Museumsreif Pong statt Picasso
Genau 40 Jahre liegt es nun zurück, das Stephen Russel und seine Mitstudenten am Massachusetts Institute Of Technology (MIT) das erste Videospiel namens "Spacewar!" programmierten. Unter den 250 Ausstellungsstücken ist im Barbican zum ersten Mal auch der DEC PDP-1 Computer ausgestellt, auf dem eben "Space War" seine Premiere feierte.
Die Ausstellung gliedert sich in 16 Themenfelder, und "Gewalt in Videospielen" wird ebenso angesprochen wie Onlinegames oder typisch japanische Spielideen. An allen Exponaten können die Besucher selbst spielen, weshalb gerade an Wochenenden längere Wartezeiten eingeplant werden sollten.
SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Ausstellungskurator Lucien King, 30, über das Konzept der Ausstellung.
SPIEGEL ONLINE: 250 Exponate aus 40 Jahren, darunter echte Raritäten: "Game On" auf die Beine zu stellen kann weder leicht noch billig gewesen sein...
Lucien King: Die Planung begann vor vier Jahren, und es wurde schnell klar, dass der historische Überblick über vierzig Jahre Videospielgeschichte ein recht teures Unterfangen sein würde. Erst als wir das Barbican Kulturzentrum auf unserer Seite hatten, haben wir direkt Firmen und Sammler angesprochen. Dabei haben wir festgestellt, dass viele Firmen vom jüngerem Zeitraum gute Archive besitzen, jedoch bei Soft- und Hardware aus der Anfangszeit nur sehr schlecht sortiert sind. Eine gute Quelle war das American Museum of Moving Image, das eine große Sammlung von Spielhallengeräten besitzt und auch das Computerspiele-Museum aus Berlin war eine große Hilfe.
SPIEGEL ONLINE: Alle Exponate sind spielbar oder werden vorgeführt. Warum war Ihnen das so wichtig?
King: Natürlich hätten wir die Arcade- und Konsolenspiele jeweils hinter Glas zeigen können und die Ausstellung hätte trotzdem einen Sinn ergeben. Wir wollten dem Publikum aber auch das Gameplay nahe bringen, und deswegen war klar, dass alle gezeigten Exponate auch spielbar sein sollten. Dabei war allen Leihstellern klar, dass die Ausstellung für vier Jahre rund um die Welt geht und dabei sicherlich auch Abnutzungserscheinungen auftreten werden.
SPIEGEL ONLINE: Ein Highlight der Ausstellung ist sicherlich der PDP-1. Wo haben Sie das Gerät gefunden?
King: Im Fall des PDP-1 kam uns der Umzug des MIT-Museums nach San Francisco zur Hilfe. Im alten Ames Research Lab, wo früher Raketen getestet wurden, sind große Flugzeughangars, in denen Hunderte von alten Computern und anderen Maschinen stehen. Unter denen eben auch drei PDP-1 Computer, die noch alle funktionsfähig waren.
SPIEGEL ONLINE: Videospiele kämpfen seit jeher um Anerkennung als eigene Unterhaltungsform. Ist nun der Sprung ins Kulturestablishment geschafft?
- Game On:Offizielle Ausstellungswebsite
- Barbican Kulturzentrum
- American Museum of Moving Image
- Computerspielemuseum Berlin
King: Für mich sind die Kunstgalerien einfach nur Räumlichkeiten, die das zeigen sollten, was einem Publikum gefallen könnte. Wenn das Kunstwerke sind, ist das genauso berechtigt, wie wenn eine Spielkonsole den gleichen Effekt erzielt. In den letzten Jahren findet dort auch ein Wandel statt, und selbst Firmen wie Nintendo denken offen darüber nach, ob sie sich selbst als Spielzeugfirma sehen oder als Produzent hochwertigen Entertainments.
SPIEGEL ONLINE: Das erinnert an die Mitte der achtziger Jahre, als Graffiti-Bilder zum ersten Mal in Galerieräumen gezeigt wurden.
King: Das stimmt genau. Es ist wie immer eine Art Wendepunkt für bestimmte Generationen, die neue Einflüsse zuerst nicht akzeptieren, aber nach einer näheren Auseinandersetzung dann doch annehmen. Und so ist es nun eben auch möglich, dass ein Museum Videospiele zeigt!
SPIEGEL ONLINE: Das erste Kapitel des Katalogs ist gleich dem Thema "Gewalt in Videospielen" gewidmet. Haben Sie das bewusst so angelegt?
King: Der Aspekt von Gewalt in Videospielen hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Hersteller und Publisher darüber nachgedacht haben, welche Art von Spielen sie überhaupt veröffentlichen. So wie bei Filmen oder Musik wurde wegen der Gewalt plötzlich über Videospiele geredet und es wurde zwingend notwendig, Spiele für Altersgruppen getrennt zu klassifizieren. Wie bei Filmen muss der Zuschauer sich meiner Meinung nach aber seinen eigenen Eindruck verschaffen und die Entwickler von Spielen sollten die Freiheit behalten dürfen, das Element Gewalt im gleichen Maße wie Liebe oder Horror einzusetzen.
"Game On" ist noch bis zum 15. September in London zu sehen, danach von Oktober bis Februar 2003 in Edinburgh. Die weiteren Ausstellungsorte stehen noch nicht fest.