Nachruf: Tschüss, CI$! - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Nachruf Tschüss, CI$!

Alle deutschen Compuserve-Foren sollen zum 30. April geschlossen werden, eine neue Foren-Software und ganz andere, "flotte" Inhalte sollen sich im Internet bewähren. Damit geht für viele Online-Enthusiasten ein Kapitel zu Ende, an das sie sich mit Wehmut erinnern.
Von Detlef Borchers
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer in den achtziger Jahren in Deutschland wie Boris Becker "Ich bin drin" jubeln wollte, hatte wenig Auswahl. Es gab kein Internet, nicht einmal an den Universitäten. Für Hobbyisten gab es zahlreiche Mailboxen, die von Hobbyisten betrieben wurden. Eine Ausnahme war das 1969 gegründete Compuserve-System.

In den USA gab es bereits 1985 über 260 so genannte Einwähl-Knoten in das System, als die erste englische Werbung in deutschen Computermagazinen auftauchte, geschaltet von einem Steuerberater. Compuserve gehörte damals dem Steuerberaterverbund H&R Block, der frühzeitig die leistungsfähigsten Großrechner kaufte und nach Wegen suchte, überschüssige Kapazitäten zu vermarkten. So entstand Compuserve.

Von Deutschland aus war Compuserve nur über den Datex-P-Dienst der Post zu erreichen, abgerechnet wurde über die Post im Reverse Charge-Verfahren, 20,50 US-Dollar für die Verbindung und 6 Dollar pro Stunde für den Aufenthalt im System bei 300 Baud Zugriffsgeschwindigkeit. Zu diesen Kosten kamen Datex-P-Grundkosten und das Telefonat zum nächsten Datex-Knoten.

Compuserve war somit richtig teuer, auch in Amerika. Die Kennung CIS (Compuserve Information Service) wurden von allen Teilnehmern zu CI$ verballhornt.

Compuserve-Nutzer waren an ein einer seltsamen Zahlenkombination wie meiner Nutznummer 76060,3303 zu erkennen. Eigentlich bezeichnete die erste Stelle den Steuerberater bei H&R Block, die zweite den Klienten, den er kontaktieren wollte.

Als Bill Gates noch zu "greifen" war...

Auf Compuserve tummelten sich in den Achtzigern vor allem Computerfreaks, entweder die harte Fraktion der Programmierer und Designer oder die leidenschaftlichen Online-Spieler. Bill Gates, Mitch Kapor oder Steve Wozniak hatten eine Compuserve-Nummer und beantworteten bereitwillig Fragen. 1985 führte der Online-Dienst thematisch gegliederte Foren ein und schickte ein putziges Handbuch an seine Mitglieder, die Neuerung zu erklären.

In den Foren ging es sofort hoch her mit den Meinungen: Unvergessen ist mir eine Auseinandersetzung mit Bill Gates, der als Nachfolger von Dos 3.0 ein Super-Betriebssystem namens Dos 386 versprach und damit nur Hohn und Spott erntete. "Wenn ihr mal die Software fehlerfrei ausliefern könntet, die ihr verkauft, statt neue anzukündigen, dann wäre das ein Fortschritt," antwortete der Computerjournalist John Dvorak. Bill Gates kündigte seine Mitgliedschaft und zeitweilig waren alle Microsoft-Foren geschlossen.

CI$ wurde zum Prototyp eines geschlossenen Onlinedienstes

Der phänomenale Aufstieg der deutschen Foren mit deutschen Moderatoren begann am 13. September 1991, als in Frankfurt und München eigene Zugriffsknoten installiert und die Preise "drastisch" reduziert wurden. Neben der Grundgebühr von 22,50 Dollar die Stunde (für 9600 Baud) kostete der Zugriff über diese Knoten zur Nachtzeit nur noch 2,50 US-Dollar pro Stunde. In kürzester Zeit brachte es Compuserve auf 80.000 deutsche Mitglieder, während es international 2,4 Millionen PP-Nummern zählte und damit weit vor America Online lag. Compuserve wurde zur Mutter aller Online-Dienste.

In manchen dieser neuen Foren ging es international zu, krachten die Meinungen fast unvermittelt aufeinander. Einer der spektakulärsten Fälle ereignete sich im Gerline-Forum im Jahre 1994. Dort tauchte ein US-Amerikaner auf und gab Ansichten zur "Auschwitz-Lüge" zum Besten, wie sie in den USA vor allem im Umkreis des "Institute for Historical Review" unter dem Stichwort "Revisionismus" verbreitet werden. Nach einer einzigen Wortmeldung zum Revisionismus wurde der US-Bürger vom deutschen Moderator, dem EDV-Journalisten Max Bold, ohne Vorwarnung aus dem Forum ausgesperrt. Als Begründung diente das deutsche Presserecht.

Was sie als besondere deutsche Demokratie-Rückständigkeit sahen, brachte in den USA lebende Deutsche auf die Palme, die aus dem rabiaten Vorgehen einen Bruch mit dem amerikanischen First Amendment (Recht auf freie Rede) konstruierten.

Besonders engagierte Gemüter wollten einen Rechtsanwalt der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ACLU mit einer Klage vor den Gerichten von Ohio (dem juristischen Sitz von Compuserve) betrauen. Die über Monate hinweg ausdauernd geführte transatlantische Streiterei beschäftigte Tausende. Sie schwappte in andere Online-Dienste über und wurde selbst in den Newsgruppen des Internet geführt, denen sich damals Compuserve zaghaft öffnete.

Der Anfang vom Ende: CI$ als Zensor

Im Verlauf dieser Debatte tauchten die ersten Zeichen des Niedergangs von Compuserve auf: Der Dienst verlor zeitgleich in einem anderen Verfahren in den USA das Recht auf Klagerhebung am juristischen Firmensitz in Columbus, Ohio. Angesichts der Globalisierung der Netze befand ein Richter, dass der lokale Wohnort des Online-Kundens entscheidend sei.

Nach diesem Urteil versuchten sich die Compuserve-Techniker vor weiteren Niederlagen und deutschen Klagen dadurch zu schützen, dass sie problematische Internet-Newsgruppen zur Auschwitz-Lüge und zum Tausch von Erotik-Bildern sperrten. Das gelang Ihnen jedoch nur, indem sie den Bann weltweit, für alle Compuserve-Teilnehmer exerzierten. Ein Sturm der Entrüstung brach aus: Innerhalb von drei Monaten verlor Compuserve über eine Million Kunden, ein Prozess, der durch die aufstrebenden kommerziellen Internet-Provider der ersten Stunde beschleunigt wurde.

Von diesem Aderlass hat sich Compuserve nie mehr erholen können. Bis AOL den Onlinedienst in einem skurrilen Dreiergeschäft aufkaufte und dabei die Zugriffsknoten verkaufte, tauchten immer wieder Übernahmegerüchte auf. Nun wandern viele gekündigte Foren ins Internet ab . Ihre Compuserve-Zeit wird in Erinnerung bleiben als eine lustige Strecke, in der Deutsche die Verzwicktheit der freien Rede in den Netzen kennen lernen durften.