Netzdepesche Infowar in Deutschland
Das Web-Portal Yahoo, der Online-Buchhändler Amazon.com, das Auktionshaus eBay, die Shopping-Site Buy.com, der Fernsehsender CNN und der Online-Wertpapierhändler Etrade - alle knickten sie ein: Eine durch ein so genanntes "Denial-of-Service"-Programm ausgelöste Lawine von Anfragen sorgte im Februar dafür, dass ihre Computersysteme zusammenbrachen.
Die Propheten des Infowar sahen ihre Vorahnungen endlich erfüllt. Innenminister Otto Schily setzte sogleich eine Task-Force ein: Darin sollen Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums, des Bundesamts für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sowie des Bundeskriminalamtes mögliche Bedrohungen für Deutschland analysieren und Gegenmaßnahmen entwickeln.
Mit den Gefahren aus dem Cyberspace beschäftigt sich auch eine kleine Arbeitsgruppe namens "Kritische Infrastrukturen" im BSI. Anlässlich der Grundrechte-Tagung in Berlin stellte Joachim Weber vom BSI nur erste Ergebnisse vor. SPIEGEL ONLINE liegt nun der Entwurf des "Sensibilisierungsberichts" vor, der immer noch in Schubladen und auf Festplatten schlummert.
Der Bericht listet die neuralgischen Punkte Deutschlands auf: Die Energie- und Wasserversorgung, die Telekommunikations- und Verkehrssysteme, das Gesundheitswesen, Notfall- und Rettungsdienste, Regierung und öffentliche Verwaltung sowie das Bank-, Finanz- und Versicherungswesen. Können sie nur eingeschränkt arbeiten, so "kann eine Kettenreaktion ausgelöst werden, die eine ernsthafte Krise nach sich zieht und die innere Sicherheit Deutschlands tangiert," prophezeien die BSI-Experten in ihrem Bericht.
Gefahr droht den Informationssystemen nicht nur durch die so genannten Denial-Of-Service-Attacken, mit denen Hacker Webserver kollabieren ließen. Weitaus kritischer ist es, wenn Unbefugte zivil oder militärisch nutzbare Informationen auswerten, absichtlich verändern, fälschen, unterbrechen oder gar vernichten. Auf diese Weise können beim "Cyberwar" gegnerische Informations-, Führungs-, Versorgungs- und Transportsysteme behindert oder sogar ausgeschaltet werden.
Abhilfe gegen solche Angriffe gibt es bislang nicht, Frühwarnsysteme existieren nicht. "Die Folge ist eine grundsätzlich neue Situation der Unsicherheit," so die Experten. "Der Schutz gegen und die Abwehr von Angriffen in elektronischen Informationssystemen sind lückenhaft, Frühwarnung und Abschreckung schwierig."
Hinzu kommen andere Gefahrenquellen: Behörden und Firmen verlagern aus finanziellen Gründen IT-Dienstleistungen zunehmend auf Fremdfirmen. Selbst durch umfangreiche Abnahmetests der in Auftrag gegebenen Software oder gar die Überprüfung des Quellcodes könnten jedoch "unerwünschte Mehrleistungen im Bereich der Programmentwicklung" nicht vollständig ausgeschlossen werden, meinen die BSI-Experten. Im Klartext: Wer Software bei Fremdfirmen bestellt, muss damit rechnen, ausspioniert zu werden.
Auch die Hardware birgt Risiken: Je komplexer die Technologie wird, desto empfindlicher reagiert sie auf äußere elektromagnetische Einstreuungen. Das nutzen neuartige Mikrowellenwaffen aus: Sie erzeugen einen extrem kurzen, jedoch höchst energiereichen elektromagnetischen Impuls, der die Halbleiterstrukturen beschädigt. Je nach Leistung können solche Waffen die Größe eines Schranks erreichen. Es gibt jedoch auch schon Geräte, die in einen Koffer passen und damit leicht zu tarnen und zu transportieren sind. Herkömmliche Schutzmechanismen versagen in der Regel als Abschirmung gegen solche Hochleistungs-Mikrowellenimpulse.
Obwohl in Deutschland bislang im Vergleich zu den USA die Risiken von Cyber-Bedrohungen etwa durch terroristische Gruppen oder durch feindlich gesinnte Organisationen deutlich geringer eingeschätzt wurden, ändert sich jetzt die Stimmung: "Die krisenhaften Entwicklungen in Südosteuropa und damit verbundene Fälle von IT-Angriffen zeigen deutlich, dass neue Gefährdungsquellen sehr rasch entstehen können", warnt der Bericht. Eine entsprechende aktuelle Bedrohungsanalyse existiert allerdings noch nicht.
Die BSI-Experten empfehlen deshalb, zur Vorbeugung Nachrichten zu verschlüsseln und schützenswerte Systeme von offenen Netzen abzukoppeln. In Diskussion ist eine Regierungsinitiative, die Expertenarbeitskreise in den Sektoren Telekommunikation, Energie, Verkehr und öffentliche Verwaltung einrichten soll, um die IT-Sicherheit zu untersuchen. Nur ansatzweise ist ein Nationales Lagezentrum im Gespräch, das - ähnlich dem National Infrastructure Protection Center im FBI - kritische Infrastrukturen erkennen und aussagekräftige Lagebilder erstellen soll.
Ungelöst ist bislang die Frage, wie künftig sensible Informationen zwischen staatlichen und privaten Stellen "vertrauensvoll" ausgetauscht werden können. Unklar ist auch, wer überhaupt zur Bekämpfung des "Cyberwars" betraut sein soll. Die Arbeitsgruppe schlägt - verständlicherweise - sich selbst beziehungsweise das BSI vor. Angesichts von Schilys Task-Force sind jedoch hier Meinungsunterschiede zwischen den Ressorts prädestiniert. Nicht zuletzt sind die Reibereien zwischen den Ressorts vermutlich auch der Grund, warum der Bericht trotz verschiedener Vorankündigungen immer noch nicht vorliegt.