MP3.com: "Troubadix der Neonazis" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

MP3.com "Troubadix der Neonazis"

Für die Musikindustrie ist MP3 ein Alptraum, für die Vordenker der Netzkultur die größte Chance für junge Künstler, seit der Erfindung der Kassette. Übersehen wurde bisher das politische Potenzial der freien Musiktauschseiten. Alptraumhaft an MP3 ist vor allem, wer hier ein Forum findet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein paar Mausklicke genügen. Musiker registrieren sich selbst bei MP3.com, sie sorgen auch dafür, dass ihre Musik dort gefunden wird, wo sie sie gern sehen würden. Zum Beispiel unter "Music > World/Folk > World Traditions > Europeans > German Charts ".

Für die Musikindustrie ist MP3.com ein Alptraum: Hier vermarkten sich Musiker selbst, an allen großen Musikfirmen vorbei - und mit zunehmendem Erfolg. Die "German Charts" bei MP3.com sind aber noch in anderer Hinsicht ein Gräuel: "Schaut Euch mal an, welche Lieder in den deutschen Charts von MP3.com vertreten sind", schrieb SPIEGEL-ONLINE-Leser Thomas B., "das ist vielleicht nicht gerade DAS Aushängeschild für unsere Kultur, oder?"

Geschmackssache?

Dass AccordionMan mit "Schützen Liesel" dort derzeit Platz eins der deutschen Charts hält, dass sich neben "Hinterm Hühnerstall", "Patrona Bavariae" und der "Wigel Wogel Polka" allenfalls Perlen wie "Die kleine Kneipe" oder der "Schneewalzer" finden, könnte man immerhin noch als "Geschmacksfrage" abtun. Wenn da nicht diese anderen Lieder wären ... - und man nicht wüsste, wie die Charts entstehen.

MP3.com zensiert nichts, es gibt keine redaktionelle Auswahl. Wer bei MP3 veröffentlichen will, der kann das tun. Die Zahl der Downloads entscheidet dann über die Platzierung in den Charts: Ein unerbittliches, rein quantitatives Kriterium. Wer bei MP3 "oben" steht, der darf Popularität bei den Nutzern der Web-basierten Musikbox für sich verbuchen.

Wie Frank Rennicke. Der ist derzeit Deutschlands erfolgreichster Exportschlager. Bekannt ist der 32-Jährige, der sich selbst als "systemkritischer Sänger und Integrationsfigur der volkstreuen Opposition im besetzten Restdeutschland" bezeichnet, seit langem - wenn auch außerhalb der Neonazi-Szene vor allem dem Verfassungsschutz.

Derzeit besetzt er mit "Für Deutschland", "Nürnberg 1946 - Rudolf Hess" und "Rosen im November" die Plätze vier, elf und 13. In den Top 40 ist er neunmal vertreten.

Rennicke, trotz seiner oft martialischen Texte eher eine Art Patrick Lindner für Ewiggestrige, spricht mit seinem "Schwiegermutti, hab mich lieb!"-Image die deutschtümelnden National-Romantiker genauso an wie die "Neos" unter den Nazis. Die wärmen sich an Rennickes Lagerfeuer-Romantik - und der eindeutigen Zweideutigkeit seiner Texte, die ihn zum Dauergast in einer anderen Chartliste gemacht haben: dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften.

Es ist oft starker Tabak, der dem "nationalen Barden" über die Lippen quillt - und letztlich doch selten so eindeutig, dass er auch nur in Gefahr liefe, sich daraus einen (juristischen) Strick drehen zu lassen. Gerade dann, wenn es wirklich eindeutig, rassistisch oder blutig wird, dreht Rennicke die Textaussage in einer abschließend servierten "Pointe" zur kabarettistischen Nummer.

Wie im Lied "Diese Rasse ist klasse": Da werden Zähne gefletscht, da werden die "stärksten Kämpfer" verherrlicht, die - das Blut der Feinde an den Zähnen - die "Feindesbrut" zerreißen. "Dem Führer treu" ist sie, die "klasse Rasse", kennt "keine Gnade" gegen "Dealer, Mörder, Eindringlinge oder Antifa-Zecken". Schließlich - Tusch! Jetzt kommt die "Pointe" - erfährt man, dass es da natürlich nur um eine "Rasse" gehen kann: den deutschen Schäferhund.

Da schlägt sich Otto-Normal-Skinhead auf die Schenkel: Reingelegt! Doch noch immer steht da die "klasse Rasse", die Furcht in die Herzen der "Dealer, Mörder, Eindringlinge oder Antifa-Zecken" pflanzt. "Kampf bis zum Tod", "wie es auch schreit" - eine "Pointe" reicht da längst nicht mehr, um diesen Aberwitz zum Kabarettstückchen zu machen.

Erfolg nur mangels Konkurrenz?

Einen "Troubadix der Neonazis" nennt der Berliner Journalist Burkhard Schröder , einer der besten Kenner der deutschen Neonazi-Szene, den Gitarre-schrammelnden Rennicke. Ein schräger Vergleich: Zwar verbreitete auch der keltische Kakophonie-Experte Troubadix oral Fürchterliches - blieb dabei aber doch immer eine sympathische Lachnummer. Rennicke hat da ein anderes Kaliber - und nutzt, wie viele seiner Gesinnungsgenossen, seit Jahren gezielt die Möglichkeiten des Internet.

Das weiß auch der Verfassungsschutz. Der im Verfassungsschutzbericht Baden-Württembergs als "Einzelaktivist" klassifizierte Rennicke nutzt Zitate aus dem Bericht der Innendienstler als digitale Visitenkarte, indem er ihn im Rahmen seiner Selbstdarstellungen zitiert.

Dass Rennicke im Web präsent ist, dass er "Dauergast" in der rechtsradikalen "Berichterstattung" des Thule-Netzes ist, dass auf kaum einer Neonazi-Seite der Link zu ihm (und zurück) fehlt, ist schlimm genug. Dass es Rennicke jedoch geschafft hat, über jede Suchmaschine im Angebot von MP3 verschlagwortet zu sein, ist fatal: MP3 ist eine so genannte "vertrauenswürdige Adresse". Wer Thule ansurft, weiß, dass er es mit Neonazis zu tun hat. Wer MP3 ansurft, sucht Musik. Die, weiß der Verfassungsschutzbericht, dient "der ideologischen Indoktrinierung seines Publikums".

Da wird das Internet zum Teil des Problems, wie Frank Dittrich, Pressesprecher des Landesamtes für Verfassungsschutz Baden-Würtemberg, erklärt: Es gäbe durchaus CDs von Frank Rennicke, die indiziert sind und folglich nicht vertrieben werden dürfen. Doch im Web tun sich den Propaganda-beflissenen Rechten nicht Lücken, sondern klaffende Scheunentore auf: "Gegen so ein Onlineangebot ist nur sehr schwer etwas zu machen. Wenn es sich nachweisen ließe, wer die Dateien hochgeladen hat, dann ließe sich das auch rechtlich verfolgen".

Doch das ist ein Nachweis, der nur äußerst schwer zu führen ist. Prinzipiell könnte jeder, der die betreffende CD besitzt, den Upload erledigt haben. Auf der anderen Seite macht sich der, der diese Musikdateien dann herunterlädt, nicht strafbar. Dittrich: "Verboten ist nach einer Indizierung der Vertrieb, nicht der Besitz zum Eigengebrauch." All das, meint Dittrich, "erschwert die Strafverfolgung". Websites wie MP3.com werden zum Vertriebskanal auch für indizierte Musik.

Und das mit System. Keine Variante des politischen Spektrums agiert und agitiert im Internet mit so viel Planung, mit so viel Konzept wie die Rechtsextremen. Im "Chaos" des Internet haben sie Inseln der Selbstvermarktung geschaffen, die durch schiere Masse jede andere politische Couleur erdrücken: Erfolg mangels Konkurrenz.

Erfolgsrezept: die "Aura des Opfers"

Burkhard Schröder ist trotz allem optimistisch: "Ich denke, die Nazis laufen, wenn sie sich auf das Internet einlassen, in die Konsumfalle. Im Web sind sie ein Angebot unter vielen." Im Augenblick verbuche Rennicke - ein "schrecklicher Spießer" - doch nur Erfolge, weil er "mit der Aura des Opfers hausieren" gehe, "und das ist natürlich ein Erfolgsrezept".

Ähnlich wie Gangster-Rapper von ihrem Mythos lebten, setze Rennicke darauf, sich als "staatlich Verfolgter" zu stilisieren. In diesem Kontext seien dann selbst Verfassungsschutzberichte und die Indizierungslisten der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften wahre Rohrkrepierer, die das Gegenteil von dem erreichten, was sie eigentlich wollten. Burkhard: "Das führt die deutsche Rechtspraxis ad absurdum: Die Indizierung ist für solche Leute ein Gütesiegel!"

Burkhard ist gerade darum gegen jedes Verbot, gegen jede Zensur solcher Inhalte - gerade im Internet: "Was bleibt von Rennicke, wenn man ihm diesen Mythos nimmt? Ein schlechter Sänger." Im Web müsse Rennicke letztlich mit seiner Musik gegen andere Musiker konkurrieren. "Auch Rennicke ist Pop, ist Kommerz - und da setzt sich am Ende das Gute durch. Braun steht im direkten Vergleich zu bunt ziemlich schlecht da".

Jetzt fehlt bei MP3.com nur noch die deutsche Konkurrenz, die mit nicht-rechten Stücken dagegen hält.