Napster "Vorwärts, und nicht vergessen..."
"Vorwärts, und nicht vergessen", dichtete Bertolt Brecht in seinem "Solidaritätslied", einer der Hymnen der in Frieden ruhenden sozialistischen Bewegung, "Worin unsre Stärke besteht! - Beim Hungern und beim essen - Vorwärts, und nie vergessen - Die Solidarität!"
Die Menschen, die sich in der nächsten Woche an der U-Bahn-Haltestelle Union Subway in Washington treffen, hungern nicht. Ihre Solidarität gehört der arg bedrängten Musiktauschbörse Napster - und deren weiteres Schicksal wird an diesem Tag im Rahmen eines Kongress-Hearings beraten.
"Tausende" sollen es werden, wenn es nach Napster geht. Quer durch die Stadt soll der Demonstrationszug zum Capitol gehen - und hinein ins öffentliche Hearing.
Doch dort gibt es nur Raum für 125 Zuhörer, was eine Kongress-Sprecherin eher amüsiert: "Unmöglich, dass wir die alle unterkriegen!"
Doch darum geht es ja auch gar nicht. Napster will die Massen mobilisieren, um dem Kongress den Druck der Straße näher zu bringen. Ein Mittel, auf das seit Beginn der Arbeiterbewegung unzählige Menschen mehr oder minder gewaltfrei und erfolgreich zurückgriffen. Allein, nicht nur im Deutschland der Kohlokratie kamen den jungen Menschen der westlichen Welt zunehmend die hehren Demonstrationsziele abhanden.
Nach dem Hoch der Demonstrationskultur der Sechziger, Siebziger und Achtziger Jahre verkümmerte da so manches: In Demokratien ist die Demonstration ein so legales wie probates Mittel, Bürgerbegehr im öffentlichen Raum kund zu tun, Flagge zu zeigen. Die Forderung nach bestimmten politischen Entscheidungen ist durchaus Sinn und Zweck der ganzen Idee, und hinter diesen Forderungen sollten in aller Regel Bedürfnisse stehen, die von der Politik unaufgefordert nicht erfüllt wurden.
Die Message: Demonstrieren macht Spaß und lohnt sich
So auch im Fall Napster. Die Demonstranten fordern nicht mehr und nicht weniger als den Erhalt "ihrer" Musiktauschbörse, über die sie mehr oder minder unkontrolliert illegale Musikstücke tauschen können. Auf das bestimmten, bösen Großunternehmen ein Teil ihrer Verdienste abspenstig gemacht werde und ein kleines, liebes Unternehmen doch noch die Chance erhalte, zu einem großen, bösen Unternehmen zu werden.
Denn genau das wollen die "Robin Hoods" von Napster, die sich der Solidarität ihrer Fans bedienen: Sie wollen - irgendwann einmal - ganz mächtig viel Geld scheffeln. Da lohnt es sich doch für alle Beteiligten, ein paar Stunden auf die Straße zu gehen.
Eine "Demonstration" ist das natürlich nicht, denn demonstrieren ist Mega-out. Nein, Napster ruft zum "Teach-in", denn Nostalgie und entsprechende "Retro"-Reminiszenzen sind Mega-in. Das macht Spaß.
"Unterrichtet" werden sollen übrigens die Kongressmitglieder, mit denen die Napster-Bewegten vor Ort diskutieren wollen. Sogar Shawn Fanning kommt als Stargast.
Und wem all das als Motivation nicht reicht, dem hat Napster noch mehr zu bieten: Die ersten 1000 Demonstranten, die am Dienstag gegen 10 Uhr am Treffpunkt auflaufen, bekommen ein total cooles exklusives Napster-Demo-T-Shirt! Na dann mal "vorwärts, und nicht vergessen": Dienstag, 10 Uhr, Union Station, Washington. Es geht um eine gute Sache.