Napster-Relaunch Ein kleines bisschen kostenlos
An den Börsen gilt Napster als Schnäppchen für Mutige. Allein im letzten Jahr fluktuierte der Wert der Aktie um gut 50 Prozent, schrieb Achterbahnkurven auf die Kurs-Charts. Zur Zeit geht es mal wieder bergauf. Nachdem die Aktie Ende letzten Jahres auf knapp über drei Dollar pro Stück eingebrochen war, notiert sie heute gut 30 Prozent höher.
Napster bejubelt sich selbst als "erfolgreichsten Musik-Abo-Dienst der Welt" - aber obwohl dem einst so großen Namen Napster viel zugetraut wurde, blieb der kommerzielle Erfolg bisher hinter diesen Erwartungen zurück. Im letzten Jahr wies das Unternehmen einen Umsatz von immerhin 46,7 Millionen Dollar aus, machte damit aber einen Verlust von 29,5 Millionen.
Dabei klingt das Konzept gut: Gegen Zahlung einer monatlichen Gebühr erhält man vollen Zugang zu rund zwei Millionen Songs, die man auf den PC laden (für 9,95 Euro/Monat) oder auch auf portablen Playern speichern kann (14,95 Euro/Monat). Was will der Wohnzimmer-DJ mehr?
Haben oder sein?
"Haben" offenbar, und bei Napster "hat" man nicht: Man besitzt keine Musik mehr, sondern ist Musiknutzer mit zeitlich limitierter Lizenz. Sobald man die Zahlung an den Abo-Dienst einstellt, erlischt nicht nur der Zugang zur Datenbank, sondern auch der zu den bereits heruntergeladenen Stücken. Wer die dauerhaft sein (gebranntes) Eigen nennen will, muss noch einmal in die Tasche greifen. Gegen den dank Apples iTunes branchentypischen Obolus von 99 Cent erwirbt man dann die üblichen Rechte.
Das Modell macht also die Reichtümer der Popgeschichte zugänglich - aber eben nur mobil (mit Verfallsdatum) oder im vernetzten Haus mit entsprechender Ausrüstung. Doch von dieser E-Hütte phantasieren bislang nur Marketingstrategen, in der Realität ist sie fast nur im Biotop der Topverdiener zu finden. Es ist möglich, dass das Napster-Modell schlicht zu früh kommt.
Alle paar Wochen läutet dementsprechend ein Experte dem Unternehmen schon mal probeweise das Totenglöckchen. Bisher hat Napster das überlebt, auch wenn im Frühjahr 2006 eine "Entlassungswelle" Schlagzeilen machte. Nicht ganz sieben Prozent aller Jobs verschwanden - nicht viel bei weltweit nur 140 Angestellten. Versuche, einen Firmensprecher ans Telefon zu bekommen, erinnern an Kontaktversuche mit einer Briefkastenfirma: Die E-Mail mit einer Bitte um Rückruf blieb bisher unbeantwortet, Telefonnummern hat die deutsche Dependance nicht.
"Free Napster": Musik saugen zum Nulltarif
Deshalb bleibt die wichtigste Frage des Tages vorerst unbeantwortet: Wird Napster in Deutschland anbieten, was es seit Montag in den Staaten gibt?
Denn dort hat Napster-Chef Chris Gorog gerade das Geschäftsmodell seiner Firma um einen Bonus erweitert: kostenlose on-demand-Musik. Ähnlich wie bei Yahoos "Launch" kann man nun frei aus dem vorhandenen Katalog auswählen und Musik - an den Napster-Player "gestreamt" - bis zu fünfmal kostenlos hören. Das ist nicht umsonst, sondern nur ein kleines bisschen kostenlos.
Es geht also um einen Appetizer-Service mit begrenzter Reichweite, den sich Napster über Werbeschaltungen refinanzieren will. Bedingung dafür dürfte ein merkliches Anwachsen der Nutzerzahlen sein, denn die bisher rund zwei Millionen Besucher, die die Napster-Webseite im Monat zählt, sind allenfalls respektabel.
Die andere Bedingung war das Placet der Musikindustrie, die in den letzten Monaten merklich herumzickte. Frustriert darüber, an den immer relevanteren Online-Verkäufen nicht genügend zu verdienen, versuchten die großen Plattenfirmen, den Platzhirsch iTunes zur Anhebung seiner Preise zu nötigen.
Hasst die Musikindustrie iTunes heimlich?
Immer mehr Künstler fühlen sich ihrerseits von den Plattenfirmen über den Tisch gezogen. In den USA klagen gerade die seit Jahrzehnten weitgehend erfolgfreien Steinalt-Bands Allman Brothers und Cheap Trick gegen Sony BMG, weil sie mit ihrem Anteil an den magischen 99 Cent unzufrieden sind: Gerade einmal 4,5 Cent kämen bei den Künstlern an, während die Industrie immer noch Verpackungskosten in Rechnung stelle - für Downloads.
Alle möchten gern mehr verdienen - aber da stellt sich gerade der Quasi-Monopolist, der nach eigener Aussage am Download auch kaum verdient, erfolgreich quer: "Wir haben unsere Übereinkunft mit den großen Musikfirmen erneuert", lässt Apple vornehm zurückhaltend wissen, "und freuen uns, unseren Kunden auch künftig Musik für 99 Cent pro Song anbieten zu können." Es gibt Pressemitteilungen, bei denen ahnt man das Grinsen des Schreibenden.
Auf satte 80 Prozent schätzt man das Gewicht von Apple im internationalen Markt. Um den Rest konkurrieren weltweit rund 350 Firmen.
Napster ist davon eine der Bekanntesten - aber sollte beispielsweise ein Online-Riese wie Amazon den Download-Markt angehen, wird es schwer für die Wettbewerber. Die Gerüchte darüber wurden eben erstmals offiziell von der Amazon-Firmenleitung bestätigt: Ja, sagte Brian McBride, Chef von Amazon Großbritannien, am Wochenende dem "Sunday Telegraph", Amazon denke darüber nach, Musik und Filme gegen Zahlung zum Download anzubieten. Mit den Musikfirmen stehe man längst in Verhandlungen, bei denen es nicht nur um Preisfragen gehe, sondern auch darum, ob Amazon zu seinen Downloads auch einen iPod-Konkurrenten anbieten könne oder solle.
Dass das der Musikindustrie gefallen könnte, kann man sich gut vorstellen: Die sehnt den Augenblick herbei, in dem jemand erfolgreich an Apples quasi-Monopol im Musik-Downloadmarkt kratzt.
Community hier, Kundschaft da?
Wohl auch deshalb gesteht sie den Kleineren zunehmend phantasievolle Lizenzbedingungen zu. Napster etwa bohrt sein Angebot parallel zur kostenlosen on-demand-Funktion mit Gags auf, die nach "Community" duften: So können die registrierten Nutzer von Napster ab sofort auch "Schnuppermusik" per Mail oder Instant Message verschicken, auf Webseiten und in Blogs einbinden. Dazu schafft die Firma mit "Narchive" in ihrem Web-Angebot einen "personalisierten" Toberaum für registrierte Nutzer, in dem die sich selbst zur Schau stellen können - MySpace lässt grüßen.
All das ist der Versuch, sich mit web-affinen Ideen gegen die Übermacht des Marktführers zu wehren. Der allerdings hat gegenüber Napster einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Er muss seinen Dienst nicht erklären. "Hinsurfen-Aussuchen-Kaufen" versteht als Grundkonzept jeder. "Hinsurfen-fünfmal-Probehören-dann-kaufen- oder-zeitlich-limitierte-Nutzungslizenz-erwerben, im Preis abgestuft nach stationärer oder mobiler Nutzung" bleibt dagegen eher kompliziert.
Napster wurde soeben ein gehöriges Stück "hipper". Ob sich das aber in Abo-Zahlen auswirkt, bleibt abzuwarten.