Neo Project Gecrackt, geknackt, beknackt?
On- oder Offline ist in der Welt des Internet eine Frage von Sein oder Nichtsein. Hat zumindest die abschlägige Antwort auf diese Frage bei Shakespeare und im richtigen Leben noch einen ziemlich finalen Charakter, ist das im World Wide Web nicht unbedingt so: Das Neo Project war im Verlaufe der letzten Woche schon so tot, dass dies selbst von ernsthaften Nachrichtenquellen als Tatsache gemeldet wurde. "Der Versuch, den Code der Xbox zu knacken", meldete etwa der "New Scientist", "wurde aufgegeben".
Denn das ist seit neuestem eines der Ziele des Neo Project - und das nahmen den Neonisten anscheinend so einige Leute übel.
Guter Grundgedanke
Das Neo Project entstand aus einem privaten Experiment, dessen Ziel darin bestand, die als unknackbar geltenden Verschlüsselungsalgorithmen von RSA Security zu brechen. RSA testet die Güte seiner Codierungen öffentlich, indem das Unternehmen hohe Geldpreise für erfolgreiche Cracks aussetzt. Im September 2002 ging das Neo Project als Website und Distributed-Computing-Projekt ("DC") online. 80 Prozent aller Preisgelder, die es zu gewinnen plant, sollen wohltätigen Zwecken zufließen.
- The Neo Project
- Verzeichnis:Internet-basierte Distributed-Computing-Projekte
- "RSA Challenge":Einladung zum Code-Knacken
Das klingt gut - und ist ziemlich typisch für viele ernsthafte Distributed-Computing-Projekte. DC ist eines der Zauberworte des digitalen Zeitalters. Gemeint ist damit das Konzept, die Rechenkraft vieler kleiner Computer über das Web zu einer Art Supercomputer zu vereinen. In aller Regel geschieht dies so, dass ein DC-Client als "Bildschirmschoner" die Zeiten für Teilberechnungen nutzt, in der die partizipierenden Privatrechner nicht beansprucht werden. Ist eine Berechnung beendet, liefert das Programm die Ergebnisse an einen Zentralrechner und holt sich neue Aufgaben ab.
Das Konzept erfreut sich großer Popularität bei Naturwissenschaftlern (die auf diese Weise etwa Gensequenzierungen durchrechnen lassen), aber auch beim surfenden Publikum: Bekannt wurden DC-Konzepte vor allen Dingen durch das bis heute größte DC-Projekt, Seti@home. Rund 4,2 Millionen Menschen nahmen bisher am erfolglosen Versuch teil, aus den Rohdaten von Radioteleskopen Botschaften von Außerirdischen auszufiltern.
Der Deal ist zum einseitigen Vorteil: Den Teilnehmern bietet er nur das gute Gefühl, im Dienste einer höheren Sache gewirkt zu haben. Zur zusätzlichen Motivation ernennt Seti@home einen "Teilnehmer der Woche", und wenn der dann noch Glück hat, erfährt es sein Chef nicht: Die Teilnahme an DC-Projekten ist in vielen Unternehmen ein Kündigungsgrund. Trotzdem gelten rund 500.000 der registrierten Nutzer als "aktiv", rund 2000 Ergebnispäckchen laufen stündlich bei Seti@home ein: Das summiert sich zu beeindruckenden Rechnerleistungen.
Die würde auch das Neo Project brauchen, denn das vierköpfige Team hinter dem Neo-Programm steckt sich seine Ziele hoch. Ein Rechner allein würde für die Entschlüsselung eines aktuellen RSA-Codes "eine ziemlich lange Zeit brauchen", schreiben die Neo-Macher, "möglicherweise würde das länger dauern, als das Universum bisher alt ist".
Das wären wohl rund 15 Milliarden Jahre, was so manchen Enthusiasten abzuschrecken scheint: Bis heute ist es Neo nur gelungen, rund 2000 Teilnehmer zu finden - trotz der karitativen Ziele des Projektes.
Neo wird bekannt: die "Xbox-Challenge"
Einen wahren Publicity-Boost brachte dagegen eine ganz andere Nachricht: Ganz nebenbei, quasi huckepack, begann der Neo-Client in der ersten Januarwoche 2003, auch am Verschlüsselungscode der Xbox herumzurechnen.
Auch der gilt als so gut wie unknackbar, basiert auf einem RSA-Algorithmus und ist stolze 2048 Bits lang. RSA rechnet vor, dass eine Million 500-MHz-Pentium-Rechner rund 100 Milliarden Jahre brauchen würden, einen 1640-Bit-Schlüssel vollständig durchzurechnen. Ein 2048er wäre "exponentiell härter zu knacken" - als ob darauf noch ankäme.
Besonders aussichtsreich war das Neo "ProjectX" also nie. Doch sich an Microsoft zu messen heißt nun einmal, sich an einem extrem scharfkantigen Felsen zu reiben. Auf der anderen Seite gibt es kaum ein besseres Rezept, im Web beliebt und populär zu werden. Plötzlich hatte Neo mit ganz neuen Rechnerproblemen zu kämpfen: Unter der Last des Web-Verkehrs drohten zeitweilig die Server zu kollabieren. Doch nach nur vier Tagen gingen den Neo-Machern offenbar die Nerven durch: "Aus juristischen Gründen" stellten sie das "ProjektX" ein.
Es folgten ein paar Tage des Schweigens - außer in den Foren von Neo, Geek.com und anderen DC-orientierten Projekten. Da bekamen die Neo-Macher ihr Fett weg: "Schwanz einkneifen" wurde ihnen einerseits vorgeworfen, offenbar von Usern, die gerade wegen des Xbox-Versuchs zu Teilnehmern geworden waren. Stammnutzer von Neo äußerten sich anders: Sie sahen in dem Xbox-Versuch einen Publicity-Stunt, der die ursprüngliche Idee des Neo Project korrumpiere. Wer auch immer die Neo-Macher in die Defensive gedrängt hatte - die Rechtsabteilung von Microsoft oder die eigenen Nutzer - der Xbox-Crack-Versuch entpuppte sich als Eigentor.
Es geht trotzdem weiter
Am 9. Januar war Neo Project plötzlich wieder da: Nach eingehender Prüfung der juristischen Fragen hatten sich die Macher entschlossen, dem Xbox-Schlüssel doch weiter auf die Pelle zu rücken. Microsoft, verkündeten sie, werde man schriftlich in Kenntnis setzen und um Erlaubnis für diese "Forschungsarbeit" bitten.
Damit tickt die Uhr für Microsoft, das damit allenfalls noch ein paar hundert Milliarden Jahre Zeit hat, eine neue Verschlüsselung oder einen Xbox-Nachfolger zu entwickeln, und für Neo Project, dessen Glaubwürdigkeit gerade völlig in die Binsen geht. So toll Distributed Computing sein mag, es ist kein Spiel zum Selbstzweck und wird als Konzept in zu vielen Projekten, die es nicht wert sind, verschlissen: Würde das Konzept für vernünftige, förderungswürdige Ziele eingesetzt, gäben wohl mehr Unternehmen die Erlaubnis zur Teilnahme. Die Realität sieht aber anders aus, und Schlagzeilen machen eben nicht die ernsthaften Projekte.
"Das hier", schrieb treffend "ud" als Reaktion auf das Wiederaufleben von Neo im Forum von Geek.com, einer Website, die des Moralins ansonsten völlig unverdächtig ist, "scheint mir ein weit lohnenderer Zeitvertreib für unterbeschäftigte Rechner zu sein als die Suche nach einer Heilungsmethode für Krebs".
Die Zeiten für solche Spaß-"Challenges" scheinen aber auch aus ganz pragmatischen Gründen vorbei. "heyman" antwortet "ud" aus Sicht des Sportsmanns: "Es ist inzwischen einfach zu hart. Code-Cracker sind bald arbeitslos..."
Denkt man an Web-Volkshelden wie die Xbox-Cracker von Neo, dann fällt es schwer, darüber traurig zu sein.
Frank Patalong