Netzdepesche: Die andere Hälfte des Webs - DER SPIEGEL
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Netzdepesche Die andere Hälfte des Webs

"Die Frauen tragen auf ihren Schultern die Hälfte des Himmels, und sie müssen sie erobern", wusste schon Mao. Trotz aller Netzeuphorie lassen sich die Frauen hier zu Lande Zeit mit der Eroberung, auch was das Internet und die neuen Technologien anbelangt. In anderen Ländern sieht das schon ganz anders aus.
Von Christiane Schulzki-Haddouti
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Der typische Onlinenutzer ist in Deutschland noch immer primär männlich, jung, hochgebildet und berufstätig", weiß das Bundeswirtschaftsministerium . Und noch immer gilt der Spruch "Frauen und Technik" hier zu Lande als negativ besetzt.

Damit ist es schon fast ein Wunder, dass bereits 26 Prozent der Internetnutzer in Deutschland Frauen sind - 1997 waren es noch 10,5 Prozent. Im Vergleich zu Ländern wie den USA, Kanada, Schweden, Holland oder der Schweiz ist das aber reichlich mager. Nach Umfrageergebnissen des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Angus Reid könnte in diesen Ländern der Anteil sogar schon Ende diesen Jahres 60 Prozent betragen.

Noch ernüchternder sind die Zahlen, wenn es um Frauen in IT-Berufen geht. Seit Jahren sinkt hier in Deutschland der Frauenanteil. In diesem Jahr sind es nur 17 Prozent Frauen, die sich zu einem informationstechnologischen Beruf entschlossen haben. Tendenz fallend: Nur 13 Prozent der Studentinnen entschlossen sich nach Angaben von Gabriele Winker, Professorin für Arbeits- und Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Furtwangen, für ein entsprechendes Studium.

Gabriele Winker kennt das Problem seit Jahren - und sieht die Ursache vor allem im Technikimage: "Technik ist in Deutschland männlich hoch männlich hoch männlich besetzt."

Doch auch Inhalte seien von männlichen Interessen geprägt. So finden Frauen oft keine relevanten Informationen im Netz: Wo finde ich in meinem Stadtteil eine Kinderbetreuung? Wo finde ich Ärztinnen? Dabei wäre ein frauenspezifisches Branchenbuch "mit der richtigen Konzeption nur noch einen Knopfdruck entfernt". Damit könnten die Nutzerinnen selbst entscheiden, wie sie informiert werden möchten.

Winker ist davon überzeugt, dass Mädchen und Frauen oft auch falsch oder gar nicht angesprochen werden. Nicht zuletzt der überwältigende Erfolg einer Anzeige für Auszubildende von Alcatel, die mit dem Motto "Wir suchen auch Männer" geworben hatte, zeige aber, so Winker, dass das Interesse bei Mädchen für technische Berufe sehr wohl vorhanden sei.

Dass kann auch Veronika Hucke, Pressesprecherin von Alcatel bestätigen: Über 190 Bewerbungen von Frauen habe es auf die Kampagne gegeben, über 100 seien zu Vorstellungsgesprächen eingeladen worden. Inzwischen liege der Frauenanteil in dem beworbenen Ausbildungsgang bei Alcatel bei "rund 43 Prozent". Hucke: "Wir haben aus den Bewerbungen nicht nur unseren Bedarf für dieses Jahr decken können, sondern haben auch Bewerbungen zurückgehalten, um zu sehen, ob die Frauen nicht an unserem Ausbildungsgang 2001 interessiert sein könnten."

Frauenfeindlich: Die aberwitzigen Arbeitszeiten in IT-Berufen

Doch solche Erfolgsmeldungen sind nach wie vor Ausnahmen. Als größtes Problem sieht Gabriele Winker die mangelnde Arbeitszeitflexibilisierung, von der vor allem Frauen mit Kindern betroffen sind. In der IT-Branche seien 50 bis 70 Wochenstunden die Regel.

Winker: "Für Familien ist das nicht mitzuhalten." Zwischen männlichen und weiblichen Singles in Technikberufen gäbe es hingegen kaum noch Unterschiede. Für sie ist deshalb klar: "Singles gestalten frauenfeindliche Arbeitsumgebungen". Dabei könne die Rund-um-die-Uhr-Beschäftigung auch für Männer "nicht das Zukunftsmodell" sein.

Dass es auch anders geht, zeigt die Mainzer Software-Entwicklungsfirma ISB. Das Unternehmen beschäftigt 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Davon sind ein Viertel Frauen. In der ersten und zweiten Führungsebene beträgt der Frauenanteil sogar mehr als 50 Prozent. In der männerdominierten Branche stellt die Firma die Hierarchiepyramide sozusagen auf den Kopf. 1999 wurde ISB für die an Chancengleichheit orientierte Personalführung vom Arbeitskreis Total-E-Quality  deshalb mit einem Prädikat ausgezeichnet.

Das Erfolgsrezept ist für Monika Glagau, seit letztem Jahr Mitglied der Geschäftsleitung, die schlichte Tatsache, dass es "keine Vorurteile über Frauen in der Firma gibt". Spezielle Angebote für Frauen habe es jedoch nie gegeben - außer flexiblen Arbeitszeitmodellen zwischen 50- und 100-prozentiger Beschäftigung, Heimarbeitsplätzen und einer Firmen-Krabbelstube. Diese Angebote werden auch von Männern in Anspruch genommen.

Dass so wenige Frauen sich für ein IT-Studium entscheiden, hält Glagau vor allem für ein Erziehungsproblem: "Das fängt schon bei Geschenken an: Mädchen bekommen Puppen, Buben etwas zum Basteln." Für vorbildlich hält sie deshalb das Ada-Lovelace-Projekt  in Rheinland-Pfalz, das Mentorinnen in Schulen schickt. Mentorinnen sind Frauen, denen ihr technischer Beruf Spaß macht und die Schülerinnen davon erzählen und zu Betriebsbesichtigungen mitnehmen. Motto: "Was ich will, das kann ich!"

Ein ähnliches Projekt hat die Initiative D21  entwickelt. Firmen wie Hewlett-Packard, Siemens und Alcatel haben schon lange begriffen, dass sie den akuten Fachkräftemangel nicht lösen können, "wenn sie nur aus 50 Prozent der Bevölkerung ihre Mitarbeiter rekrutieren", sagt Winkler.

D21 schickt jetzt deshalb aus Mitgliedsfirmen über 1300 so genannte Ambassadore in die Abschlussklassen von Realschulen und Gymnasien. So auch die Alcatel-Produktmanagerin Kerstin Skerra, die in Schulklassen mit Vorurteilen aufräumen will. Denn trotz der täglichen Nutzung von modernen Kommunikationskanälen fehlten den Schülern "oftmals das Kaleidoskop der Chancen und Möglichkeiten in diesem Bereich".

So gehe es in ihrem Job nicht darum, "nachts vor dem Rechner zu sitzen und Codes zu schreiben. Stattdessen arbeite ich mit Kollegen weltweit zusammen, um Strategien für Kommunikationsnetze zu entwickeln. Das ist spannend, abwechslungsreich und sehr teamorientiert."