Musikbörsenbarometer: Eine halbe Portion Charts, bitte! - DER SPIEGEL
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Musikbörsenbarometer Eine halbe Portion Charts, bitte!

Den illegalen P2P-Börsen stellt die Musikindustrie seit einiger Zeit eine wachsende Zahl kommerzieller Downloadbörsen entgegen. Deren Angebot ist groß, so wie die Lücken darin: SPIEGEL ONLINE prüfte anhand der aktuellen Charts, was man bei Phonoline und Musicload, OD2 und iTunes so alles (nicht) findet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Claim könnte klarer kaum sein: Eigentlich will die Musikindustrie ihren Kunden auch online das volle Programm bieten. Doch seit die Phonoverbände die Cebit zum feierlichen Rahmen der offiziellen Eröffnung ihres Dienstes Phonoline machten, will das nicht gelingen. Auffällige Lücken klaffen im Angebot, das mittlerweile bei allen Anbietern eine ganze Menge bietet - doch peinlicherweise gerade im aktuellen Bereich der Zeit hinterher hinkt.

Grund genug, ab und zu mal nachzusehen: Wenn die Industrie den P2P-Börsen wirklich Paroli bieten will, muss sie ihre Claims irgendwann auch einmal einlösen. Wir zählten durch, was man bei den großen kommerziellen Angeboten denn inzwischen so alles findet - und was nicht. Basis waren die aktuellen Top 10 der Singlecharts: Die bekommt man schließlich um die Ohren gedudelt, wo man geht und steht. Da wäre es doch nahe liegend, dass zumindest diese größten Geldkühe des Augenblicks auch käuflich zu erwerben sein sollten.

Die Single-Charts vom 17. Mai

Platz 1 Eamon - F**k it
Platz 2 Mario Winans et.al. - I don't wanny know
Platz 3 Usher et.al. - Yeah
Platz 4 D12 - My Band
Platz 5 Baby Bash - Suga Suga
Platz 6 Anastacia - Left outside alone
Platz 7 Blue - Breath easy
Platz 8 Max - Can't wait until tonight
Platz 9 Michael Andrews/Gary Jules - Mad world
Platz 19 O-Zone - Dragostea Din Tei

Die fünf Börsen, denen wir auf den Zahn fühlten, repräsentieren das volle Spektrum des Angebotes: Phonoline ist natürlich dabei (wir griffen auf den Eventim-Dienst zu) und der T-Online-Dienst Musicload. Das Programm des Online-Vertriebes OD2 findet sich unter anderem bei Karstadt, und natürlich darf iTunes als weltweit führender Dienst nicht fehlen. Von dem ist nicht zu erwarten, dass er die deutschen Charts vorhält, denn noch bedient iTunes den europäischen Markt nicht. Doch siehe da: Im direkten Vergleich mit den deutschen Angeboten schneidet iTunes keinen Deut schlechter ab.

Lücken im Angebot der Downloadbörsen, Stand 19. Mai 2004

Top 10 Single Phonoline Musicload Karstadt iTunes KaZaA
Platz 1 nein ja ja ja ja
Platz 2 ja nein ja ja ja
Platz 3 nein nein nein nein ja
Platz 4 ja ja ja ja ja
Platz 5 ja ja ja ja ja
Platz 6 ja ja nein ja ja
Platz 7 nein ja ja nein ja
Platz 8 nein nein nein nein nur live
Platz 9 nein nein nein nein ja
Platz 10 ja nein nein nein ja

Der fünfte im Bunde ist KaZaA, weil diese P2P-Börse nach wie vor das Maß aller Dinge ist: An diesem Erzfeind der Musikindustrie reiben sich alle kommerziellen Börsen, denn KaZaA verteilt einfach, was diese verkaufen wollen.

Der Befund ist durchwachsen. Quer durch die Bank haben alle kommerziellen Börsen exakt 50 Prozent der aktuellen Top 10 im Angebot. Was verblüfft: Es fehlen keineswegs immer dieselben Titel. Wer kreuz und quer durch die Kommerzbörsen surft, kann immerhin sieben von zehn Titeln zusammenkaufen - doch gerade so war das ja nicht gedacht. Es ist offensichtlich: Nach wie vor fehlt der legale, kommerzielle "One-Stop-Shop", in dem man bekommt, was man an Aktuellem sucht.

Ausgewählte Künstler

Songs Phonoline Musicload Karstadt iTunes
Aguilera 43 41 75 89
Die Ärzte 0 0 0 0
Beatles 0 0 0 36
Eminem 92 22 62 127
Grönemeyer 0 0 0 0
Norah Jones 0 28 31 44
Madonna 0 10 Alben 4 1
Metallica 1 1 0 1
Chili Peppers 0 5 Alben 9 Alben 32
Robbie Williams 0 56 +Alben 127 59

Ein ähnliches Bild bietet sich, wenn man sich das Backprogramm einiger ausgewählter Musikgrößen ansieht. Die Auswahl - das sei zugegeben - ist nicht fair: Ganz bewusst wählten wir einige notorische "Anti-Onliner" (Madonna, Metallica, Beatles) aus und kombinierten diese mit aktuellen Bigsellern wie Christina Aguilera oder Robbie Williams.

Wieder ist das Bild durchwachsen: Auch Künstler, die ihre Rechte für den Online-Verkauf freigeben, streuen diese offensichtlich nicht nach dem Gießkannenprinzip. Einen Shop mögen sie reichlich füttern, während sie einen anderen "verhungern" lassen.

Auch da ist der Kunde der Leidtragende. Der ist zwar daran gewöhnt, dass auch im ganz realen Geschäft nicht immer alles vorrätig ist, doch zumindest kann er bestellen, was fehlt: Online-Shops aber haben "Katalog-Charakter" - und Kataloge, in denen ganze Seiten und Kapitel fehlen, reißen niemanden vom Hocker.

Richtig reichhaltig ist das Angebot nach wie vor bei KaZaA, der heftig bekämpften P2P-Börse. Alle gesuchten Lieder und Künstler kursieren in verschiedenen Versionen und Qualitäten. Selbst Max, den man nach wie vor bei keiner legalen Börse findet, gibt es, wenn auch nur in Form von Live-Mitschnitten aus der Raab-Show, vom Eurovision Song Contest und dem Ausscheidungswettbewerb. Die Studioaufnahmen von "Can't wait until tonight", die dort zu finden sind, entpuppen sich samt und sonders als Stördateien, die nur Loops aus dem Lied enthalten.

Fazit: Was die legalen Börsen bisher bieten, ist - zumindest in Sachen Charts - nur eine "halbe Portion". Das ist besonders Schade, wenn man sieht und fühlt, wie viel einfacher und treffsicherer die Suche bei den legalen Börsen ist, wenn sie denn im gesuchten Bereich eine Füllung aufweisen. Trotzdem wird die Musikindustrie noch kräftig nachbessern müssen, bis sie den Illegalen wirklich das Wasser abgraben kann. Mit Klagen allein wird das kaum gelingen, wenn man suchenden Musikfans eben doch noch keine wohl gefüllte legale Alternative bieten kann.

Nächster Testlauf: am 2. Juni.

Frank Patalong, Holger Dambeck

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