YouTube auf. Wer wollte, konnte sich am Wochenende den kompletten Film über die Videoplattform ansehen. Mehrere Versionen, meistens in 14 Segmente aufgeteilt, waren verfügbar. Die Segmente einer der ersten Versionen wurden jeweils 500 und 600 Mal geklickt, das erste Segment schauten sich rund 1700 User an.

Auf Google Video konnte man "Sicko" indes sogar unsegmentiert von vorne bis hinten durchschauen. Ein anderer User gründete kurzerhand einen MySpace-Account und bettete in diesen alle 14 "Sicko"-Segmente ein.

Moore sind die Hände gebunden

"Sicko" ist jetzt unausrottbar. Sollte das US-Finanzministerium tatsächlich den Rotstift zücken wollen, wie es Moore sich ausmalt, kämpfte die Behörde nun gegen ein Meer ständig vervielfältigter Raubkopien an. Das Kunstwerk hat der Zensur-Behörde durch digitale Reproduktion ein Schnippchen geschlagen. Und seinem Produzenten gleich mit.

Denn dass Moore die illegale Verbreitung seines Films moniert, gilt als unwahrscheinlich: Er würde sich damit nur selbst diskreditieren. "Ich bin froh, wenn viele Leute meinen Film sehen, und außerdem kein großer Fan der Copyright-Gesetze in den USA", sagte Moore vor drei Jahren, als sein Film "Fahrenheit 9/11" in Online-Tauschbörsen auftauchte. Die Video-Aufzeichnung dieses Statements macht in Peer-to-Peer-Netzwerken ebenso rege die Runde wie jetzt "Sicko".

Ohnehin scheint der Regisseur, dessen Dokumentationen von vielen als tendenziös eingestuft werden, bei der Filesharing-Community alles andere als beliebt zu sein: Auf einer Torrent-Tracker-Seite steht nach Angaben des US-Branchenmagazins "Advertising Age" folgende Empfehlung "Watch this free copy and keep $ out of that fat f---s hands."

Die Weinstein Company, einer der Vertreiber des Films, kündigte indes Konsequenzen an. Man verhandle bereits mit mehreren Firmen, die auf Produkt-Piraterie spezialisiert sind und werde "einen sehr aggressiven Ansatz zum Schutze des Films verfolgen", sagte ein Weinstein-Sprecher der Nachrichtenagentur Reuters.

Dabei war ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal bewusst, dass man sich "Sicko" komplett im Netz ansehen kann.

Mit Material von Reuters