Microsoft-Kampagne: Kryptisch ist cool - DER SPIEGEL
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Microsoft-Kampagne Kryptisch ist cool

300 Millionen Dollar: So viel investiert Microsoft angeblich, um sein allzu glattes Image zu bürsten. Die wichtigste Waffe in diesem Kampf sind so seltsame wie längliche Werbesports mit Bill Gates und Jerry Seinfeld. Kritiker lässt der kryptische Kram kalt - doch immer mehr Netz-Nutzer finden ihn cool.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rentner werde er nicht, hieß es vor wenigen Wochen, als Bill Gates seinen Abschied als Firmenlenker von Microsoft nahm. Nicht nur in seine Stiftung werde er Zeit investieren, sondern weiter auch Microsoft repräsentieren. Genau damit hat er vor knapp einer Woche höchst publikumswirksam begonnen: In einer Serie von reichlich seltsamen Werbesports  von Kurzfilm-Länge, an der Seite des populären Komikers Jerry Seinfeld.

Der erste Clip stieß auf steinerndes Unverständnis. Kryptisch, krumm und kaum verständlich hieß es von Kritikerseite. Über 700.000 Youtube-Nutzer wollten das Ding seitdem trotzdem sehen. Im ersten Clip treffen Gates und Seinfeld in einem Schuhgeschäft aufeinander, reden krautiges Zeug und am Ende wackelt Gates mit dem Hintern, um zu signalisieren, wie strahlend die Zukunft von Microsoft-Software aussehen soll. "Was soll das?", fragten da nicht wenige.

Der Sinn der Aktion ist dabei ziemlich offenkundig. Die seltsame, von der Werbeagentur Crispin Porter and Bogusky konzipierte Kampagne soll Microsofts Image von Grund auf ändern. Satte 300 Milllionen Dollar soll Microsoft sich diesen Spaß angeblich kosten lassen. Allein Seinfeld soll eine Gage von 10 Millionen Dollar kassiert haben.

Nötig hat das der Konzern durchaus. Nicht nur, dass etliche Prozesse tief-dunkle Flecken auf der Firmenweste hinterließen, der der Konzern galt schon seit langem vor allem als schnarchig-bieder: Microsoft-Werbung war aalglatte Heile-Welt-Werbung. Jede Figur wirkte, als hätten die Mormonen den Verkauf von Windows-Software zum neuen Missionsziel erhoben.

Eine Steilvorlage für die Werbekampagnen der Konkurrenz von Apple, Lieblingsmarke aller, die nicht alt aussehen wollen: Seit Jahren tritt in den Apple-Spots ein jugendlich-alerter Intelligenzling gegen einen reichlich tumben Biedermann an - letzterer steht für den Windows-PC.

Neu ist, dass man trotzdem lacht

Bieder sind die neuen Microsoft-Spots nicht. Trotz aller beißenden Kritik begann die Netzgemeinde umgehend damit, das zu tun, was die Schöpfer der Kampagne wohl erhofften: Sie kommentierten, persiflierten und modifizierten den ersten Spot bei Youtube. Dass Microsoft auch dabei durchaus einiges an Haue einstecken muss, ist so klar wie wohl auch Teil des Konzepts: Jede Aufmerksamkeit in diesen Kreisen ist positiv für das Unternehmen. Wenn es Seinfeld und Gates schaffen, wirklich eine virale Werbekampagne einzuleiten, ist viel gewonnen.

Der zweite Spot lässt ahnen, dass das durchaus in den Bereich des Möglichen rückt. Auf diesen zweiten Clip scheint die Web-Gemeinde bereits geradezu gewartet zu haben: Binnen zwei Stunden sammelte er am Freitagvormittag satte 100.000 Abrufe - zu einer Zeit, zu der die meisten Amerikaner noch am Kopfkissen horchen.

Im zweiten Kurzfilm gibt Gates eine Art Paris Hilton, wenn er zusammen mit Seinfeld auf den Spuren von "Simple Life" den Kontakt mit dem einfachen Volk sucht. Ähnlich wie beim Kleiderständer Hilton kommt Gates dabei herüber, als sei er ein gerade erst auf Erden gelandetes Alien auf Ethno-Tour.

Der Spot zeigt eine Menge Mut, sich selbst auf den Arm zu nehmen. Ohne irgendwelche konkreten Produkt-Werbebotschaften an den Mann zu bringen, treibt die Kampagne reine Imagewerbung. Spätestens jetzt ist auch klar, wie genau die beabsichtigte Werbebotschaft aussieht: Microsoft, sollen Gates und Seinfeld beweisen, ist gar keine völlig humorfreie Zone.

pat

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