"Netzoholiker": Die Sucht online zu sein - DER SPIEGEL
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"Netzoholiker" Die Sucht online zu sein

Der Sucht nach dem Netz verfallen offenbar immer mehr User. Das ist jedenfalls das Resümee der ersten europäischen Internet-Ambulanz an der Uni München.
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München - Die Patienten ziehen sich zurück, verlieren vor dem "Gegenstand" das Zeitgefühl und werden nervös bei Abstinenz: Diese Symptome ähneln denen der Alkohol- und Drogenabhängigkeit, aber der gefährliche Gegenstand lässt sich nicht schlucken, spritzen oder rauchen, der Computer fesselt durch Worte und Bilder. Für immer mehr Menschen wird das Surfen im Internet zur Sucht.

Die nach eigenen Angaben einzige Ambulanz für Internet-Abhängige  in Europa, geleitet von Ulrich Hegerl von der Universität München und dem Psychiater Oliver Seemann, führte von November bis März eine Online-Umfrage  durch. Unter den 2341 Nutzern erfüllten 4,6 Prozent die Kriterien der Internet-Abhängigkeit: Sie fühlten ein starkes Verlangen zum Internet-Gebrauch, vergaßen vor dem Bildschirm die Zeit und wurden nervös bei Entzug.

Außerdem isolierten sie sich und hatten Probleme in Partnerschaft und Arbeit. Als Beispiel nannte Hegerl Hausfrauen, die nachmittags stundenlang im Netz chatten oder Anleger, die ständig die Entwicklung der Aktienkurse verfolgen. Der Altersdurchschnitt der Abhängigen lag bei 28 Jahren. Die Mehrzahl waren Männer, doch sei dies kein besonderes Merkmal, da 70 Prozent der Internetnutzer männlich seien, erklärte Seemann.

Die am meisten angeklickten Webseiten der Betroffenen seien Chats und andere Kommunikationsadressen gewesen. An zweiter Stelle stünden Sexseiten.

Schätzungen gehen von 300.000 Betroffenen in Deutschland und 800.000 in den USA aus. "Wir halten diese Zahlen für übertrieben", sagte Hegerl. Er erwarte aber, dass die Zahl der Patienten in den kommenden Jahren zunehmen werde - parallel zur steigenden Zahl der Internetnutzer.

"Menschen mit einer großen Selbstunsicherheit" sind laut den Experten besonders gefährdet. Die potenziellen "Netzoholiker" hätten generell zwischenmenschliche Probleme und oft ein "wenig erfülltes Sex- und Liebesleben". Andererseits bräuchten sie ein soziales Netz. Das Internet biete für diese User den Reiz, anonym und autonom Kontakte knüpfen zu können.

Nach Hegerls Überzeugung, übe auf viele auch die "transzendentale Erfahrung" des weltweiten Netzes einen Sog aus. Außerdem reagiere das Internet auf jeden Tastendruck des Nutzers: "Er erlebt ein sofortiges Feedback", sagte der Arzt. Aus diesen Gründen sei das Internet gefährlicher als andere Medien.

Die Internet-Abhängigen litten bereits unter einer anderen psychischen Störung. Die krankhafte Internetnutzung sei "häufig Symptom einer zugrunde liegenden anderen Störung". Internet-Abhängigkeit könne daher auch nicht als eigenständige Krankheit gewertet werden, betonte Hegerl. Die Wurzeln des Problems lägen woanders und dementsprechend müsse sich die Therapie auf die eigentliche psychischen Störung konzentrieren.