Mogel-Marketing Hindernisse abgeschaltet
Hamburg - Wenn schlaffe Krieger urplötzlich Kraft strotzend in die digitale Schlacht stürmen oder Flusspferde in bunten Röckchen über den Bildschirm tänzeln, dann hat im Computerspiel die Stunde geschlagen. Jene Stunde, in der der Mensch an der Tastatur seinen Gegner auf der Festplatte endlich besiegen und ihm zeigen will, wer Herrscher in der Spielewelt ist. Cheats sind die Mittel dazu.
Mit ihnen lässt sich die absolute Siegfähigkeit oder auch nur ein skurriles Unterhaltungsprogramm "erkaufen". Denn Cheats sind genau das, was die deutsche Übersetzung des Begriffs sagt: Betrug, Schwindel.
Cheatcodes gibt es so lange, wie es Computerspiele gibt. Doch erst mit der zunehmenden Verbreitung des Internets sind sie in der Welt der Computerspieler zum Allgemeingut geworden. Sie ermöglichen es, sich mit Hilfe bestimmter Tastenkombinationen in Strategiespielen unbegrenzte Geldmittel oder Ressourcen zu beschaffen, und lassen bei Action-Spielen auch den schwächsten Helden jedem Monster trotzen.
Entstanden sind Cheats jedoch nicht, um dem Spielkäufer auf die Sprünge zu helfen. "In der Regel werden die Cheats von den Entwicklern der Spiele erdacht", sagt Sören Winterfeldt vom Spielehersteller Eidos Interactive in Hamburg. Denn die programmierten Tricks ermöglichen es ihnen, ein Spiel zu testen, ohne stundenlang jede Aufgabe durchspielen zu müssen. "Manche Cheats legen höhere Spiellevel frei oder ermöglichen den Zugang zu bestimmten Dingen", sagt Jochen Färber, Sprecher des Software-Unternehmens Take2 Interactive in München.
Hinzu kommen die so genannten Eastereggs. Dabei handelt es sich um kleine Späße der Programmierer. Dann tanzen eben die Flusspferde am Nil, entkleiden sich die weibliche Figuren auf dem Bildschirm, bietet das mittelalterliche Szenario Entspannung in Form eines Basketball-Feldes oder werden steinzeitliche Axtkämpfer von einem schwarzen Sportwagen mit Raketenwerfer unterstützt. Manchmal wird sogar der Zugang zu einem sonst verborgenen geheimen Spielbereich freigegeben.
Gezielt lancierte Pfuschereien
Wie Cheats an die Öffentlichkeit gelangen, ist höchst unterschiedlich. "Bei einigen Spielen werden sie gleich mit veröffentlicht", sagt Jochen Färber. In der Regel werden die Cheats aber gerade in den ersten Verkaufsmonaten eines neuen Spiels zurückgehalten, so Jens Schäfer, Sprecher von Vivendi Universal International Publishing (Sierra) in Langen: "Danach finden es dann mal einige Spieler selber heraus und veröffentlichen die Cheats im Internet. Manchmal werden sie aber auch offiziell herausgegeben, um den Spielern das Fortkommen in gewissem Maße zu erleichtern."
Teilweise wird aus der Cheatsuche ein richtiger Wettbewerb, bei dem es darum geht, nach einer Neuerscheinung als Erster die Cheatcodes zu entdecken. Für weniger Erfahrene gestaltet sich die Suche nach Cheats für das eigene Spiel heute denkbar einfach. Zum einen hat jedes halbwegs bekannte Computerspiel im Internet seine Fanseite, auf der in der Regel auch die Cheats zu finden sind. Außerdem gibt es dort umfangreiche Cheatsammlungen wie CheatBook , wo alphabetisch geordnet die Schwindeleien für Hunderte von Spielen aufgelistet sind. Selbst aktuellste Spiele wie "Black & White" oder "Tropico" waren hier bereits kurz nach Erscheinen vertreten.
Besonders wenn via Internet mit mehreren Teilnehmern gespielt wird, hat das "Cheaten" jedoch manchmal für die Gegner unangenehme Folgen. "Es gibt Freaks, die sich derartige Programme schreiben und sie dann zu ihrem Vorteil bei Online-Spielen anwenden", sagt Jens Schäfer. Dann ist wieder der Hersteller gefragt, der so genannte Patches entwickelt - also quasi Flicken, mit denen sich die Gegner vor solchen kleinen Gemeinheiten schützen können.
Überhaupt ist beim Anwenden von Cheats Zurückhaltung angebracht - und zwar auch, wenn allein vorm heimischen PC gedaddelt wird. "Ob jemand Cheats benutzt, hängt natürlich auch vom eigenen Ehrgeiz ab, davon, ob man das Spiel aus eigener Kraft gewinnen will", sagt Schäfer. Sören Winterfeldt weist darauf hin, dass Cheats sogar den Spielspaß nehmen können. Denn wer weiß, dass er den Sieg mit ein paar Tastendrücken in der Tasche hat, bringt eben oft nicht die Geduld auf, noch ein paar Stunden ohne Schwindel-Hilfe weitermachen zu müssen.
Heiko Haupt, dpa