One-Day-Movies: Codec statt Kodak - DER SPIEGEL
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One-Day-Movies Codec statt Kodak

In den Festivalkinos zelebriert die Branche die hohe Filmkunst, beim Berlinale Talent Campus dagegen eine andere: Jeden Tag entsteht dort ein professionell gedrehter Kurzfilm. Die Idee: Ad-hoc-Cinema, mit Dreh, Schnitt und Veröffentlichung im Web an einem Tag.
Von Helmut Merschmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf dem Set von "Resigned " ist es mucksmäuschenstill. Man würde eine Nadel zu Boden fallen hören, als die letzten Szenen gedreht werden. Marianne Graffam steht mit dem Telefonhörer in der Hand an einem Fenster und schaut versonnen hinaus. Sie spielt eine Ehefrau, die mit ihrem Mann telefoniert. Gleich wird sie zu Boden sinken und so wie alle Personen in diesem Kurzfilm am Ende sterben.

Im Off sitzt ein Schauspielerkollege und antwortet ihren englischen Passagen auf Deutsch. Vor einem Monitor scharen sich neben der Regisseurin Tamara Mahoney viele Techniker. Als alles im Kasten ist, bemerkt ein Beleuchter einen winzigen Nagel in der Zimmerwand neben der Schauspielerin. Nochmal drehen? Nein, entscheidet die Regisseurin: "Den radieren wir in der Postproduktion aus."

So etwas zählt zu den Vorzügen, wenn Filme digital entstehen: Kleinere Fehler lassen sich im Nachhinein am Computer beheben. Codec statt Kodak lautet die Devise.

Trotzdem mutet der Vorfall lustig an, denn "Resigned " wird fürs Internet produziert. Bei einer Auflösung von 480 mal 320 Bildpunkten fällt wahrlich kein Wandnagel mehr auf. Genauigkeit muss aber bitte trotzdem sein. Und so wird Cutter Victor Ruano den Nagel verschwinden lassen müssen. Es ist Sonntag, sechs Uhr abends. Die Zeit drängt: Im Idealfall soll der Film binnen Stunden im Web stehen.

"Resigned" ist einer von vier Filmen, die im "Garage Studio" auf dem Berlinale Talent Campus entstehen. Die Idee ist, einen kompletten Film unter professionellen Bedingungen an einem einzigen Tag "zu drehen, zu schneiden und hochzuladen", verrät Andrew Amondsen, der das Garage Studio leitet. Vier Filmteams aus insgesamt 500 Teilnehmern des Talent Campus haben über ein Web-Interface zueinander gefunden. Sie stammen aus der ganzen Welt: Regisseurin Tamara Mahoney aus den USA, Kameramann Victor Zimmerman ebenfalls, Editor Victor Ruando aus El Salvador, und die Schauspielerin Marianne Graffam ist Deutsch-Britin.

Jenseits des Glamour: Hier wird gearbeitet

Seit fünf Jahren lädt das Berliner Filmfestival 500 Nachwuchstalente zum Berlinale Talent Campus. Die Teilnehmer kommen aus allen Teilen der Welt und leben zehn Tage lang in einer konzentrierten Arbeitsatmosphäre. Sie drehen Kurzfilme oder lauschen Vorträgen in Workshops mit Regieprofis wie Wim Wenders, Tom Tykwer oder Raoul Peck. Am Ort des Geschehens, dem Theater am Halleschen Ufer, kurz HAU genannt, prangt in fetten Lettern der Schriftzug "Home Affairs, Privacy, Films and Politics". So lautet das diesjährige Campus-Motto. Auch die einminütigen Bewerbungsfilme aller 500 Teilnehmer, die man auf der Website anschauen kann, haben irgendwie damit zu tun.

Der Berlinale Talent Campus ist eine Welt für sich – eine Plattform, abgeschirmt vom sonstigen Festivalgeschehen, wo junge Filmschaffende netzwerkeln und miteinander in Kontakt treten. Gleichzeitig versteht sich der Talent Campus als Entree zur Berlinale. "Ohne diese Plattform", erklärt Campus-Leiterin Dorothee Wenner, "wäre es nicht möglich, die Talente von morgen aufzuspüren."

Vergangenen Mittwoch war Tamara Mahoney nach Berlin gekommen. Erst hier lernte sie die anderen Teammitglieder persönlich kennen. Vorher hatte sie bloß per Mail mit ihnen kommuniziert. Ihr Film ist eigentlich gar kein lupenreines One-Day-Movie. Einige Hintergrund-Szenen entstanden bereits in Los Angeles. Alle vier Personen im Film telefonieren vor Fenstern, durch die später Ölraffinerien, Gärten und Vorstadtszenen zu sehen sind. Erst am Computer geraten die Hintergründe per Compositing in den Film. Für ein Internet-Movie ist das sicherlich sehr aufwändig.

Doch genau darum geht es: Das Garage Studio will unter Beweis stellen, dass Netzfilme nicht immer wie billigster Trash aussehen müssen und eine anspruchsvolle Geschichte erzählen können. "Resigned " etwa handelt von Leuten, die nicht den Mut aufbringen, ihr Leben zu ändern, obwohl es für sie viele Optionen bereithält. Deshalb müssen alle sterben. Zu der Geschichte inspiriert wurde die Regisseurin durch einen ehrenamtlichen Job als Helferin im amerikanischen Kongresswahlkampf. Mahoney hatte im Bundesstaat Georgia im Auftrag der Demokraten Leute angerufen und aufgefordert: "Geht wählen, sonst ändert sich gar nichts." Einige der Dialoge sind später im Film gelandet.

Die letzte Klappe fällt, das 15-köpfige Team applaudiert sich zu. Nun fehlen nur noch einige Körpergeräusche von den Darstellern, die die Sounddesignerin für den Tonschnitt benötigt. Noch einmal ist alles still, selbst das Filmteam des zweiten Tages, das sich schon im Studio eingefunden hat. Die Schauspieler laufen zwei Minuten lang herum und wedeln mit den Armen. Erschöpft, aber glücklich schauen sich danach alle an. "Die größte Herausforderung war das Zeitbudget", resümiert Regisseurin Mahoney später, "aber ich glaube, ich bin mit dem Projekt gewachsen." Kameramann Eric Zimmerman pflichtet ihr bei: "Man hat zwar nicht viel Zeit für Finesse, aber es war ein einmaliges Erlebnis."

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