Modellversuch ABC.com zeigt Top-TV-Serien im Web
Irgendwann wird irgendwas passieren müssen, das wissen die Köpfe aller TV-Sender in aller Welt: Längst hat sich mit dem Internet eine alternative Vertriebsstruktur für TV-Inhalte entwickelt. Der Haken daran: Sie funktioniert bisher auf rechtlich wackeligem Grund - und niemand verdient daran.
Die wirklich populären TV-Serien sind seit Jahren spätestens am Tag nach der Erstausstrahlung in den USA per BitTorrent oder eDonkey zu haben. Die Sender selbst tun sich dagegen bisher schwer mit dem Onlinevertrieb - wie auch die Filmindustrie. On-demand-Angebote gegen Zahlung funktionieren nur bei digitalen Waren, für die man auch auf anderen Vertriebswegen zahlen müsste. Freiwillig für Free-TV-Inhalte zu bezahlen, dazu ist kaum jemand bereit.
Auf der anderen Seite bietet der Vertrieb via Internet auch verlockende Aussichten. Für relativ wenig Geld lassen sich hier Inhalte "ausstrahlen" - und mit der steigenden Verbreitung von Breitband-Leitungen auch in wachsender Qualität. Prinzipiell spricht fast nichts mehr dagegen, das Internet als Alternative zum TV-Kabel zu nutzen.
Disneys ABC will genau das nun ausprobieren, zunächst für zwei Monate. Der Fernsehsender will im Mai und Juni jeweils am Morgen nach der Erstausstrahlung der jeweiligen "Show" Serien wie "Lost", "Desperate Housewives" oder "Commander in Chief" über das Web anbieten - und zwar kostenfrei. Von der Serie "Alias" soll gar eine ganze Staffel über das Web angeboten werden.
Refinanziert werden soll das auf dem klassischen Wege des Free-TV: über Werbung. Mit Ford, AT&T, Procter & Gambel, Toyota Motor Corp, Universal Pictures und anderen hätten bereits eine ganze Anzahl große Werbekunden Zeit gebucht, melden die Nachrichtenagenturen.
Das Format soll qualitativ attraktiv sein. Die Zuschauer haben die Möglichkeit, den Stream mit Pausen zu unterbrechen sowie zwischen einzelnen "Kapiteln" der jeweiligen Sendung hin- und her zu springen. Die Unterbrecherwerbung jedoch kann weder unterdrückt, noch übersprungen oder beschleunigt "vorgespult" werden.
Noch handelt es sich um einen reinen Modellversuch. Andere Internet-TV-Aktivitäten von Disney und ABC beschränkten sich bisher auf Lizenzierungen von Programmen an Infrastrukturunternehmen wie beispielsweise Verizon Communinications, bei denen also der Kabelanbieter für die Inhalte zahlt. Anne Sweeney, Chefin der Disney-ABC-TV-Gruppe, ist sich jedoch sicher, dass online noch weit mehr Fernsehen zu erwarten sein wird: "Schalten Sie nicht ab", sagte sie Reuters, "denn das ist erst der Anfang!"
pat/AP/rts