Netzwelt-Ticker: Facebook stichelt gegen Datenschützer - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Netzwelt-Ticker Facebook stichelt gegen Datenschützer

In einem offenen Brief haben sich US-Bürgerrechtler an Facebook-Mitgründer Zuckerberg gewendet - die Antwort kam prompt und barsch. Außerdem: Anti-Spammer müssen Spammer entschädigen, YouTube-Schnitt für Großmütter und Opera schließt Such-Pakt mit. Das und mehr im Überblick.
Fühlt sich von Datenschützern missverstanden: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg
Fühlt sich von Datenschützern missverstanden: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg

Fühlt sich von Datenschützern missverstanden: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg

Foto: Marcio Jose Sanchez/ AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mehrere amerikanische Bürgerrechtsgruppen, darunter die American Civil Libraries Union (ACLU) und die Electronic Frontier Foundation (EFF), rufen in einem offenen Brief den Facebook-Mitgründer Mark Zuckerberg zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit den Daten  der geschätzt 500 Millionen Facebook-Mitglieder auf. Zwar sei Facebook in den vergangenen Tagen mit Verbesserungen am Datenschutz ein paar Schritte in die richtige Richtung gegangen, die wirklich brennenden Privacy-Probleme habe das Unternehmen dabei aber nicht angegangen.

Die Bürgerrechtler fordern von Facebook nun konkrete Verbesserung des Datenschutzes in sechs Punkten, etwa dem umstrittenen Instant-Personalization-Feature, mit dem fremde Websites einen Facebook-Nutzer identifizieren und mit einer speziellen Web-Version ihrer selbst bedienen können. Facebook-Mitglieder sollten dieses Feature künftig nicht immer wieder ausschalten(opt-out), sondern manuell einschalten können (opt-in). Auch sollte Facebook damit aufhören, das Surfverhalten der Mitglieder anhand des "Gefällt mir"-Buttons auf fremden Websites aufzuzeichnen.

Facebook

reagierte prompt mit einer Antwort an die Bürgerrechtler , kündigte weitere Schritte in Sachen Datenschutz an - verschlüsselte Datenverbindungen, mehr Datenschutz-Einstellmöglichkeiten - und versuchte, die Bedenken der Datenschützer in manchen Punkten zu zerstreuen: Die "social widgets" sammelten Daten zwar ein, diese würden aber nicht für zielgerichtete Werbung missbraucht, die Instant Personalization sei großartig falsch verstanden worden: Fremde Websites kriegten doch nur zu sehen, was ein Mitglied als "öffentlich" markiert habe.

Techcrunch nimmt die Facebook-Antworten auseinander, erkennt bei Facebook Einsicht und Dreistheit. Was Facebook zur Instant Personalization zu sagen hat, sei reichlich schwach (und damit verdächtig), und was ist das eigentlich für ein seltsamer Zug, den Datenschützern vorzuwerfen, sie würden die Entblößung von Nutzerdaten  durch einen Standard zum Datenexport befürworten?

Anti-Spammer müssen Spammer entschädigen

Ein bizarrer Prozess geht zu Ende: Weil ein Kläger seine fantastischen Schadensersatz-Forderungen nicht auf tatsächlich entstandenden Schaden zurückführen konnte, stutzte ein US-Richter die Schadenssumme von 11,7 Millionen auf 27.002 Dollar. Der Kläger, ein E-Mail-Werber aus Chicago, wird das Geld wohl trotzdem nie sehen - die Verurteilten, das Anti-Spam-Projekt Spamhaus, sehen sich außerhalb amerikanischer Gerichtsbarkeit.

Der skurrile Fall reicht bis in den September 2006 zurück, als David Linhardt, E-Mail-Werber und Boss der Werbefirma e360 Insight (seit Januar 2008 bankrott), das Spamhaus-Projekt vor einem amerikanischen Gericht auf Schadenseratz verklagte: Ich bin kein Spammer !

Und tatsächlich urteilte ein Gericht in erster Instanz für Linhardt: Weil es seine Server in eine Spamliste aufnahm und ihm so das Geschäft verhagelte, müsse Spamhaus einen Schadensersatz von 11,7 Millionen Dollar zahlen. Spamhaus blieb der Verhandlung damals fern, ließ sich aber in den folgenden, sich immer skurriler entwickelnden Prozessen von einer US-Firma vertreten. Der Fall ging durch die Instanzen, der E-Mail-Werber fasste nach, forderte plötzlich 135 Millionen Dollar Schadensersatz, dann 120 Millionen, zuletzt nur noch 30 Millionen. Bis sich ein Gericht vorrechnen lassen wollte, wie der angebliche Schaden denn tatsächlich zusammenkommen könnte - und die einstige Supersumme auf zahme 27.000 Dollar in einem und jeweils einen symbolischen Dollar in zwei anderen Fällen zurechtstutzte.

Nicht, dass Spamhaus jemals vor hat, diesen Betrag zu zahlen: Die Blogger von Ars Technica, die den Fall in seiner ganzen Pracht entfalten, fassen die Position Spamhaus  so zusammen: Als britische Firma falle man nicht unter US-Gerichtsbarkeit, der Kläger ist tatsächlich ein Spammer und das US-Justizsystem stinkt schlimmer als ein Topf voller vergammelter Blutwurst.

YouTube-Schnitt für Großmütter

Weil es offenbar immer noch nicht genug YouTube-Videos gibt, hat das Videoportal ein paar Online-Werkzeuge veröffentlicht, mit denen sich frisch hochgeladene Rohvideos ganz einfach schneiden und vertonen  lassen. Ars Technica bezeichnet den Online-Schnittplatz in einem Kurztest als "so einfach, dass Ihre Großmutter ihn bedienen könnte ." Der Clou: Reduktion. YouTube-Mitglieder können nur ganze Videos, die sie unter ihrem Namen auf die Videoserver luden, in beliebiger Reihenfolge zusammenkleben und mit einer Vielzahl eigens für diesen Dienst lizenzierter Songs untermalen.

Das Web-Leben ist zu 22 Prozent sozial

Rund 13 Minuten pro Stunde verbringt ein typischer Internetsurfer in sozialen Netzwerken, mit Instant Messaging und Blogs. Das ist das Ergebnis einer jährlichen Befragung  von Surfern weltweit durch die Marktforschungsfirma Nielsen.

Weltweit besuchen demnach derzeit drei Viertel aller Surfer regelmäßig Blogs und soziale Netzwerke - ein Anstieg um 24 Prozent seit einer ähnlichen Messung vor einem Jahr. Weltweit verbringen Surfer monatlich insgesamt 110 Milliarden Minuten mit diesen Web-Angeboten - allen voran Facebook und YouTube. Freilich gibt es erhebliche regionale Unterschiede: Während in Italien zwei Drittel der Surfer regelmäßig bei Facebook nach dem Rechten schauen, dominiert in Brasilien Googles altes Orkut-Netzwerk, in Russland der Facebook-Klon Vkontakte.ru. Die meisten sozialen Netzwerker pro Bevölkerung gibt es mit 86% in Brasilien, die meiste Zeit aber verbringen die Australier in diesen Netzwerken. Im April dieses Jahres waren sie jeweils durchschnittlich 7 Stunden 20 Minuten sozial vernetzt.

Opera schließt Suchpakt mit ...

... ja, tatsächlich mit Microsoft . The Register kann es offenbar gar nicht fassen: "Microsoft hat einen Vertrag mit Erznemesis Opera Software  unterschrieben." Wer es selbst nicht glauben kann, sollte die Chance nutzen und die gerade brandneue Opera-Version 10.60  (mit WebM, Geolocation und Offline Web-Apps) herunterladen. Dort wird Microsofts Suchmaschine Bing nun als Standard der Schnellsuche verwendet. Sprich: Wer etwas via Adresszeile sucht, sucht mit Bing.

Warum dieser Deal so ungewöhnlich ist: Opera ist schuld daran, dass Microsoft von den EU-Wettbewerbshütern wegen der gemeinsamen Auslieferung von Internet Explorer und Windows-Betriebssystem tüchtig rangenommen wurde - ein Prozess, der mit der für alle Beteiligten ungünstigen, aber verpflichtenden Browserwahl endete.

Weitere Meldungen

Mehr lesen über

Verwandte Artikel