Microsoft-Chef Kurt Sibold: "Ein neues Produkt hat immer Fehler" - DER SPIEGEL
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Microsoft-Chef Kurt Sibold "Ein neues Produkt hat immer Fehler"

Im Gespräch mit SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Thomas Feibel plädiert Kurt Sibold, Chef von Microsoft Deutschland, für mehr Gelassenheit im Umgang mit den Unzulänglichkeiten der digitalen Welt: "Ich glaube, dass die breite Masse damit umgehen kann."
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Thomas Feibel:

Was unterscheidet Deutsche von US-Amerikanern im Umgang mit den Neuen Medien?

Kurt Sibold: Deutschland ist immer im Nachteil. Die Statistiken zeigen, dass wir kleinere Zahlen in der Verbreitung des PC und der Nutzung des Internet haben.

Feibel: Weshalb?

Sibold: Die Amerikaner gehen von Kindesbeinen an offener mit neuen Technologien um. Sie sehen mehr die Chancen als die Gefahren. Sicherlich sind Bedenken berechtigt, aber die sollten dann nicht an erster Stelle stehen. Aber nicht nur die Amerikaner sind uns etwas voraus, sondern auch die Skandinavier.

Feibel: Die Amerikaner haben also im Gegensatz zu den Deutschen keine Angst?

Sibold: Amerikaner haben etwas weniger Angst. Manche haben sicherlich keine Angst, sind aber dennoch in der Lage, Risiken abzuschätzen. Die gehen nur nicht so sehr ins Detail und ziehen dann auch nicht die Schlüsse wie wir Deutschen. Wir sagen immer "ja, aber". Das ist typisch deutsch.

Feibel: Typisch deutsch?

Sibold: Ja. Obwohl ich das nicht gerne höre. Aber Franzosen und Engländer sind uns durchaus ähnlich. Nur hat der Deutsche seine Maßstäbe wirklich extrem angelegt: also erst mal abwarten. Und dann diese ganzen Warnungen vor der Abhängigkeit. Das sind ja alles Themen, die es schon vor Computer und Internet gegeben hat.

Feibel: Sind wir so erzogen worden?

Sibold: Vermutlich sind das die Folgen unserer Geschichte. Natürlich ist es eine reine Erziehungsfrage. Eltern legen ja fest, was erlaubt und was verboten wird.

Feibel: Sind die Deutschen technologiefeindlich?

Sibold: Nein, der Begriff "technologiefeindlich" ist schon zu hart. Die Deutschen sind nur sehr vorsichtig. Vorsicht hat sich bisher zwar stets bewährt, aber ein übertriebener Warnmechanismus kann auch hinderlich sein. Die Entwicklung lässt sich ohnehin nicht aufhalten. Schon in kurzer Zeit werden das Internet und seine Technologie eine zu den USA vergleichbare Durchdringung erfahren. Spätestens da müssen wir uns fragen, ob es sinnvoll war, vier oder fünf Jahre zu zögern.

Feibel: Vielleicht liegt das Desinteresse ja auch daran, dass neue Medien in gewissem Sinne unfertig wirken, nicht abgeschlossen sind und ständigen Veränderungen unterliegen.

Sibold: Ich weiß, was Sie meinen. Ich glaube nicht, dass es so wahnsinnig wichtig ist. Die meisten können nicht einschätzen, was fertig und was unfertig ist.

Feibel: Microsoft arbeitet ja auch so. Es kommt Windows Version xy heraus, aber sie ist nicht fertig.

Sibold: Jedes Softwarepaket ist fertig. Aber wie jede Software hat es Fehler. Das ist ein Unterschied.

Feibel: Ein feiner Unterschied.

Sibold: Wenn Sie sagen, die Software ist nicht fertig, dann impliziert diese Aussage, dass jemand gerne noch ein halbes Jahr weiterentwickelt hätte, wir es aber dennoch in diesem Zustand auf den Markt gebracht haben. Das ist nicht der Fall.

Feibel: Nehmen wir an, Sie bekommen ein Auto, aber leider bremst es nicht. Was würden Sie machen?

Sibold: Der Vergleich hinkt natürlich sehr, weil es da um Leben oder Tod geht. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Ich glaube nicht an diese Theorie. Ich meine, die Deutschen sind zwar immer sehr anspruchsvoll, sehr penibel und sehr genau, aber ich glaube auch, dass die breite Masse damit umgehen kann, dass Software eben Fehler hat und in einem halben Jahr ein Update angeboten wird.

Feibel: Das sagen Sie, weil Sie Microsoft leiten und auch noch Informatiker sind. Da sind Sie vorbelastet.

Sibold: Stimmt. Ich habe mir ja diesen Beruf gewählt. Wobei ich mir schon zutraue, noch kritisch zu bleiben. Aber es stimmt schon, ich bin kein Beispiel für die Millionen von Leuten, die vor der Frage stehen, was sie jetzt machen sollen.

Feibel: Und die Millionen warten erst einmal in Ruhe ab.

Sibold: Richtig. Das kann man übrigens auch an der Adaption sehen. Wie werden diese Produkte angenommen, wo werden sie schneller angenommen. Es kommen ja ständig neue Sachen raus. Der Deutsche will erst einmal abwarten. Lasst erst die anderen die Fehler finden. Ein neues Produkt hat immer Fehler. Das machen die Amerikaner anders. Die sind da etwas schneller.

Feibel: Wie kommt es, dass es kaum jemanden gibt, der noch nie ein Problem mit dem Computer hatte?

Sibold: Tja, der PC ist das Problem und der Zugang zum Internet. Das ist alles noch zu kompliziert. Ich würde mir den Tag herbei wünschen, an dem die Software so fehlerfrei wie viele andere Dinge ist. Aber die Komplexität ist einfach zu groß.

Feibel: Obwohl er kompliziert, unfertig und voller Fehler ist, hat es der Computer dennoch zum Massenmedium gebracht.

Sibold: Das überrascht mich nicht, weil die Möglichkeiten, die sich mit dem PC im weiteren Sinn - dazu gehören neben dem Desktop oder dem Laptop auch der Personal Digital Assistant oder der Tablet PC - erschließen, sensationell sind.