Mobiles Internet Echtzeit-Protest gegen den Castor
Großdemo aus der Kamera-Perspektive: Demonstranten sind gut vernetzt.
Foto: PAWEL KOPCZYNSKI/ REUTERSVon Lüneburg bis zum Atommüll-Zwischenlager in Gorleben sind es 73 Kilometer, dazwischen liegen ein paar verstreute Dörfer und jede Menge Wald. An diesem Wochenende ist aus der ländlichen Gegend eine wahre Hightech-Region geworden: Zehntausende von Demonstranten sind ins Wendland eingefallen - und etliche von ihnen haben Internet-fähige Handys mitgebracht.
Die Castor-Gegner sind ohnehin bestens vernetzt: Über soziale Netzwerke und eigene Nachrichtenseiten organisieren sie ihren Protest. Sie fotografieren sich für die Facebook-Seite der Greenpeace-Jugend mit dem gelben X. Sie informieren sich über die verschiedenen Aktionen, vom zivilien Ungehorsam der Sitzblockaden bis hin zur angekündigten Straftat "Castor schottern". Sie klicken sich durch Mitfahrbörsen und suchen Schlafplätze bei Bauern oder in einem der Protestcamps .
Aber das Internet hat nicht nur im Vorfeld eine wichtige Rolle gespielt. Selbst mitten im Wald können die Demonstranten über Twitter und die Website Castorticker.de aktuelle Informationen beziehen: Wo ist der Castor-Transport gerade? Welche Straßen werden von der Polizei gesperrt? Der GPS-Empfänger im Handy und Google Maps weisen den Weg zur nächsten Sitzblockade.
Echtzeit-Karte mit Protestnews
In den zwei Jahren, die seit dem letzten Atommüll-Transport vergangenen sind, sind die Nutzerzahlen explodiert. Es gibt zehn Millionen mehr deutsche Facebook-Mitglieder, es werden fünf Millionen mehr Smartphones im Jahr verkauft. Diese Entwicklung macht auch vor der traditionell Technik-skeptischen Umweltbewegung nicht halt: Viele Atomkraft-Gegner sind immer online - und sie wissen genau, wo sie gerade sind.
Die Potentiale, die das Netz entfalten kann, reichen mittlerweile Dank der Geo-Dienste und Internet-Handys über eine bloße Mobilisierung hinaus. Ausgestattet mit Foto- und oft auch Videofunktionen werden die Smartphone-Demonstranten zu mobilen Bürgerreportern. Die Geschichte vom Castor-Protest 2010 wird live geschrieben, in Echtzeit, ein vielstimmiger Strom unterschiedlichster Stimmen.
Automatisch ordnet die Seite Live-Map.de Twitter-Nachrichten von Castor-Gegnern. Die Tweets leuchten, gleich nachdem sie abgeschickt wurde, auf einer Landkarte auf. Die Polizei hat ihren Einsatzbefehl und ihre Funkgeräte, mit denen die Einheiten Meldung machen und Befehle beziehen. Lange Zeit waren die Beamten damit im weitläufigen Wendland im Vorteil. Die Castor-Gegner mussten umständlich herumtelefonieren oder sogar Nachrichten mit Motorrädern von Camp zu Camp übermitteln.
Allzeit anwesende Öffentlichkeit
Auch die Anti-Castor-Initiativen haben aufgerüstet und sich auf die verstärkte Nutzung von Smartphones eingerichtet. Noch mehr als sonst nutzen sie das Internet, um Informationen über das Protestgeschehen in Echtzeit zu kommunizieren. Meldungen, Bilder und Videos landen sofort im Netz, ob von Aktionsteilnehmern selber hochgeladen oder von Online-Redaktionen bearbeitet und sortiert.
Wenn in den nächsten Tagen Demeter-Bauern auf Tekkno-Kids aus Berlin und Oberstudienräte auf radikale Umweltschützer treffen, dann können sie auf ein riesiges, dezentrales Informationsangebot zurückgreifen. Wo sie sich auch informieren, ob über Twitter, SMS, Radio oder einen der klassischen Infostände mit Aushängen auf Papier: Wichtige Nachrichten werden sie erreichen, sie werden nicht alleine im Wald stehen.
Die allzeit anwesende Öffentlichkeit ist nicht nur ein Segen für die Protestbewegung. Genauso, wie die Ausbrüche eines aggressiven Polizisten Minuten später auf YouTube stehen, finden sich auch Steinewerfer und Sachbeschädiger womöglich im Internet wieder - und können identifiziert werden. Die neue Technik kann somit zu einem Gewaltfreien Protest beitragen, auf beiden Seiten.
Polizei fischt nach Twitter-News
Das Netz macht es auch den Ordnungshütern einfacher: Die Staatsanwaltschaft Lüneburg ermittelt derzeit gegen die Unterzeichner eines Online-Aufrufs zum "Castor schottern". Das Abtragen des Gleisbetts wird als Aufforderung zur Straftat eingestuft, mehr als tausend Menschen setzten dennoch ihren Namen darunter. Auf Facebook ist die Zahl der Unterstützer, die auf den "Mir gefällt das"-Button geklickt haben, mit rund 5300 Nutzern sogar noch bedeutend höher.
Name, Vorname und Freundeskreis auf dem Präsentierteller für die Ermittler. Auch der Polizei geben die Twitter-Nachrichten Hinweise für ihren Einsatz. Ein Alptraum für Gorleben-Veteranen, die schon gegen die Volkszählung auf die Straße gegangen sind. Die neue Protest-Generation pflegt hingegen einen pragmatischen Umgang mit dem Internet, dessen Folgen noch nicht absehbar sind: Die Vorteile werden jetzt genutzt, über Nachteile machen wir uns später Gedanken.
Wenn alle brav das Hashtag #castor verwenden - das Mobilfunknetz unter dem Ansturm nicht zusammenklappt.