Musikbörsen Legalize it!
Fortschritte und Rückschläge für die Musikindustrie: In den USA kündigt Wal-Mart den Start eines eigenen, großen Musikdownloaddienstes an. Das Geschäft in Apples iTunes Music Store lebt wieder auf, Microsoft will bald mit einem eigenen Service an den Start gehen, Yahoo trennt sich vom OD2-Shop, nur um einen eigenen aus der Taufe zu heben. In Deutschland steht Phonoline vor dem Start, und AOL holt sich iTunes an Bord: Eine Nachricht jagt die nächste - und alles klingt gut in den Ohren der Musikbosse.
Denn auch die Marktforscher wissen Positives zu berichten: Das Gros der Kunden legaler Musikbörsen beschränkt sich auf den Download einzelner Songs aus einem Album, für viele ist der Download nicht mehr als ein Weg, Lücken in der Sammlung zu füllen. Kunden, die Gefallen an einem Album finden, ziehen dagegen den Gang ins Geschäft vor: Hoffnungszeichen für eine gebeutelte Branche.
Wenn da nicht auch diverse Wermutstropfen wären. So kündigt Wal-Mart bereits Monate vor dem Start seines Shops an, mit Preisbrecher-Angeboten an den Markt gehen zu wollen. Da ruckt es in der Branche, denn nichts fürchtet sie so sehr wie einen Preiskrieg im Downloadgeschäft: Weltweit heißt derzeit die magische Zahl "99" und beschreibt den für Kunden wie Verkäufer gerade noch akzeptablen Preis für einen Einzeldownload. 99 Cent in den USA, 99 Euro-Cent in Europa.
Das Problem daran: 99 Cent sind nicht genug. Zahlungsabwicklung, Lizenzen und - vor allem in Europa - Verwertungsgesellschaften fressen den größten Teil auf, kleben bleibt wenig: Eigentlich will sie irgendwann mit den Preisen hinauf, die Industrie.
Preiskrieg: Schuss ins schon verwundete Knie
Und jetzt kommt Wal-Mart: Der grüne Riese, in den USA berüchtigt für preisbrecherische Marktattacken, hat sich auf einen Preis von 88 Cent eingeschossen und verzichtet damit wohl auf Gewinnmargen, denn die Lizenzkonditionen, die die Industrie den Musikshops zugesteht, sind für alle weitestgehend dieselben.
Der Preis aber dürfte in einem wackeligen, längst noch nicht etablierten Markt eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Napster, von Roxio vor Monaten als legaler Shop wiederbelebt, will 99 Cent, iTunes verlangt 99 und MusicMatch ebenfalls. Allein BuyMusic.com streut seine Preise von 79 Cent bis 1,29 Dollar, was im Klartext aber nur heißt, dass Unattraktives billig, während Attraktives zu teuer ist.
Da sorgt der angekündigte niedrige Pauschalpreis schon Monate, bevor er Realität wird, für reichlich Unruhe.
Und auch KaZaA, die nach wie vor meistgenutzte illegale Musikbörse, macht erstmals seit dem Sommer wieder "positive" Schlagzeilen - je nach Perspektive: In den Niederlanden bestätigte das höchste Gericht, der Hoge Rad, ein Urteil eines Berufungsgerichts aus dem Februar 2002, wonach KaZaA nicht verantwortlich zu machen sei für eventuelle Copyright-Verstöße seiner Nutzer. Niklas Zennström und Janus Friis, die KaZaA-Gründer, die ihre Firma vor rund zwei Jahren an eine obskure Briefkastenfirma im schönen Vanuatu verkauften, bejubelten den "historischen Sieg des Internet und für die Verbraucher".
Damit setzt sich ein Trend fort, der es nicht leichter macht für die Plattenbranche, dem Problem der P2P-Börsen Herr zu werden. Zu Zeiten von Napster und Audiogalaxy schien es nur zu leicht, die Betreiber der damals noch auf Zentralservern beruhenden Börsen vor Gericht in die Knie zu zwingen. Doch moderne P2P-Börsen sind verteilte Netze: Ihre Betreiber sind nicht mehr als Software-Entwickler, während sich die Spezifika derer Nutzung ihrer Kontrolle weitgehend entzieht.
Der Musikindustrie bleibt da nur der andere, für alle schmerzlichere Weg: Sie hat damit begonnen, ihre eigenen Kunden zu verklagen - ein weiterer Kapitalschaden im Image einer Industrie, von der ihre eigenen Kunden schon jetzt nicht viel halten. Doch das scheint nun zunehmend der einzige Weg, die Aktivitäten der P2P-Börsen einzudämmen - im Verbund mit der Schaffung attraktiver legaler Alternativen.
Wal-Mart hat soeben angekündigt, eine solche zu schaffen: Billig und umfassend. Den Erfolg der P2P-Börsen mag das mittelfristig mindern - allerdings auch die Umsätze der Branche und der Händler. Alles beim Alten also: Das Gerangel um P2P bleibt ein Konflikt, bei dem es nur Verlierer gibt - Jubelmeldungen hin oder her.
Frank Patalong