Morpheus im Abseits Das Fasttrack-Netzwerk bröckelt
Das Ende der Herrlichkeit: Für rund ein halbes Jahr war mit den Fasttrack-basierten Diensten ein kraftvoller Erbe für den seit Juli letzten Jahres komatösen Napster gefunden worden. Schneller, besser und zuverlässiger als Napster je war, schien dieses Netzwerk unverwundbar.
Denn ähnlich wie die Gnutella-Dienste hatte auch Fasttrack nicht zuletzt aus dem Scheitern von Napster gelernt: Die Betreiber des Netzwerkes verzichteten darauf, den Datenverkehr über einen zentralen Rechner laufen zu lassen. Statt dessen sorgten so genannte Supernodes für das notwendige Routing im Netzwerk: Die Nodes schufen die Verbindung zwischen den Usern. Nur wenn man alle Nodes vom Netz nehmen würde, so dachte man sich das bis vor rund drei Tagen, könnte man das Fasttrack-Netzwerk abschalten.
Das feierte seine Erfolge vor allem deshalb, weil hier gleich drei Daten-Tauschbörsen ihre Nutzer auf einer Plattform zusammenführten: So viel Masse war klasse, fanden immer mehr P2P-Fans. Schnell wuchs das Fasttrack-Netz an zur erfolgreichsten P2P-Oberfläche, auf der sich zu jedem gegebenen Zeitpunkt mindestens eine halbe Million User tummelten.
Als KaZaA kurzzeitig offline ging, schien zudem der Beweis der Unverletzlichkeit der Plattform erbracht.
Und dann "verschwand" Morpheus
Bis zu neun Millionen geschätzte Morpheus-User blieben plötzlich außen vor: Ihre Software stocherte herum im Datenraum, ohne Kontakt zu den Supernodes zu finden. Wer in den letzten drei Tagen den Versuch machte, den Netzverkehr über das "netstat"-Programm von DOS zu kontrollieren, "sah" die virtuellen Finger der User, die Zugang zum Rechner suchten, ohne ihn zu finden. Das, sagt Morpheus, war und ist ein Kommunikationsproblem.
So ist das wohl und offensichtlich in zweierlei Hinsicht: Für Morpheus überraschend hatten die Betreiber des Fasttrack-Netzwerkes das Protokoll geändert, über das der Datenverkehr abgewickelt wird. Morpheus und seine Nutzer flogen aus dem Verbund. Dass dies für KaZaA und Grokster anscheinend nicht überraschend kam - die Dienste sind nicht betroffen - zeigt, dass da wohl auch miteinander nicht mehr allzu viel kommuniziert wird. KaZaA entstand im selben Haus wie Fasttrack, die beiden anderen Dienste sind Lizenzierungen der Technologie.
Das Fasttrack-Netzwerk jedenfalls ist am Boden - und folgt man dem, was Morpheus nun verlauten lässt, wird es wohl auch nie mehr so sein, wie es noch vor wenigen Tagen war. Schnell hatten Gerüchte die Runde gemacht, Morpheus wolle mit dem "Netzwerkflattern" ein Upgrade auf eine neue, nun kostenpflichtige Software erzwingen. Wenn dem einmal so war, dann ist diese Frage wohl vom Tisch: "Künftig", sagt Kelly O'Neil vom Morpheus-Betreiber MusicCity, "setzt Morpheus auf eine offene Plattform."
Will heißen: weg mit den proprietären Elementen des Fasttrack-Protokolls - und ab in die Arme der Open Source. Da tummelt sich nach wie vor Gnutella in all seinen Ausprägungen: zuverlässig, anonym genug, aber bisher weniger komfortabel als die Fasttrack-Dienste.
Doch die Entwicklung hin zu Fasttrack-ähnlichen Features hatte ja längst begonnen: Mit Software wie XoloX surft man im Gnutella-Netz und könnte glatt glauben, man sei bei Morpheus. Jetzt, versichert Morpheus-Sprecherin O'Neil, werde man "innerhalb weniger Tage" eine veränderte Software vorlegen, mit der auch Morpheus-User wieder aktiv werden könnten. Wenn das wirklich so schnell gelingt, wird man diese Software wohl kaum erst schreiben müssen: Die Auflösungserscheinungen im Fasttrack-Netzwerk können darum wohl kaum so überraschend aufgetreten sein, wie es jetzt erscheint.
Morpheus steht jedenfalls vorerst ziemlich begossen da, und die Zeiten der "Markentreue" im Web sind längst vorüber. In den letzten Monaten hatten KaZaA und Grokster einiges an Nutzern verloren, seit bekannt wurde, dass die Software Schnüffelprogramme ("Spyware") enthält. Morpheus hingegen gewann mächtig hinzu.
Auf- wie Abstieg sind nun vorerst gestoppt, und Morpheus setzt wie weiland Napster auf die Geduld und "Treue" der Fans.
Wie weit die reicht, wird man in einigen Wochen sehen. Anders noch als vor einem Jahr haben sich die User daran gewöhnt, dass vertraute Dienste (nicht selten per Gerichtsurteil) verschwinden. In solchen Fällen wechselt man einfach.
Und wenn Morpheus schon bald zum Gnutella-Client wird, warum sollte man dann darauf warten? Solche Software gibt's schließlich schon, und manche - siehe oben - erinnert sogar an Morpheus und kann alles, was Fasttrack-Dienste auszeichnete. Schon Stunden nach dem ersten "Wackeln" von Morpheus diskutierten Fans mögliche Alternativen. Wenn Morpheus nicht schnellstens in die Pötte kommt, hat die Musikindustrie mal wieder ein Problem weniger.
"Wir teilen den Frust der User", so Kelly O'Neil gegenüber SPIEGEL ONLINE. Morpheus entschuldigt sich bei den Usern für den Ausfall und verspricht Verbesserungen, wenn es wieder ans Netz geht. Bessere Suchmöglichkeiten, ein einfaches Interface und Zugang zu mehr gefundenen Stücken. Überhaupt solle das neue Morpheus "das beste Peer-to-Peer-Netzwerk der Welt" werden. Texte, die man vor nicht ganz Jahresfrist von Napster-Sprechern hörte.
Doch wie versorgt man neun Millionen Nutzer in wenigen Tagen mit einem Software-Update, wenn den bisherigen Morpheus-Browsern offenbar die Verbindung zum Server nicht gelingt? Wie benachrichtigt man die Nutzer, wenn man in der Regel deren Mail-Adresse nicht kennt? Und wie verhindert man dann noch den permanenten Server-Kollaps? So schnell werden aus Shootingstars Sorgenkinder.
Frank Patalong