Musikvertrieb im Internet: Jeder gegen jeden - DER SPIEGEL
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Musikvertrieb im Internet Jeder gegen jeden

Ende August wird mit der Versteigerung der letzten Napster-Habseligkeiten ein in den Augen der Musik-Industrieellen besonders lästiger Plagegeist abgewickelt. Doch damit ist die Frage noch nicht gelöst, wie das Internet endlich zum florierenden Absatzkanal ausgebaut werden kann.
Von Iris Quirin
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Köln - Die bisherige Bilanz jedenfalls ist auch für die Unternehmen verheerend. Noch im Mai diesen Jahres hatte Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff versucht, dem Medienkonzern durch die Übernahme der Musiktauschbörse den elektronischen Vertriebsweg zu ebnen.

Nach seinem unfreiwilligen Abschied war auch der Untergang von Napster nur noch eine Frage der Zeit. Wenn sich nicht noch ein Käufer findet, werden die Gläubiger sich wohl mit Vermögenswerten in Höhe von rund 7,9 Millionen Dollar zufrieden geben müssen - eine lächerliche Summe im Vergleich zu den rund 100 Millionen, die Napster an Verbindlichkeiten zusammengetragen hat.

Ironie der Geschichte: Zeitgleich mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens gaben drei der fünf größten Musiklabels - Universal, Sony und Warner Music - bekannt, künftig jede Menge Musikstücke im Internet zum Download anbieten zu wollen - jeder für sich und alle gegen alle. Universal etwa ging bereits in der vergangenen Woche in Deutschland mit dem Webportal popfile.de online. Derzeit stehen 5000 Songs von Universal-Künstlern zum herunterladen bereit. Kostenpunkt: 99 Cent pro Stück. Bis Ende 2003 will der Berliner Musik-Konzern sein gesamtes Repertoire auf popfile.de anbieten.

Doch auch Universal-Chef Tim Renner ist sich darüber im Klaren, dass auch seine Musikbörse nur geringe Chancen hat, wenn es nicht so bald wie möglich in ein umfassendes Angebot eingebunden wird: "Dem User ist es nämlich egal, bei welchem Label sein Künstler unter Vertrag steht", weiß Renner. "Er will nur eines: die volle Musikauswahl."

Der Anreiz, sich auf eine gemeinsame Vertriebsstrategie im Internet zu einigen, ist enorm. Immerhin könnte die Branche nach Einschätzung von Josh Bernoff, Analyst beim Marktforschungsinstitut Forrester Research, bis 2007 weltweit mehr als zwei Milliarden US-Dollar mit kostenpflichtigen Online-Musikdiensten erwirtschaften. Voraussetzung aber sei, dass die Nutzer Musik von allen Labels in den Internet-Angeboten finden und nicht für jedes Label eine eigene Börse suchen müssen.

Ansätze in dieser Richtung gibt es bereits seit der letzten Popkomm: Die von der PhonoNet GmbH organisierte gemeinsame Internetplattform der deutschen Musikindustrie musicline.de. Die Musiksuchmaschine verzeichnet fast zwei Millionen Songs zum Reinhören, mit Infos und direkten Links zu Künstlern und Bands. Technisch wäre es eine Kleinigkeit, den Suchenden einen direkten Link zu den Labels anzubieten, wo sie das Musikstück dann herunterladen können.

Musicline.de oder ein vergleichbares Angebot zu einer übergreifenden Plattform auszubauen, steht aber zurzeit offenbar noch nicht einmal zur Diskussion. Die Reaktion der Musikfans ist so vorhersehbar wie simpel. Sie klicken die illegalen Internet-Tauschbörsen an, die nach der Stilllegung von Napster wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. "In Deutschland haben wir bereits 1000 Abmahnungen verschickt", erklärt Hartmut Spiesecke, Sprecher des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft (IFPI), auf der Kölner Musikmesse Popkomm. Der Umsatz allein in Deutschland sei im vergangen Jahr nicht zuletzt deshalb um mehr als zehn Prozent auf 2,2 Milliarden Euro eingebrochen.

Forrester-Analyst Bernoff spielt den Ball allerdings in das Feld der Musikindustrie zurück. Eine Befragung unter tausend Online-Nutzern in den USA habe keinerlei Anhaltspunkte geliefert, dass Kunden, die häufig digitale Musikangebote nutzten, tatsächlich weniger CDs kaufen.

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