Off air, online BBC kappt die Kurzwelle
"Vom 1. Juli 2001" an, steht an diesem Morgen in einem Editorial von BBC-World-Service-Leiter Mark Byford zu lesen, "wird der World Service seine englischen Ausstrahlungen nach Nordamerika, Australien, Neuseeland und zu den pazifischen Inseln auf seine zahlreichen News-Übernahme-Kooperationen auf UKW und Mittelwelle konzentrieren, dazu auf das 24-stündige Online-Output".
So sprechen Diplomaten.
Klarer hätte man die Nachricht auch so fassen können: Die BBC stellt ihren Auslandsrundfunk über Kurzwelle in den genannten Regionen ein und investiert stattdessen ins Web. Sie gibt auf. Streicht zusammen. Und hat gute Gründe dafür.
700.000 Dollar zum Beispiel: So viel kostet die Kurzwellen-Versorgung die BBC im Jahr. Eigentlich ist das Kleingeld, aber immer kleiner wird eben auch die Gruppe der Hörer, die auf den großen Gong zur vollen Stunde warten und das seriös-sonore "This is London".
Seit 1932 beginnt so der Newsblock der BBC, eine Institution mit hohem Prestigewert - und immer geringerem praktischen: Gerade einmal 1,25 Millionen Hörer in den nun zusammengestrichenen Regionen schalten noch ihren Kurzwellenempfänger an. Dem gegenüber stehen nun satte 1,5 Millionen Web-Radiohörer, sagt die BBC. Die "Reichweite" der BBC sei in den genannten Ländern nun online größer als "on air".
Das Ende der Kurzwellen-Ausstrahlungen der BBC ist somit nichts anderes als das Zeichen eines Technologiewandels.
Nicht zufällig sind Teile der höchst-technisierten Welt betroffen: In den Entwicklungs- und Schwellenländern, versichert die BBC, werde es auch weiterhin Kurzwellen-Programme geben. Hat da jemand das "vorerst" vergessen?
Denn letztlich vollzieht sich am Beispiel der BBC, was angeblich nie geschieht: Die Ablösung eines Mediums durch das andere. Natürlich ist es am Ende billiger, ein Paket an Webseiten zu produzieren und die Kosten für deren "Vertrieb" an den Konsumenten abzugeben (der für das "Surfen" zahlt), als Sendeanlagen und Transponder zu unterhalten.
In der neuen Zeit hat die alte Kiste ausgedient
"Diese Entscheidung", schreibt Byford, "wurde als Reaktion auf die Revolution getroffen, die darin besteht, wie sich das Mediennutzungsverhalten der Menschen in den entwickelten Märkten verändert hat".
Dort, schreibt Byford, sind die Hörer der Kurzwelle doch längst abgewandert, suchen die BBC über "UKW, über das Internet oder Satellit, Kabel oder mobile Geräte".
Die Nachricht verursachte einen Sturm des Protestes unter den wahren Fans des World Service. Zu viele "internetfreie" Haushalte gebe es noch, ins Auto könne man das Web auch nicht mitnehmen, und für UKW sei das australische Outback ein wenig groß geraten - und unterversorgt.
Doch die Entscheidung steht, und ist nicht ohne Beispiel. Erst im Oktober letzten Jahres stellte die Voice of America einen Teil ihrer Auslandsdienste ein, und auch bei der Deutschen Welle kennt man den Kampf, immer wieder begründen zu müssen, warum man welche Region auch weiterhin erreichen müsse.
Der wird nicht einfacher zu führen sein in einer Welt, die zunehmend "online" geht - den Verfechtern des Auslandsrundfunk gehen die Argumente aus. Die BBC zog daraus nun die Konsequenzen, macht aber auch klar, dass sie nicht vorhat, zu verstummen. Was sich ändert, ist der Vertriebsweg, die Gestalt des Mediums. Das ist okay, denn "BBC" steht nicht für eine Radiofrequenz und ein bestimmtes Empfangsgerät, sondern für ein bestimmtes Profil.
Mark Byford: "Die Veränderungen in unseren Sende-Services reflektieren unser Engagement für die Rolle, die wir in einer sich rasend schnell verändernden Medienwelt spielen". Sprich: Wer künftig noch gehört werden will, sollte ein Vertriebsmedium wählen, das im Zielland auch noch genutzt wird. Das Kurzwellenradio aber geht in den technisierten Ländern off air. Künftig wird man zum Gong und "This is London" Big Ben auch sehen können.
Frank Patalong