Möchtegern-YouTube-Stars Bodgast for Bollidigga
Der Mann heißt Heinz Peter Haustein, ist FDP-Abgeordneter und hat Kamera und Internet für sich entdeckt: Er kommt aus dem Erzgebirge und spricht auch so. Der Dialekt macht ihn von der ersten Sekunde an sympathisch und komisch zugleich - wenn auch letzteres vermutlich nicht ganz freiwillig. Bei einer Folge von " Peters Woche ", wie sein Videocast heißt, drehte sich kürzlich alles um Alkohol.
Der Podcast beginnt mit der Begrüßung: "Hallo Leute!" - und Peter duzt auch gleich seine Zuschauer: "Ich wünsch Euch schöne Pfingsten!", um sie danach aufzufordern, im Zuge des Erholungsprozesses auch mal "ne Flasche Bier" zu trinken. Immerhin wurde "an Pfingsten ja der heilige Geist ausgeschüttet". Von da aus ist die Überleitung zum Thema des Videos nicht weit: die Diätenerhöhung. Peter ist dagegen, "denn ihr kennt ja alle das Wort: Sie predigten Wasser und tranken heimlich Wein!"
Wie Haustein nutzen immer mehr Politiker das Internet für sich. Auf YouTube versuchen Sie, ihre Botschaften unters Volks zu bringen. SPIEGEL ONLINE gibt einen Überblick, wer drinnen ist. Stimmen Sie ab: Wer ist ihr Podcast-König?
Gordon Brown - bitte ohne Kommentar
Er glaubt schon zu wissen, was ihn die Leute fragen sollen: "Wie funktioniert die Globalisierung?", fragt Gordon Brown in die Kamera. "Wie schaffen wir die Jobs für unsere Zukunft?" Der britische Premierminister Brown sitzt in Anzug mit Krawatte in einem Büro und setzt ein Lächeln auf: "Ich bin hier, um Ihre Fragen zu beantworten."
Es ist Gordon Browns Willkommensgruß im Web 2.0: 10 Downing Street , der Sitz des britischen Premiers, hat seit einigen Tagen einen Auftritt auf dem Internet-Portal YouTube. Per Videobotschaft können die Briten an Brown die Fragen stellen, die ihnen auf den Nägeln brennen. Anschließend werden die Filmchen veröffentlicht, und alle angemeldeten Nutzer können darüber abstimmen, welche Fragen der Premier beantworten soll.
Eine "aufregende, neue Initiative" sei das, lobt sich Gordon Brown. Politische Beobachter entdecken dagegen einen Versuch, seine Sympathiewerte zu steigern. Browns Labour Party hatte bei den Kommunalwahlen im April ein katastrophales Ergebnis erzielt, er selbst steckt seit Monaten in einem Umfragetief.
Wie viele seiner Kollegen ist er die Journalisten leid: Das ewige "face-to-face", den ständigen Kampf gegen hinterhältige Fragen: Warum nicht an Presse und Fernsehen vorbei den Bürgern direkt die Welt erklären? Im Internet können sich die medienmüden Politiker frei entfalten: Premier Brown antwortet auf Fragen, die er lang genug kennt, um sich eine nette Antwort auszudenken. Andere Politiker suchen sich jede Woche ein Thema aus, über das sie sich zwei, drei Minuten lang in eine Kamera hinein auslassen dürfen. Die Videoclips sind zu einem echten Trend im Internet geworden.
An Presse und Fernsehen vorbei die Welt erklären
Meist sind Podcasts vor allem eins: Imagepflege. Brown, der Wahlverlierer, der so langweilig wirkt im Vergleich zu seinem Vorgänger Tony Blair, will sich im Internet modern und jugendlich geben - und scheitert: Glaubt er wirklich, dass er mit seinen gequält in die Kamera genuschelten Sätze Wähler für sich gewinnen kann?
Wahrscheinlich muss man sich an das neue Medium erst einmal gewöhnen. Tilman Mayer, Politikwissenschaftler an der Universität Bonn, meint: "Das ist wie bei einem Motor, der erste Testlauf ist noch mit Risiko verbunden."
Das Terrain ist ungewohnt, es gibt keinen Interviewer als Stichwortgeber, nur zwei Minuten Redezeit: eine ungeahnte Herausforderung für Politiker, die Anne Will und Co. gewohnt sind, wo sie - wenn es gut läuft - sich eine Stunde lang hinter Plattitüden verstecken können. Im Internet dagegen gilt: Content, Content, Content.
Noch, sagt Tilman Mayer, sei zwar das Publikum überschaubar. "Aber das war vor 50 Jahren beim Fernsehen nicht anders." Und: "Im Internet kommen die Politiker an das Publikum, das ihnen sonst am wenigsten zuhört: junge Leute."
Weitere Vorteile: Eine direkte Zielgruppenansprache, ein ungestörtes Setzen von Schlagzeilen für Redaktionen, wo die Aussagen der videobloggenden Politiker im Nachrichtenticker gelesen werden. Und nicht zu vergessen: das Image als Pionier, als moderner, bürgernaher Politiker.
"Im Moment", meint Politikwissenschaftler Mayer, "sieht sich vermutlich nur eine Info-Elite die Videos an. Aber die ist es ja, die den Inhalt der Podcasts weitertragen kann und außerdem wird die Zahl der Konsumenten in den nächsten Jahren sicher noch ansteigen." Immerhin: Gordon Browns Begrüßungsbotschaft sahen bisher schon mehr als 30.000.
Es kamen auch schon die ersten Fragen in 10 Downing Street an. Doch mit den Vorstellungen des Premierministers, der sich über Globalisierung Gedanken macht, haben sie wenig zu tun: Ein Mann fragt, was Brown tun könne, um die Situation in Simbabwe zu verbessern. Eine junge Frau klagt, sie könne sich keine Familie leisten, obwohl sie wollte. Außerdem seien viele ihrer Freunde verschuldet, weil es so einfach sei, an Kreditkarten zu kommen.
Am wenigsten freuen dürfte Brown der Clip eines 18-jährigen Mädchens aus London. Sie fragt, warum man bei "you, Gordon" nicht die Videos direkt kommentieren könne, wie sonst auf YouTube üblich?
Die Reaktion zeigt, wie wenig Brown das Medium, in dem er nun angeblich aktiv ist, verstanden hat: Bis Ende Juni will der Premier antworten.
Brown-Konkurrent "Webcameron": Die BBC könnte es nicht besser
Gordon Browns Konkurrent, der konservative Oppositionsführer David Cameron, wegen seines lockeren Auftretens ohnehin oft als neuer Blair tituliert, informiert schon seit einer Weile in regelmäßigen Imagefilmen über seine politischen Aktivitäten. "Webcameron" präsentiert ihn unterwegs, in Schulen, Arbeitervierteln. Immer sind die " Webcameron "-Folgen mit Musik unterlegt und schnell geschnitten - die BBC könnte es nicht besser.
Außerdem ist Cameron telegen, das hilft. Der smarte Konservative spricht ohne Scheu und mit bemerkenswert wenig Distanz mit den Menschen. Er versucht zu vermeiden, was Bürgern an Politikern oft aufstößt: abgehoben zu sein - zumindest kann er, der Eton- und Oxford-Spross, das erfolgreich suggerieren. Labour-Chef Gordon Brown sieht dagegen alt aus.
Angela Merkel: Die Pionierin
Die erste europäische Regierungschefin, die das Internet für direkte politische Botschaften nutzte, war Angela Merkel: Exakt fünf Jahre nachdem der damalige japanische Premier Junichiro Koizumi damit begonnen hatte, sein Wahlvölkchen mit angeblich selbst verfassten wöchentlichen Botschaften zu beglücken, folgte ab Juni 2006 die Kanzlerin seinem Vorbild. Dafür ließ sie aber auch gleich tief in die Technikkiste greifen und ging mit einem Videopodcast online.
Auf ihrer Webseite bundeskanzlerin.de kann der surfende Bundesbürger sich seitdem ansehen, wie Merkel in monotonem, vertraulichem Ton erzählt. Zum Beispiel, dass sie der grassierende Alkoholmissbrauch von Jugendlichen "aufgeschreckt" habe oder dass man in punkto Integration "über konkrete Lebenssituationen" sprechen müsse. Das klingt so nett, so einfühlsam, so pastoral beinah: Merkels Videos sollten besser "wöchentliche Neujahrsansprache" heißen.
Trotz fehlender Spannung war Angela Merkel Anfang des Jahres für ihre Videos beim Journalistenpreis "Goldener Prometheus" gar als "Onlinejournalistin des Jahres" nominiert. Sie transportiere ihre Meinung an allen konventionellen Medien vorbei direkt zum Bürger, hieß es in der Begründung. Das sei, fand die Jury, "ganz schön modern".
Guido Westerwelle: So routiniert wie langweilig
Zur Nominierung für einen Journalistenpreis haben es Merkels videobloggenden Kollegen von der FDP noch nicht gebracht. Dabei geht die FDP bei YouTube gleich mit einem eigenen Kanal an den Start: TV Liberal , eine Seite mit allen möglichen Image-Videos der Partei.
Die schlechteste Figur macht dabei der Parteichef: Guido Westerwelle spricht in "opposition live" wie im Fernsehen. Nur: Im Internet kann er anders als in Talkshows keinen Diskutanten verbal angreifen, sich nicht über jemand Anwesenden lustig machen - und die Kamera ist auch kein Publikum: Sie grölt nicht, wenn Westerwelle einen Satz beendet. Vielleicht ist das der Grund für die ständigen, harschen Schnitte im Video. Der Zuschauer schwankt zwischen Gähnen ob des Inhalts und Übelkeit wegen der unschönen Schnittexperimente. Wer sich die drei Minuten ohne Unterbrechung ansieht, beweist Durchhaltevermögen.
"Fricke & Solms": Noch mal FDP, diesmal freiwillig komisch
Allerdings scheinen die Liberalen ihr TV Liberal selbst nicht so ganz ernst zu nehmen: Der Bundestagsvizepräsident Hermann Otto Solms und sein Kollege, der Vorsitzende des Haushaltsausschusses, Otto Fricke, unterhalten sich in ihrem Podcast " Fricke & Solms " mal im Büro, mal in der Kneipe über ein aktuelles politisches Thema - dass dies nicht immer ganz ernst abgeht, gibt die FDP in der Beschreibung der Videos im Gegensatz zur Reihe "Peters Woche" immerhin selbst zu.
Einmal legt Solms einen 100-Euro-Schein auf den Tisch, denn dies sei der Betrag, den jeden Bürger die Pleite der IKB-Bank koste. Ein anderes Mal klagt der Rheinländer Fricke, die Aktienkrise habe ihm den Karneval vermiest. Insgesamt sind die beiden weniger komisch als ihr Parteifreund Heinz Peter Haustein. Grund: Im Gegensatz zu ihm ist Solms' und Frickes Witz geplant - und wirkt deshalb gequält.
Lafontaine und die Linke: Müde wie eine Valiumtablette
Ebenfalls bei YouTube: Die Linke. Sie setzt wechselnde Angehörige ihrer Fraktion vor die Kamera mit dem Reichstagsgebäude im Hintergrund. Der Titel der Videos: "Hier spricht die Opposition " - was irgendwie an "Hier spricht Edgar Wallace" erinnert. Der Unterschied: Wallace-Krimis sind spannend, die Filmchen der Linken ein echtes Negativbeispiel für Podcasts.
Gerade Fraktionschef Oskar Lafontaine, sonst ein begnadeter Redner, tut sich schwer mit dem Sprechen ohne Partner, ohne Stichwortgeber, auf Du und Du mit dem Zuschauer. Sein "Hallo, herzlich willkommen" klingt wie: Hoffentlich sind die zwei Minuten bald vorbei. Lafontaine scheint wie ausgewechselt: Guckt da eine Valiumtablette ins Objektiv? Er zwingt sich von Satz zu Satz. Seine eindringliche, laute Rhetorik, die er auf Rednertribünen zeigt, fehlt völlig. Hölzern ist sein Auftritt, so als stehe er zum ersten Mal vor einer Kamera.
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