Online-Diarys: Melle's Liste - DER SPIEGEL
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Online-Diarys Melle's Liste

Wer hofft, im Internet das zu finden, was er "mein altes Tagebuch" nennt, sucht vergebens. Wo Formen von Voyeurismus und Exhibitionsimus aufeinander treffen, verwandelt sich Spannung in Langeweile.
Von Henryk Frackowiak
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Wort Tagebuch wird im Internet vielfältig angewandt - leider auch entwertet. Dem englischen Diary geht es nicht besser. Sexgeschichten, Seifenopern und Werbetexte - für all das müssen diese Begriffe herhalten. User, die eigentlich auf der Suche nach den privaten Aufzeichnungen ihrer Mitmenschen sind, geraten schnell auf Websites mit kommerziellen Angeboten, deren Betreiber die Lust am Erspähen des Privaten in die Lust am Kaufen münden lassen.

Das Netz ist dennoch voll mit Websites, auf denen die Autoren ihr Privatleben online stellen, ohne dass ein Redakteur die Zeilen korrigiert hätte und ohne Kaufempfehlungen für Bücher, Bilder oder Videos. Jedenfalls versprechen das die Verfasser in den kurzen Textstücken, mit denen sie ihre Homepages in den Suchmaschinen präsentieren. Von "Ein paar Träume gefällig"  bis zum "Schwangerschaftstagebuch aus der Sicht eines Babys im Bauch" reichen die Aufmacher. Täglich neue Einträge werden garantiert, ganz wie es sich für eine private Chronik gehört.

Um die persönlichen Niederschriften mit gemeinsamer Kraft ins Netz zu pressen, schließt sich die Tagebuchgemeinde in Webringen zusammen. Webringe dienen dazu, Homepages desselben Themenkreises zu vernetzen und die Aufmerksamkeit für die, vorwiegend privaten, Homepages zu erhöhen. Jeder Teilnehmer hat einen Button auf seiner Seite, von der aus die Surfer im Ring navigieren können. Jeder Ring hat Aufnahmeregeln, die von einer Art Ringmanager kontrolliert werden.

Wer mitmachen will, muss sich an die Regeln halten

Als Ring der Ringe hat sich "Wellenbrecher"  im deutschen Netz hervorgetan. Melanie Teich (Melle), die "Herrin des Ringes"  wacht über die Einhaltung der Ringgesetze : "Schmuddeltagebücher mit pornographischen oder extremistischen Inhalten werden gar nicht erst in den Ring gelassen", sagt die 17-Jährige. 42 Homepages, die alle irgendwo ein Tagebuch enthalten, gehören zum Ring.

Melle hat natürlich auch ein Diary , das sie regelmäßig bestückt. "Das macht die Homepage lebendiger, und ich höre auch gerne die Meinung anderer über Dinge, die mich beschäftigen", erklärt die Schülerin. Eintrag vom Samstag: "Schon wieder 'ne Woche rum".

Die Inhalte der Tagebuchtexte reduzieren sich im Wesentlichen auf Tagesabläufe, Hinweise zur Handhabung der Homepage und Partyberichte. Schilderungen von Liebesdingen oder Problemen mit Mitmenschen bilden die Ausnahme. Kommen bei den Tagebuchschreibern die Gefühle zu kurz? "Das kann ich mir schon vorstellen", sagt Melle, "bei so etwas kann einem meistens nur jemand Vertrautes weiterhelfen, der die Situation kennt und sich einfühlen kann".

Das Tagebuch wird zum Lockvogel

Offenbar dienen Online-Diarys nur dazu, Besucher auf die eigene Homepage zu locken und sie mit ein paar Privatgeschichten zu belohnen. Melle meint, "es macht die Seite irgendwie persönlicher und lebendiger". Wer glaubt, das Tagebücher spontan und authentisch sein müssten, könnte durchaus enttäuscht werden. "Dass die Texte selbst geschrieben werden, ist schwer nachzuweisen, aber ich glaube kaum, dass wir Fakes im Ring haben", beschwichtigt Melle.

Wenn der eigentliche Sinn eines Tagebuches in der Reflexion von Erlebtem und dem so genannten Sich-von-der-Seele-schreiben-was-einen-bedrückt besteht, dann sind viele Online Tagebücher nichts anderes als eine Ein-Personen-Seifenoper, wie die Tagebuchschreiberin Anna  selbstkritisch bemerkt. "Mit dem immer wiederkehrenden ich, ich und ich, ein paar Blicken auf das Drumherum sind Tagebücher oft nicht mehr als eine Buchnabeltour", stellt Anna fest, die wie fast alle ihrer Mitstreiter ("Simply Simon" , "Alyssa"  oder "Cybera" ) unerkannt bleiben will und ihre Geschichten unter Pseudonym veröffentlicht.

Kein Wunder, denn wer seine Privatgeschichten ausplaudert, kann nicht nur mit einfühlsamen Gleichgesinnten rechnen, sondern muss sich gegebenenfalls auch gegen bösartige E-Mails schützen. Melanie Teich weiß: "Es gibt immer ein paar Leute, die meinen, sie müssten schreiben, wie doof sie dies und das finden, aber ignorieren reicht meistens völlig aus, um sich die vom Hals zu schaffen". Manche Dinge würde sie nie in ihr Tagebuch setzen, "Einzelheiten über eine Beziehung, persönliche Dinge über Freunde oder was mir im Vertrauen gesagt wurde".

Auf der einen Seite steht die Masse, auf der anderen stehst du

Das natürliche Bedürfnis, sich gegenüber der fremden anonymen Masse zu schützen, scheint mit dem Wunsch nach der Bekanntmachung des Privaten zu ringen. Melle glaubt an das Gute im Netz: "Es kam schon mal vor, dass ich geschrieben habe, dass ich wegen irgendetwas schlecht drauf bin, und daraufhin kamen oft nette und aufmunternde E-Mails". Echte Probleme löst sie jedoch im Gespräch mit ihren Eltern oder einer guten Freundin, "das hat im Online-Diary nichts zu suchen".

Eltern und Freunde dürfen im Internet-Tagebuch nicht fehlen. Sie bestimmen das Umfeld einer Gruppe, die unter den Diary-Leuten stark vertreten ist: die Teenager. Das jüngste Mitglied in Wellenbrecher ist gerade mal 15 Jahre alt. "Mein Vater schmökert selbst ab und zu in meinem Diary und findet es interessant, mich auch von dieser Seite her kennen zu lernen. Meine Mutter hat mit Computern und Internet allerdings gar nichts am Hut", sagt Melle. Werden vielleicht mit Papa die Soft- und mit Mama die Hard-Problems angegangen? Wichtig ist wohl, dass sie überhaupt angegangen werden, notfalls auch mit Hilfe des Internet. Über Alter und Geschlecht der Ringmitglieder kann Melle auf Grund der vielen anonymen Seiten keine Auskunft geben, allerdings sprechen die Inhalte, die sich öfter um die Themen Schule, Ferien und Ausbildung drehen, eine deutliche Sprache.

Den größten Spaß an der Sache haben indessen jene, die selbst Tagebücher fürs Netz verfassen und gleichzeitig die Texte der anderen lesen. Melles "Wellenbrecher" trafen sich im September sogar in Berlin, ein echter Web-Event. "Wir waren zusammen essen, haben uns stundenlang unterhalten und viel Spaß gehabt". Wer viel voneinander weiß, hat viel miteinander zu besprechen. Um sich ineinander zu verlieben, reicht das Lesen der Tagebücher mit den bekannten Schwächen nach Melles Meinung nicht aus, dazu müsste man sich schon begegnen. Die Wellenbrecher tun ihr Bestes dafür, das nächste Treffen ist bereits geplant. Dann gilt Schummeln im Sinne von weglassen, hinzudichten, aufbessern und inszenieren nicht mehr; dann wird vielleicht all das besprochen, wovon die Tagebücher aus gutem Grunde schweigen.